Fahrbericht Triumph Rocket III (Archivversion) Hey, Big Spender

Triumph zeigt sich äußerst großzügig: Der Rocket III spendierten sie Hubraum ohne Ende, jede Menge Power, imposante Reifen und Chrom bis zum Abwinken.

Oh, four inches, that’s fine.” Dave, zufällig auch Hotelgast während der Präsentation der Rocket III im kalifornischen Sonoma, hat es schon immer
gewusst: Vier Zoll sind das Optimum.
Mit vier solcher 101,6 Millimeter großen Kolben hatte er vor einigen Jahren den Boxermotor seines VW-Dragsters aufgeblasen, und den schoss es in rund sechs Sekunden auf 200 mph (rund 322 km/h). Kalifornischer Rekord bei den Funny Cars.
Diesen Speed schafft die Rocket III nicht ganz, sie hat ja auch einen Vierzöller weniger, aber mit 200 Nm Drehmoment und 140 PS Leistung aus satten 2,3 Liter Hubraum markiert sie neue Meilensteine im Motorradbereich. Schon bei Leerlaufdrehzahl, also weniger als 1000 Umdrehungen, drückt der riesige Dreizylinder
unter Volllast 90 Nm ab. Mehr als die meisten Motorräder überhaupt schaffen! Und fast so viel, wie eine Harley maximal abzuliefern imstande ist. Zwischen 1800 und 6000 Umdrehungen liegen bei der Rocket mehr als 90 Prozent des Spitzenwerts an.
Die Rocket ist ein imposantes Motorrad. Der wuchtige Auftritt unterstreicht den Anspruch: Here comes the boss. Alles an ihr ist riesig, vom ausladenden Lenkergeweih über den mächtigen 25-Liter-Tank bis hin zur gewaltigen Motor-/Getriebeeinheit. Das Heck dominiert der riesige 240er-Hinterreifen, der sich harmonisch ins Gesamtbild einfügt. Ein 190er hätte einfach lächerlich gewirkt.
Dezent schnurrt der Triple im Stand vor sich hin. Unglaublich, wie leicht die Kupplung zu betätigen ist. Bei solch einem Drehmomentmonster erwartet man einen Hebel, den nur Holzfällerarme ziehen
können. Dumpf brabbelnd macht sich die Rakete auf den langen Weg durch weitläufige Villenviertel von Sonoma zur
Abschussrampe am Ortsausgang. Wozu fünf Gänge? Drei hätten es auch getan.
Mit gelungener Motorabstimmung dank moderner Doppel-Drosselklappen-Einspritzung und ausgeklügeltem Management geht der Dreizylinder butterweich ans
Gas. Spiel im Antriebsstrang, Lastwechsel- oder Konstantfahrruckeln: nicht mal ansatzweise vorhanden. Vibrationen? Unten kaum, ab 3000/min spürbar. Vor einer Ampel fällt einem wild tätowierten Harley-Freak beinahe der Zigarettenstummel
aus dem Mund: »Is that a V-Six?« Knapp daneben, doch wo die Rocket auftaucht, wird sie mit der landestypischen Begeisterung bewundert.
Endlich freies, weites Land. Luft anhalten und einmal richtig durchladen.
Wooaaaahhh. Das zieht. Unerbittlich geht es voran, und das im letzten Gang, ohne Runterschalten. Eine Erfahrung in einer neuen Dimension. Nicht allein wegen der absoluten Beschleunigungswerte, die auf dem Niveau eines ausgequetschten Supersportlers liegen dürften. Aber die Rocket führt ihr brachiales Schaupiel schon ganz entspannt unter 2000 Umdrehungen auf. Dass die Elektronik das Drehmoment in den unteren Gängen begrenzt, um unliebsame Überraschungen zu verhindern, schmälert den Erlebniswert keineswegs. Untermalt wird das unvergleichliche Spektakel von einem einmaligen Dreizylinder-Sound. Das friedliche Säuseln der Gleitphase weicht beim Spurt einem heiseren Röcheln, über 4000/min einem animalischen Fauchen.
Mit der Rocket geht es jedoch auch anders, beschaulicher. Die paradiesische, lichtdurchflutete Landschaft nördlich von San Francisco ist ideales Cruiser-Revier. Ein Gefühl gelassener Souveränität stellt sich ein. Mit 55 Meilen und 2000 Umdrehungen lässig durch Harleyland rollen und wissen: Du hast die Größte. Wie
war das noch mit dem Speedlimit hier,
55 mph? Und ab 70 wird man eingebuchtet? Für die 140, die irgendwann mal ganz kurz auf dem Tacho zu erkennen waren, bekäme man wohl lebenslänglich. Allerdings würde Kaliforniens Chef Arnold Schwarzenegger nach einer Probefahrt mit der Triumph sicher sofort die Begnadigung unterschreiben. 260 km/h sollen Prototypen gelaufen sein, ohne ihre Fahrer
abzuwerfen. Bei 216 km/h setzt der Begrenzer der Serienmaschine ein Limit. Was nur von theoretischem Interesse ist, denn faktisch hält kein Mensch dieses Tempo auf der Rocket dauerhaft aus.
Und das Fahrwerk? Bei einem Cruiser eher Nebensache. Allerdings haben es die Briten verstanden, die negativen Effekte der Breitbereifung geschickt zu kaschieren. Der befürchtete Eiertanz bleibt aus. Nur
in Schräglage, deren Grenze schleifende Fußrasten frühzeitig ankündigen, läuft der 240er-Hinterreifen Rillen und Verwerfungen gern nach. Ebenso gelingt es der Rocket erstaunlich gut, ihre Pfunde zu verbergen. Wohl auch wegen des niedrigen Schwerpunkts – die Kurbelwelle rotiert nur
20 Zentimeter über dem Aspalt – lässt
sich der Koloss ohne große Gegenwehr in moderate Schräglage bringen. Allein die Federung hat mit dem Gewicht so ihre liebe Not. Auf hoppeligen Bergstraßen deuten mitunter kräftige Schläge an, dass bei
340 Kilogramm selbst eine straffe Grundabstimmung ab und zu überfordert ist.
Die Rocket ist ein uramerikanisches Motorrad, eine Dodge Viper auf zwei
Rädern. Die ersten 180 Maschinen, die in den nächsten Wochen nach Deutschland kommen, sind bereits verkauft. Nachschub folgt alsbald. Der Preis von knapp 18000 Euro ist dem Gebotenen angemessen. Mit einem Big Spender im Hintergrund lässt
er sich dank eines reichhaltigen Zubehörangebots in exklusive Höhen treiben.

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