Fahrbericht Titan Gecko (Archivversion) Unter den Titanen

Nicht nur die japanische Chopper-Konkurrenz wird für das Original aus Milwaukee stärker: Die kleine Firma Titan aus Phoenix erfüllt extravagante Wünsche.

Die griechische Mythologie kennt die Titanen als Söhne und Töchter von Erde und Himmel. Und neben dem nach ihnen benannten, hochfesten Leichtmetall bollern unter dem Logo Titan fünf Chopper im Drag-Bike-Stil über US-Highways. Gecko, Coyote, Sidewinder, Roadrunner und Scorpion heißt das Quintett aus Phoenix im US-Bundesstaat Arizona. Vor drei Jahren stellten die geistigen Väter und Titan-Bosse Patrick und Frank Keery ihre erste Titan auf die Räder, bei der kein einziges Teil aus Milwaukee Verwendung fand. Der 27jährige Patrick Keery, Geschäftsführer der Paragon Custom Cycles, hatte bis dato Tuningteile für Harley-Davidson vertrieben und nicht nur seinen Vater überzeugt, eine neue Chopper-Generation zu bauen. Frank Keery, ehemals Vorstand eines Elektronikzubehör-Herstellers, genoß bereits seinen Ruhestand, stieg jedoch nach einer intensiven Marktanalyse in das Projekt »Titan« ein. Der Brite Dugie Butler, Importeur amerikanischer Fitnesstudio-Ausrüstungen, entpuppte sich im Frühjahr 1995 als Katalysator für die inzwischen 36köpfige Titan-Crew. »Nach einem Tagesritt auf der Gecko gab’s für mich nur eins«, erklärt der Liebhaber dicker V-Twins beeindruckt, »den Import nach England.« So ist die hier vorgestellte Gecko die erste straßenzugelassene Titan in Europa und bei dem Preis von etwa 62000 Mark in der Standardausführung gleichzeitig eines der teuersten Serienmotorräder, nicht nur im Vereinigten Königreich. Ihrem flachen Amphibien-Namensvetter macht die Gecko alle Ehre: Der Radstand übertrifft dank des extrem flachen Lenkkopfs sämtliche Serienchopper. Das ist zwar, zusammen mit dem edlen, jedoch schmalen Arlen Ness-Lenker, dem Geradeauslauf förderlich, führt aber schon bei leichtem Stop-and-go-Verkehr zu exzessivem Muskeltraining. Wer auf der Titan mit zuviel Elan ins enge Kürvchen choppt, beweist freilich Mut, kann das Bike jedoch ohne Schwierigkeiten zum Funkenmariechen degradieren. Gleichwohl die stählerne Ausführung anders als Geckos aus der Tierwelt auf Plattfußartiges wie Trittbretter verzichtet, entspringt bei ihrer geringen Bodenfreiheit selbst einem nur angedeuteten Schräglagenversuch meist ein Nervenkitzel für Fahrer und Geldbeutel. Jede aufreibende Intimität mit dem Straßenbelag kostet Supertrapp-auspuffseitig umgerechnet 1100 Mark, der Seitenständer gegenüber ist etwas preiswerter.Sei’s drum, dafür hat die Gecko wie ihre muskulösen Schwestern Qualitäten, von denen die Konkurrenz nur träumen kann: Der bei S & S in Viola, Wisconsin, gefertigte 1573 cm³ große Motor liefert über 100 Pferdestärken an die hydraulisch betätigte Trockenkupplung. Das separate Getriebe ist mit hochwertigem Räderwerk der Firma John Andrew aus Rosemont, Illinois, bestückt. Sauber verarbeitete Zahnflanken sowie ein besonderer Klauenschliff bürgen für weiche Schaltbarkeit und lange Lebensdauer. Der traditionell auf den Tank montierte »Speedometer« schnellt im fünften Gang scheinbar mühelos auf die 100-Meilen-Marke zu. Zwar schüttelt sich der dicke Twin dann merklich, aber auch ohne Angst um lose Zahnplomben reicht der gerade halb geöffnete, verchromte Urshel-Gasgriff fürs britische 75-mph-Autobahnlimit. Zuverlässig greifen die Vierkolbenzangen an den Bremsscheiben ins Vorder- und Hinterradgeschehen ein und setzen den Vortrieb des Showbikes gegebenenfalls reaktionsschnell schachmatt. Das Beste zum Schluß: Eine Upside-down-Gabel aus dem Hause Enrico Ceriani führt das Vorderrad präzise und verwindungsfrei.Wem dennoch keine der fünf Standard-Titan-Modelle individuell genug ist, kann sein Schaustück ab Werk mit 62 optionellen Komponenten technisch wie optisch aufwerten. Das Herzstück etwa gibt es auch als 1450- oder 1688-cm³-Version. Kein Wunder also, daß sich keines der bisher 14 in England verkauften Bikes gleicht. Ob die Gecko und ihre Artgenossen nach Deutschland importiert werden, ist zur Zeit noch ungewiß. Doch eins ist sicher: Wer diese Chopper der Extraklasse genauer unter die Lupe nehmen will, kann sich den Ausflug in Londons Norden sparen. Titan-Importeur Butler stellt die edlen Stücke auf der IFMA zur Schau.

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