Fahrbericht Suzuki SV 650 und SV 650 S (Archivversion) Eine Klasse für sich

Das gab es bislang nicht: Motorräder mit der Anmutung großer Big Bikes zum Preis kleiner Einsteigermaschinen. Suzuki SV 650 und SV 650 S, sympathische Zweizylinder für jedermann.

Es müssen nicht immer die ganz großen, ganz starken oder ganz schnellen Maschinen sein, die für Unruhe in der Motorradwelt sorgen. Manchmal steht auch eines dieser sogenannten Mittelklasse-Motorräder im Rampenlicht. Im Falle Suzuki sind’s mit den Modellen SV 650 und SV 650 S gar gleich zwei.Die Gründe für das vorliegende Beispiel sind recht einfach zu erklären: Zuerst ist da sicherlich der optische Aspekt. Die nackte und die verkleidete SV sahen bei ihrer ersten Präsentation auf der INTERMOT aus wie erwachsene Motorräder und erweckten nicht schon auf den ersten Blick den Eindruck, daß an allen Ecken und Enden nur Billigware aus den Ersatzteillagern aufgearbeitet wurde.Woraus sich automatisch Punkt zwei ergibt, nämlich der technische Reiz der beiden Suzuki-Neuheiten. Ein Alu-Rahmen ähnlich dem der großen Schwester TL 1000 S, Alu-Schwinge mit Zentralfederbein und Umlenkung, ein konstruktiv klug und aufwendig gemachter - natürlich wassergekühlter - Zweizylinder-Vau-Motor (technische Details siehe Seite 28/29), Edelstahlauspuff und Doppelscheibenbremse im Vorderrad. Motorradfahrerherz was willst du mehr? Oder besser gefragt: Was brauchst du mehr? Denn das ganze Paket wird auch noch zu einem Preis angeboten, der nicht nur schwäbische Naturen jubilieren läßt. Womit wir - Sie ahnen es bereits - bei Punkt drei angelangt wären.Soviel zur theoretischen Betrachtungsweise. MOTORRAD läßt für alle Interessierten und die, die es vielleicht noch werden wollen, die praktische folgen. Und zwar bei einem ersten Proberitt auf der kanarischen Sonneninsel Teneriffa. Kurvige Landsträßchen und frühlingshafte Temperaturen bieten beste Voraussetzungen, den beiden Vorserienmaschinen auf den Zahn zu fühlen.Die Inselerkundung startet im Sattel der verkleideten S-Version. Der TL 1000 S wie aus dem Gesicht geschnitten, ähnelt auch die Sitzposition der des großen Vorbilds: leicht nach vorn gebeugt, enger Knieschluß und stark angewinkelte Beine. Alles einen Hauch kleiner als bei der TL, aber selbst für einen 190-Zentimeter-Menschen noch genügend Raum, um sich wohl zu fühlen.Ohne Mucken überbrückt der sportliche, nominell 71 PS starke V-Motor die kurze Warmlaufphase. Bereits nach wenigen Metern können die beiden 39er Gleichdruckvergaser auf eine Gemischanreicherung verzichten und garantieren einen sauberen Rundlauf. Knapp unter 3000/min geht der Spaß dann richtig los, der Twin der SV 650 schiebt ruckfrei und gleichmäßig über sein gesamtes Drehzahlband. Dabei läßt sich kein Bereich finden, in dem sich der quirlige Bursche auch nur die geringste Blöße gibt. Seine absolute Stärke spielt er aber zwischen 4000 und 7000/min aus: immer ausreichend Leistung, um die laut Hersteller 189 Kilogramm (fahrfertiges Gewicht) leichte Sportlerin flott zu beschleunigen, mit reichlich Drehzahlreserven für den Ernstfall (roter Bereich bei 10500/min) und nahezu ohne nervige Vibrationen. Kurz: Motorradfahren der absolut streßfreien Art.Von gleichem Charakter zeigt sich auch das Fahrwerk der SV 650 S. Komfortabel abgestimmt, beherrscht es fast die gesamte Bandbreite zwischen Bummelei und moderat-sportlicher Kurvenhatz. Lediglich beim harten Anbremsen sackt die Gabel bis auf den weich einsetzenden, hydraulischen Endanschlag durch.Spielerisches Handling, zielgenaues Einlenken und stabiles Kurvenverhalten machen die SV 650 S im Kurvenlabyrinth der Insel zur unwiderstehlichen Sympathieträgerin. Von einer Schräglage in die andere fallen, spielerisch in enge Kehren hineinbremsen und mit sicherem Gefühl wieder den Gashahn aufziehen - ein echter Genuß.Zu diesem sicheren Gefühl tragen auch die Bremsen ihren Teil bei. Nicht allzu bissig, aber mit einer guten Wirkung und bester Dosierbarkeit werden diese japanischen Tokico-Stopper sowohl Einsteigern als auch versierten Aufsteigern gerecht.Der Wechsel von der sportlichen S zur unverkleideten Version sorgt für ein Aha-Erlebnis. Auf dem Papier so ähnlich und doch so fremd - das ist der erste Eindruck. Obwohl die Unterschiede im ergonomischen Bereich minimal sind - Fußrasten 20 Millimeter weiter vorn, Lenker rund 50 Millimeter höher -, erscheint das Naked Bike wie ein komplett anderes Motorrad. Aufrechter und noch bequemer sieht man das kurvige Asphaltband auf sich zufliegen.Von der Motorseite bis auf eine etwas kürzere Sekundärübersetzung identisch, zeigen sich im Fahrverhalten ebenfalls Unterschiede. Die unverkleidete SV beherrscht den Kurventanz nicht ganz so perfekt wie ihre Schwester, wirkt fast schon überhandlich und reagiert in engen Kurven mit schlechtem Belag nervös und kippelig. Trotz gleicher Fahrwerksabstimmung vermittelt das Vorderrad ein indirekteres Gefühl bei Kurvenfahrt. Zu wenig Gewicht auf der Frontpartie? Das könnte erklären, warum die S-Version diesen Tick souveräner um die Ecken bügelt.Nach ein paar Kilometern der Umgewöhnung hat man sich allerdings schnell mit dieser kleinen Schwäche arrangiert und freut sich auf die unzähligen Kurven, die es vor Sonnenuntergang noch zu genießen gilt.

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