Fahrbericht Werks-KTM 690 Rally (Archivversion)

Bike for Fun

Mit einer Neukonstruktion gewann KTM die Dakar-Rallye 2007. Dirk von Zitzewitz hat als Navigator im VW zwar nur fast gewonnen, ist aber trotzdem der ideale Mann für den exklusiven MOTORRAD-Test.

Der Plan war gut: Sieger testet Sieger. Dirk von Zitzewitz, in der Historie
der Dakar-Rallye erfolgreichster deutscher
Motorradfahrer und 2007 auf dem heißen Beifahrersitz eines Werks-VW Race Touareg 2 auf dem Weg zum Sieg in der Autowertung der Dakar, würde für MOTORRAD die Sieger-Maschine der Zweirad-Wertung zu einem Track-Test ausführen.
Doch dann machte die Technik einen Strich durch die Rechnung. Der blaue
Wüstenrenner aus Wolfsburg fiel mit einem
Motorschaden weit zurück. So trat Dirk von Zitzewitz ohne Siegerlächeln zur Probefahrt mit der KTM 690 Rally von Dakar-Sieger Cyril Despres auf einem Testgelände in Norditalien an, dafür kam im Laufe des Tages immer größere Freude am Fahren auf.
Das ausladende Wüstenschiff mit einer stolzen Sitzhöhe von 980 Millimetern hielt nämlich für den dreifachen Dakar-Motorrad-Teilnehmer (1997 bis 1999) durch-
aus größere Überraschungen parat. »Das
Motorrad fährt extrem handlich, was ich bei einem Wüstenrenner nicht erwartet hätte. Früher, etwa in den späten 90er
Jahren, waren die Rallye-Maschinen wesentlich behäbiger und voluminöser.«
Der für Dakar-Sieger Despres zustän-
dige KTM-Chefmechaniker Roland Bruckner bestätigt: »Wir haben in diesem Jahr mit der neuen 690er tatsächlich einen
Riesenschritt gemacht. Noch 2006 besaßen die Maschinen einen schwerfälligeren Charakter, wie ihn Dirk aus seiner aktiven Motorrad-Zeit kennt.«
Das Rallye-Motorrad hat KTM komplett neu konstruiert. Der 690-cm3-Motor stellt die Vorhut für eine neue, leichtere und stärkere Generation der KTM-Einzylinder-Triebwerke in den verschiedenen Serien-Modellen dar. In der aktuellen Dakar-Version ist er allerdings zumindest vorläufig noch mit einem Keihin-Flachschieber-Vergaser statt einer wohl für defektanfällig gehaltenen Benzineinspritzung ausgestattet. Das Fahrwerk wurde unter der Leitung von KTM-Rallyechef Hans Trunkenpolz ganz klar auf Handlichkeit hin konstruiert. Der Gitterrohrrahmen mit einem massiven, zentralen Oberrohr kommt sehr schmal
daher. Und selbst die beiden insgesamt
40 Liter aufnehmenden Benzintanks stören in keiner Weise die schlanke Gesamterscheinung der Dakar-Siegerin.
Dirk von Zitzewitz fand bei seinen
Testrunden auf dem eher steinigen als
sandigen Gelände zu einem vorderhand gewagt anmutenden Vergleich: »Ich fühle mich beim Fahren nicht anders als mit
einer aktuellen KTM EXC-Sprint-Enduro-Maschine. Und das, obwohl das eh schon schwerere Wüstenschiff bei unserem Test rund 20 Liter Sprit an Bord hatte. Das
Motorrad verführt den Fahrer sogar zum Spielen, was du von einer schweren Rallye-Maschine nicht so ohne Weiteres erwarten darfst.«
Dennoch überzeugte die KTM auch
im Highspeed-Verhalten: »Ich konnte auf
diesem steinigen Gelände auf den Geraden gemäß Tacho ungefähr 150 km/h fahren. Dabei klebte das Vorderrad förmlich auf dem Boden, und von den Fahrbahnunebenheiten war nichts zu spüren – fast schon unheimlich.«
In der Original-Dakar-Abstimmung mit der Sekundärübersetzung 16 zu 44 rennt die 690er-Rallye-KTM auf hartem Sand knapp über 180 km/h. Ein klares Indiz dafür, dass die zumindest für diesen Werks-
Rennmotor angegebenen stattlichen 78 PS bei 7500/min auch komplett versammelt sind. »Da kommt beim Fahren sogar der Wunsch nach einem breiteren Hinterrad-
reifen als dem Standard-140er auf, um
die Leistung effektiver auf den Boden zu
bringen«, wird der besonnene Raid-Rallye-Mann fast zum Vollgastier.
Ebenfalls sehr beeindruckend ist das handwerkliche Finish der Maschine sowie zahlreiche durchdachte Details mit Zielrichtung Service-Freundlichkeit, wie man es sonst eigentlich nur vom Langstrecken-Straßenrennsport kennt. »Nichts an dem Motorrad – und da muss man ganz klar
sagen im Gegensatz zu früher – wirkt gebastelt«, lobt Perfektionist Zitzewitz.
Gegen Ende des Testtages hatte
Dirk von Zitzewitz vor lauter Spaß mit
dem Dakar-Sieger-Motorrad fast den ver-
passten Auto-Sieg vergessen, entdeckte
allerdings gerade im Fun-Bereich eine
entscheidende Schwäche der Maschine: »Wenn du im Wheelie stehst, siehst du
absolut nichts, nur diesen monströsen
Aufbau für Roadbook und GPS-System«, grinst er und erliegt trotzdem beinahe dem Charme der komplett erneuerten österreichischen Wüstenbraut. »Völlig überrascht von mir selber war ich, dass ich plötzlich wieder große Lust bekommen habe, mit so einem Motorrad eine Wüsten-Rallye zu fahren.«
Angesichts seines extrem engen Terminkalenders im VW-Werksteam scheint ein Zweiradcomeback von Dirk von Zitzewitz jedoch unwahrscheinlich. Menschen mit etwas mehr Zeit und außerdem einem ausreichend großen Budget dürften da-
gegen kaum Ausreden haben. Denn für rund 20000 Euro will KTM eine weitgehend identische Replika des Werks-Renners anbieten.
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Technische Daten Werks-KTM 690 Rally (Archivversion)

Motor: wassergekühlter Einzylinder-Viertakt-Motor, Kurbelwelle quer liegend, oben liegende Nockenwelle, vier Ventile, Keihin-FCR-Vergaser, Ø 41 mm, hydraulische Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Kette.
Bohrung x Hub 104 x 80 mm
Hubraum 690 cm3
Verdichtung 11,5:1
Nennleistung 57 kW (78 PS) bei 7500/min
Max. Drehmoment 80 Nm bei 6000/min
Fahrwerk: Chrom-Molybdän-Gitterrohrrahmen, WP-Upside-down-Gabel, Ø 52 mm, verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung, Aluminium-Schwinge, WP-Zentralfederbein mit verstellbarer Federbasis und Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Brembo-Zweikolben-Bremszange, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Bremszange.
Reifen/Räder vorn 90/90–21 auf 1.6 x 21
Reifen/Räder hinten 140/90–18 auf 2.5 x 18
Maße und Gewichte: Radstand variabel, 1510±10 mm, Nachlauf variabel, Sitzhöhe 980 mm, Gewicht fahrfertig ohne Benzin 162 kg, Tankinhalt 40 Liter.
Preis: 20000 Euro (mit der Werksmaschine weitgehend identischer Production Racer)

Zur Person: Dirk von Zitzewitz (Archivversion)

Der 38-jährige Dirk von Zitzewitz gilt heute anerkanntermaßen als einer der besten Raid-Rallye-Navigatoren überhaupt. Im Volkswagen-Werksteam mit dem südafrikanischen Fahrer Giniel de Villiers unterwegs, sorgte nur ein
ärgerlicher Motor-Defekt am bis
dahin pfeilschnellen Race Touareg 2
für den verpassten Spitzenplatz in
der Dakar-Auto-Wertung. Die beiden wurden schließlich noch Elfte. Zum Zeitpunkt des Schadens lagen sie, nach rund zwei Dritteln der Rallye in Mauretanien, in Führung. Insgesamt hatten sie vier der 14 Tagesetap-
pen gewonnen. 2006 siegten de
Villiers/von Zitzewitz bei den Raid-
Rallye-WM-Läufen Transiberico in Spanien sowie der Marokko-Rallye.
Von Zitzewitz, seit 2002 Co-Pilot und Fährtensucher im Raid-Rallye-Auto und seit 2005 im VW-Werksteam, ist aber von seinen Wurzeln her ganz klar ein Motorrad-Mann. Und dies nicht nur, weil sowohl sein Vater Volker in den 50er Jahren wie auch sein älterer Bruder Bert 1980 jeweils mit der deutschen Mannschaft die Enduro-Six-Days-Team-WM gewonnen hatten.
Dirk selbst startete 1997 bis 1999 auf KTM-Motorrädern bei der Dakar, holte einen fünften und einen siebten Gesamtrang sowie zwei Tagessiege. Ebenfalls sehr beeindruckend sind die insgesamt 14 deutschen Enduro-Meistertitel des Holsteiners aus den Jahren 1987 bis 2001, errungen auf Maschinen von Honda, KTM und Suzuki. 1989 bis 1991 war der Hobbykoch bei den Six-Days drei Mal Vize-Weltmeister mit der deutschen Mannschaft.
Neben seinem Engagement im Volkswagen-Raid-Rallye-Werksteam tritt Dirk von Zitzewitz als Veranstalter von zahlreichen Offroad- und Wüsten-Touren sowie -Lehrgängen auf, schwerpunktmäßig für Motorradfahrer. Neuerdings gibt es allerdings auch spezielle Termine für Autos und Quads. Näheres unter www.zitzewitz.de.

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