Fahrbericht Werks-Yamaha YZF 750-R7 (Archivversion) Westmacht

Yamahas 750er-Werksmaschine in den Farben von Sponsor West: der Stoff, aus dem die Titelträume in der Superbike-WM hätten sein können.

Wilde Slides und eine zuweilen recht eigenwillige Linienwahl – immer wieder verblüffte Yamaha-Werksfahrer Noriyuki Haga mit seinem spektakulären Fahrstil in der Superbike-WM 2000. Auch MOTORRAD-Tester Markus Barth, in der letztjährigen WM auf einer Alpha-Technik-Yamaha unterwegs, staunte nicht schlecht über die Kunststückchen des schnellen Japaners.Nach einer Testfahrt mit Hagas Werksrenner im vergangenen Dezember im spanischen Jerez ist dem MOTORRAD-Mann aber einiges klar. Dass Haga fahrerische Extraklasse besitzt, steht dabei völlig außer Frage. Doch auch große Meister brauchen gutes Material, um ihr Können perfekt entfalten zu können. Und mit der Yamaha R7 hatte Haga ein sehr präzise funktionierendes Werkzeug in den Händen, wie Markus Barth bei seinen Jerez-Runden feststellen konnte.Nur der Motor trübte die Begeisterung über das imposante Fahrerlebnis mit dem Motorrad des Vize-Weltmeisters ein wenig. »Der hat mich nicht vom Hocker gerissen«, urteilte Markus Barth über den Fünfventil-Vierzylinder aus dem Werk, der rund 185 PS leistet und wie in der Serie mit Titanpleueln ausgestattet ist. Für die WM spendierte Yamaha dem 750er-Reihentriebwerk eine überarbeitete Kurbelwelle, eine Trockenkupplung mit Drehmomentbegrenzer, einen effektiveren Kühler, eine voluminöse Airbox und programmierte die Software der Einspritzung auf viel Kraft im unteren und mittleren Drehzahlbereich. Beim Beschleunigen hat Haga daher ein klares Plus. In Sachen Spitzenleistung und Topspeed ist die Werks-R7 der privaten Yamaha von Alpha-Technik aber keineswegs überlegen.Bei Hagas Superbike sind deutliche Paralellen zur 250er-Weltmeister-Yamaha von Olivier Jacque zu erkennen, die MOTORRAD-Tester Barth am selben Tag in Jerez ausprobieren konnte. Beide Werksrenner gehören nicht zu den schnellsten ihrer Klasse, der Schlüssel zum Erfolg findet sich eindeutig beim Fahrwerk. »Mit meiner Yamaha war ich im Grenzbereich permanent in Sturzgefahr. Hagas Werksmaschine liegt dagegen wie ein Brett, ist sehr handlich und spurstabil und fährt haargenau dort hin, wo du willst«, vergleicht Markus Barth. Keine Spur von einem schwer zu bändigenden Biest. Im Gegenteil: Der Werksrenner zeigt sich als vornehmer Gentleman mit besten Manieren – zumindest aus der Sicht eines WM-Fahrers wie Barth, dem der Umgang mit derartigen Kraftpaketen vertraut ist.Dank des präzise abgestimmten und gutmütigen Chassis konnte Haga in den Kurven fast Kreise um seine verdutzten Konkurrenten fahren. »Viele andere Motorräder«, so Markus Barth, »würden ihre Piloten bei solchen Kapriolen gnadenlos abwerfen.« Yamaha hat das bereits sehr sportliche Basismotorrad für die Superbike-WM konsequent weiterentwickelt und auf gutes Handling getrimmt. Dank des kompakten Motors, der als tragendes Teil im Rahmen integriert ist, konnte der Schwingendrehpunkt relativ weit nach vorn gelegt werden. Das erlaubt trotz eines geringen Radstands den Einbau einer langen Hinterradschwinge. So werden unerwünschte Fahrwerksunruhen auf ein verträgliches Maß reduziert und die Traktion verbessert.Ein weiteres Plus der R7 ist die perfekt zu dosierende Vorderbremse mit radial verschraubten Bremszangen. Auf die hinteren Stopper kann man dagegen meist verzichten. Dank der Anti-Hopping-Kupplung entfaltet der Motor beim Herunterschalten eine enorme Bremswirkung, ohne dass dabei das Hinterrad zu stempeln beginnt: Auch ein perfektes Hilfsmittel, das Noriyuki Haga erlaubte, die Maschine bereits am Kurveneingang leicht querzustellen und in jene Richtung zu dirigieren, die er letztlich nehmen will. Die fein justierbaren Öhlins-Federelemente und die speziell auf Haga zugeschnittenen Dunlop-Slicks tun ein übriges, dem Japaner exakt jenes Präzisionswerkzeug zur Verfügung zu stellen, das er für seinen Fahrstil braucht.Zudem hat sich Yamaha Gedanken gemacht, wie die Servicefreundlichkeit der Werksmaschine zu verbessern und die Arbeit in der Box am Rennwochenende zu erleichtern ist. So verfügt das Superbike über ein sonst nur im Langstreckensport verwendetes Schnellwechselsystem für die Räder. Was für Sprintrennen auf den ersten Blick wenig Sinn zu machen scheint, bringt in der Praxis aber durchaus handfeste Vorteile. Wenn in der Schlussphase des Zeittrainings mit den nur etwa zwei Runden lang haltenden Qualifier-Reifen zur Jagd geblasen wird, kann Haga in wenigen Sekunden neue Gummis fassen – bei einem Standard-Chassis dauert der Reifenwechsel schon bis zu drei Minuten.Die Qualitäten des Motorrads und die Extraklasse des Fahrers – da hätte doch eigentlich der WM-Titel herausspringen müssen. Daraus wurde aber nichts, weil Noriyuki Haga wegen seines Dopingskandals wichtige Punkte verloren hat. So triumphierte am Ende Colin Edwards mit der V2-Honda, Haga konnte sich allenfalls als moralischer Champion fühlen. Schade, denn eine erneute WM-Chance gibt es für den japanischen Star bei den Superbikes nicht: Yamaha zieht sich aus der Klasse zurück und kreuzt erst 2002 wieder mit einem Werks-Viertakter auf, dann allerdings in der neuen Topklasse des Grand-Prix-Sports. Haga wird in der Zwischenzeit auf einen 500er-Zweitakter gesetzt – die Fans der Straßen-WM-Läufe dürfen sich schon genüsslich auf seinen Auftritt freuen.

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