Fahrbericht Ural Retro (Archivversion) Tief IM osten

Was ist Ural? Eine Gebirgskette, die Sibirien vom europäischen Teil Russlands trennt. Genau! Der medizinische Fachbegriff für die Verabreichungsart von Zäpfchen? Nicht ganz. Oder doch eine russische Motorradmarke mit unbestreitbar bayerischen Wurzeln? Volltreffer!
Wie aber kommen die Bayern nach Russland? Und warum sieht die Retro so alt aus? Viele Fragen, also der Reihe nach: Ural-Motorräder werden im Irbiter Motorradwerk hergestellt, und zwar seit Ewigkeiten. Den Anstoß dazu lieferten die Wehrmachtsgespanne von BMW, ebenfalls vor Ewigkeiten. Und die Retro ist die Reminiszenz an das erste Ural-Modell, die M72. Oder ein bekanntes BMW-Modell, die BMW R 75 (1941 bis 1944). Oder deren Vorläuferin R 71. Ist ja auch egal.
Viel wichtiger ist: Wie fühlt sich das an, wenn ein ehemaliger sowjetischer Staatsbetrieb jenseits dieser mächtigen Gebirgskette mit einer technischen Basis von Achtzehnhundertwindsturm sich seiner Wurzeln besinnt? Die Antwort: sehr aufregend – in durchaus positivem Sinn.
Einige werden mitleidig lächeln angesichts der Eckdaten von nominell 39 PS und einem Lebendgewicht von 243 Kilogramm. Klassik-Puristen werden sich empören über den serienmäßigen Elektrostarter und die Einscheibenanlage mit Brembo-Vierkolbensattel im Vorderrad. Und die vernünfti-
gen unter uns werden feststellen, dass
genau dieser Mix – 37 gemessene PS, eine Beschleunigung von null auf hundert in
10,5 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 144 km/h – absolut geeignet
ist, um inmitten des täglichen Verkehrskollapses in eine andere Welt zu entführen. Gerade in Koproduktion mit den Möglichkeiten dieses Fahrwerks und der historischen Ausstrahlung.
Ural Retro fahren ist wie zeitreisen – nur andersherum. Nicht der Retro-Reiter wird zurückversetzt, sondern die Umwelt ist pure Zukunft. Jedoch keine, in der man nicht mithalten kann. Die 750er passt sich dem Tempo an, schwimmt mit. Und macht das Alltägliche wieder zum Ereignis. Zeigt mit ihrer 4.00x18-Gespannbereifung (neben der Solo-Variante gibt es die Retro für 8490 Euro auch als Beiwagen-Version) zunehmende Schräglagen durch Rühren im breiten Lenker ebenso an wie durch nachdrückliche Aufricht-Tendenzen. Signalisiert durch intensiven Widerstand am Schalthebel, dass die Kooperationsbereitschaft aktueller Getriebe keineswegs selbstverständlich ist. Und macht mit ihrem munter auf- und abwippenden Sattel (übrigens im Gegensatz zur Test-Retro auch für den Beifahrer serienmäßig) deutlich, dass diese üppige Form der Sitzgestühl-Federung ein Irrweg war.
Eigentlich. Für aktuelle Ware, heutige Bedürfnisse. Aber eben nicht im Retro-Kontext. Und der nimmt selbst hartgesottene Zukunftsjünger schnell gefangen. sek

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