Fahrbericht Turbo-Harley (Archivversion) Heute ein König

Eine Harley mit weit über 100 PS - das ist die Krönung.

Nehmen wir mal eine Road King. Die wiegt gut und gerne sechseinhalb Zentner, hat die Aerodynamik einer gothischen Kathedrale und bringt im Serientrimm nicht einmal 60 PS auf die Beine. Kein Wunder, daß die Maschine zwar - getreu ihrer Gattungsbezeichnung Electra-Glide - herrschaftliches Dahingleiten gestattet, in Sachen Fahrdynamik aber niemanden vom Stuhl - pardon: Thron - reißt.Der Wunsch nach energischerem Vortrieb, der Überholvorgänge kalkulierbarer und standesgemäße Marschgeschwindigkeiten realisierbar macht, führt in der Regel in die Illegalität: Ein nach alter Tuner Sitte mit mehr Hubraum, schärferen Nockenwellen, größeren Vergasern und durchsatzfreudigeren Auspuffanlagen gedopter 1340er Evo-Motor mag gewiß zu erstaunlichen Leistungsausbrüchen, nicht aber zur Einhaltung einschlägiger Geräusch- und Abgasvorschriften fähig sein.Doch das muß nicht so sein. Wie wäre es mit einer Harley - bleiben wir ruhig bei der Road King -, die ohne Krawall, ohne tiefgreifende Änderungen an den Motorinnereien runde 130 PS ans Hinterrad liefert, die bei Viertelgas mit 180 km/h über die Autobahn schnurrt und bei diesem Tempo noch reichlich Überholreserven hat? Gibt`s nicht? Doch, gibt`s.Das Kunststück einer runden Leistungsverdoppelung vollbringt ein Turbolader der amerikanischen Firma Aerocharger, der dem Evo-Motor mit 0,8 bar Ladedruck neues Leben einhaucht.Der mechanische Aufbau des Turbokits ist simpel und übersichtlich. Der in Fahrtrichtung vorn links am Motor sitzende Lader empfängt die treibende Kraft der Auspuffgase über eine Zwei-in-eins-Krümmeranlage, die sich um den Fuß des vorderen Zylinders schlängelt. Gefilterte und verdichtete Frischluft strömt über einen vor den Rahmenunterzügen plazierten Ladeluftkühler zu einer anstelle des originalen Luftfilters am Vergaser montierten Kammer. Der Aerocharger selbst weist zwei interessante konstruktive Besonderheiten auf. Er ist selbstschmierend, hängt also nicht am Tropf des Motorölkreislaufs: Die kugelgelagerte Welle, die Tubinen- und Kompressorrad trägt, wird über einen im Ladergehäuse gebunkerten Ölvorrat versorgt, der für 700 Betriebsstunden unter maximalem Ladedruck reicht. Und er kommt ohne Überduckventil aus: Ist der vorgegebene »Boost« erreicht, regelt er selbsttägig ab. Dies geschieht über radial im Turbinengehäuse angeordnete, bewegliche Flügel, die den Strom der Auspuffgase relativ zum Turbinenrad beeinflussen.In guter Kit-Manier erfordert der Turbo-Umbau nur geringfügige Änderungen am Motor: Eine Nockenwelle für mehr Ventilhub, widerstandsfähigere Zylinderkopfdichtungen, eine andere Zündung - das ist schon alles.Und wie fährt sich solch eine aufgeblase Harley? Zunächst ganz unspektakulär. Die besagte Road King, Versuchsträger des Schweizer Aerocharger-Importeurs, erlaubt dezentes Anfahren und niedertouriges Dahintuckern wie mit einem Serienmotor. Bei geöffnetem Vergaserschieber und bei Drehzahlen um die 2500/min dann das Aha-Erlebnis: Die Ladedruckanzeige springt auf Sturm, und die Road King entwickelt - mit einem Wimpernschlag Zeitverzug - ganz unmajestätische Hast. Aber ohne Brutalität oder Heimtücke: Der Schub ist kräftig und bestimmt, setzt aber weich und gut kontrollierbar ein.Das klingt fast zu gut, um bezahlbar, geschweige denn legal zu sein. Nun, billig kommt der Turbo-Spaß nicht, knapp 11000 Mark kostet der Kit inklusive Motoranpassung und Montage. Doch das Schönste: Der Umbau hat in Sachen Abgas bereits die Zulassungshürden genommen, und das Geräuschproblem wurde mit Hilfe des Auspuffspezialisten Remus gelöst. Den kostspieligen und zeitraubenden Gang durch das Dickicht der StVZO-Vorschriften hat die Firma Red Neck Cycles (73650 Winterbach, Fabrikstraße 20, Telefon 07181/46248) gewagt. Rotnacken-Boß Zange ist denn auch zuversichtlich, daß die TÜV-Prozedur, die nur noch an den noch ausstehenden Fahrversuchen hängt (ja, die winterlichen Temperaturen), in Kürze abgeschlossen sein wird. Daß das abgesegnete Aerocharger-Kraftpaket »nur«, wie von MOTORRAD gemessen, 112 PS haben wird, ist angesichts des gebotenen Drehmoments zu verschmerzen: 167 Nm bei 4000/min - königlich.

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