Fahrbericht Yamaha XT 660 Z Ténéré (Archivversion) Zwischen-Gas

Vor einem Vierteljahr-hundert veränderte die Ténéré mit ihrem Konzept die Offroad-Welt. 1999 wurde die alternde Dame aus dem Modellprogramm genommen. Zur Saison 2008 startet Yamaha mit dem Mythos Ténéré wieder durch.

Wie ein Trommelfeuer schlagen die scharfkantigen Steine gegen den Motorschutz, pumpen sich Gabel und Federbein in den Bodenwellen aufgeregt durch ihre gut 20 Zentimeter langen Federwege. Hier, in der Weite der Wüste des südlichen Marokko, klingt jeder Schlag des blechern pulsierenden Singles wie ein Freudenschrei über das Comeback eines großen Namens: Ténéré.

Was hat dieses Motorrad seit seiner Vorstellung im Jahr 1983 nicht alles verkörpert: Dakar-Flair, Extrem-Reisen, Abenteuer. Passgenau für die Weltenbummler jener Generation. Doch die Welt und die Menschen veränderten sich. 1999 verschwand der Single aus dem Programm.

Und jetzt? Auf ein Neues. Genau so steht sie da. Ganz neu. Futuristisch, sagen die einen. Als Bionicle aus Legoland quali-fizieren andere die abgesetzte Linie der Front- und Seitenverkleidung ab. Wie auch immer, zunächst macht die Kunststoff-Kombo schlicht und einfach Sinn. Bei einem Sturz schützen die stabilen, mattgrauen Kunststoff-Verschalungen Tank und Auspuffkrümmer effektiv vor Kratzern, lassen sich unkompliziert austauschen. Und auch die frei liegende Wasserpumpe sowie der Lichtmaschinendeckel finden bei einem Abflug durch die erhabene Kontur der Protektoren Schutz.

Noch immer prasseln die groben Brocken auf die Bodenplatte. Selbst schuld, schließlich animiert die Peripherie der Ténéré zum forcierten Wüstenritt. Mit der weit nach oben gezogenen Front, dem hohen Lenkkopf und dem relativ schmalen Knieschluss lässt es sich selbst im Stehen entspannt fahren, suggeriert die Ténéré Rallye-Feeling. Doch gemach. Allzu ernst sollte diese Einladung nicht genommen werden. Geschätzte 205 Kilogramm (183 Kilo Trockengewicht plus Öl, Kühlwasser und 22 Liter Sprit) und die für den Asphalteinsatz ausgelegte Metzeler-Tourance-Bereifung kühlen das Übermütchen im Gelände schnell ab. In engen Kehren schiebt die XTZ trotz des schmalen 21-Zoll-Vorderrads gerne über die Front nach außen, die Sitzhöhe von knapp 90 Zentimetern lässt nicht nur Kurzbeinige unsicher nach Halt straucheln. Nicht erstaunlich, schließlich folgt die neue Ténéré charakterlich eindeutig ihren Vorgängerinnen – dem für den gelegentlichen Schotterausritt konzipierten Reisemobil.

Deshalb tuckert im neuen Fahrgestell der seit der Saison 2004 aus der XTZ 660 bekannte, unveränderte Vierventil-Single mit Benzineinspritzung. Der zeigt sich mit knapp fünf Liter Verbrauch sparsam und recht zuverlässig (MOTORRAD-Dauertest 6/2006) – mit 48 PS allerdings auch kreuzbrav. Ab 3000/min schiebt der Kurzhuber an, läuft zwischen 4000 und 5000 Touren am geschmeidigsten und lässt es dann bei 7000 Umdrehungen gut sein. Nicht auf-regend, nicht berauschend, Bodenständigkeit in Leichtmetall. Immerhin reicht‘s für – laut Tacho – knapp 170 km/h Spitze.

Ein Tempo, bei dem sich das überarbeitete Fahrgestell gut in Szene setzt. Denn sowohl der Einschleifenrahmen als auch die gegossene Alu-Schwinge sind neu. Vom gefährlichen Schlingern der MOTORRAD-Dauertest-XT 660 X bleibt bei der Ténéré bei höherem Speed jedenfalls nur ein zaghaftes Pendeln übrig. Wohl auch deshalb, weil der Pilot durch besagt aufragende Rallye-Front effektiv vor dem Fahrtwind geschützt wird. Dieses großzügige Raumgefühl konserviert sich auch auf der Landstraße. Hoher Lenker, gut gepolsterte Sitzbank und offener Kniewinkel addieren sich zu einer entspannten Sitzposition – in der es sich schon mal knapp 400 Kilometer mit einer Tankfüllung durchhalten lässt.

Ebenfalls besser: Die neue Doppelscheiben-Anlage mit Brembo-Bremssätteln verlangt spürbar weniger Handkraft. Die Spur des Rotstifts lässt sich allerdings bei den Federelementen verfolgen. Gabel sowie Federbein sind lediglich in der Federbasis einstellbar, gröbere Schlaglöcher steckt das Heck nur störrisch weg.

Mit dem Revival der Ténéré hat sich Yamaha eine Nische eröffnet. Die einzig verbliebenen Einzylinder-Konkurrenten, die BMW G 650 Xchallenge und die KTM 690 Enduro, gehen deutlich sportlichere Wege. Die nur ansatzweise vergleichbare zweizylindrige BMW F 800 GS liegt preislich mehr als zweieinhalb Tausender über der 7000 Euro teuren Ténéré. Was ihr deshalb nur noch fehlt, ist ein weiteres Revival – das der Weltenbummler mit Einzylinder-Faible.

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