Fahrbericht Ural Vayager (Archivversion) Grenzfall

Nicht nur die Wüste, auch die Taiga bebt: Während deutsche Kunden noch auf den bayuwarischen Chopper warten, hat die russische Firma Ural bereits ihr Pendant namens Voyager im Verkaufsprogramm.

So was von Skandal aber auch: Da rauscht die R 1200 C exklusiv als erster Serienchopper mit Boxermotor durch den gesamten Motorrad-Blätterwald, während ein Bike gleicher Gattung aus dem russischen Irbit schon lange die Taiga erzittern läßt. Seit 1942 werden dort Motorräder gebaut. Über skandinavische Strohmänner gelangten fünf BMW R 71-Gespanne nach Moskau, die dort eiligst kopiert wurden. Die Fabrikation wurde strategisch außer Reichweite der deutschen Bomber an den Ural verlegt, woher Fahrzeuge und Firma ihren Namen bezogen. Durch die Umwandlung in die Uralmoto Aktiengesellschaft 1992 mußte selbstredend der Export mit neuen Modellen erschlossen werden. In Sachen Chrom kann Urals Erstling namens Voyager mit seinen Fernost- und US-Kollegen gut mithalten: Breite, ausladende Sturzbügel mit Zusatzscheinwerfern glänzen mit dem Luftfilterkasten im Keksdosen-Stil um die Wette. Das stilistische Sammelsurium aus der Softchopper-Ära wechselt sich mit urigen Details ab, die hierzulande verblüffen: Vorn sitzen zwei Bremsscheiben in einen Speichenrad, hinten rollt die Voyager auf einem Gußrad. Absicht? Die Auspuffkrümmer münden in einen riesigen, ovalen Sammler, für dessen Platzbedarf die Hinterradschwinge mit Momentausgleich - BMWs Paralever läßt grüßen - bananenförmig verändert werden mußte. Im Gegensatz zu Japan-Choppern will die hoch aufgeschossene Voyager erklommen werden. Gestartet wird freilich nach westlicher Manier auf Knopfdruck, nachdem der gestanzte Blechschlüssel im Lampentopf umgedreht und beide Vergaser per Tupfer ordentlich geflutet wurden. Dank deutscher 25-Ah-Batterie tut der gehäusemittig angeflanschte Anlasser seine Pflicht und rüttelt den rauhen 720-cm3-Boxergesellen wach. Beim Anfahren verstärkt der zweite Gang unschön die mechanische Geräuschkulisse des luftgekühlten Boxers, während der Drehzahlmesser nicht weiß, ob er nun gar nicht oder voll ausschlagen soll. Eine postive Überraschung bietet die komfortable Ledersitzbank des Bikes, die einen die Mängel der Federung und Dämpfung wenigstens ab und zu vergessen läßt. Relaxt und schaltfaul fährt sich die Voyager, solange es geradeaus geht. Abenteuerlich wird’s, wenn enge Kurven genommen werden müssen. Dann treiben die eigenwillige Lenkgeometrie, die störrische Vorderradgabel und der Apehanger mit dem Piloten ihr Spielchen. Am Stop-Schild hat zu tun, wer Hebelchen antippen gewohnt ist: Die gelochte Doppelscheibenbremse am Vorderrad verlangt beherzten Zugriff. Und am Fußbremshebel sorgt selbst ein Tritt in bester John Wayne-Manier nur für mäßige Verzögerung. Hier gibt’s für die Ural-Techniker noch einiges zu tun. Ein Grenzfall macht eben noch keinen Exportschlager. Und die Voyager soll doch einer werden, oder?

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