Fahrerlaubnis in der Schweiz (Archivversion) Fahren ohne Führerschein

Den Motorrad-Führerschein für 650 Euro machen? Ohne eine einzige Fahrstunde bereits die ersten ausgedehnten Runden drehen? In der Schweiz ist das möglich.

Angenehme Arbeitsbedingungen, attraktives Gehalt, mitunter relativ geringe Abgaben: Es war der Job, der die drei Freunde Britta, Andreas und Carsten in die Schweiz zog. Die drei arbeiten dort in einem Therapiezentrum für Drogensüchtige. Zunächst pendelten sie von Lörrach aus nach Basel, respektive ins Baseler Umland, doch neben der Fahrerei gab es schon bald einen zweiten Grund, sich im Kanton Solothurn eine Bleibe zu suchen und dort einen festen Wohnsitz anzumelden: der Motorradführerschein.
Schon länger hatten die drei sich mit dem Gedanken getragen, endlich den Schein zu machen, aber die vielen teuren Pflichtstunden und das rigide Prozedere in Deutschland hatten sie davon abgehalten.
Als sie sich dann vor dem Umzug in die Schweiz informierten, wie sie ihre Autoführerscheine umschreiben lassen können, erfuhren sie ganz en passant, wie locker, zumindest im Vergleich zu ihrer alten Heimat, es die Schweizer mit der Zweirad-
lizenz halten. Und wie günstig. Ausgerechnet die Schweizer, die doch sonst als so bedächtig gelten und als Musterbeispiel dafür, wie das Genaue noch exakter handzuhaben wäre. Jene Schweizer, die sich in den letzten Jahren auch nicht eben den
Ruf eines besonders motorradfreundlichen Landes erworben haben – erinnert sei nur an den Plan eines generellen Motorrad-Tempolimits von 80 km/h (!), dessen Unsinnigkeit man mittlerweile freilich erkannt hat. Eben diese Schweizer machen vor, wie der Weg zum Motorradführerschein aussehen kann, wenn er sich eher an praktischen Erfordernissen als an der Regelwut von Bürokraten und den Lobby-Interessen von Fahrschulverbänden orientiert.
 Zunächst hatten Britta, Andreas und Carsten lediglich ein Gesuch an das Straßenverkehrsamt (StVA) oder die nächste Motorfahrzeugkontrolle (MFK) zu stellen. Dort zahlten sie eine Gebühr, in der die Unkosten für eine theoretische Prüfung bereits enthalten sind. Anschließend mussten sie ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen, brachten acht Stunden Verkehrsunterricht hinter sich und paukten sich durch einen Katalog mit 800 Fragen, aus dem 50 für
die computergestützte Theorie ausgewählt werden. Sofort nach bestandener Theorieprüfung konnten sie – ohne noch eine einzige Fahrstunde gemacht zu haben – aufsteigen und loslegen. Lediglich ein »Lerner-L« war, zur Warnung anderer Verkehrsteilnehmer, hinten ans Motorrad zu kleben.
 Diese Regelung verlangt von Einsteigern zwar, mehr Verantwortung zu übernehmen, bringt ihnen aber auch mehr
Vertrauen entgegen und verhindert, dass heimlich, also illegal, geübt und mit offiziellen Fahrstunden gegeizt wird. »Es gibt kein Fahrschulobligatorium in der Schweiz«, sagt Thomas Fräulin, Chef der MFK Laufen, der früher selbst eine Fahrschule betrieb. Die Einsteiger üben auf eigene Faust. Dazu haben sie mit dem Lernfahrausweis zunächst vier Monate lang Zeit, während der sie in einer Fahrschule auch den praktischen Motorradgrundkurs zu absolvieren haben. Der umfasst für Direktanwärter auf den »offenen« A-Schein gerade mal sechs Doppelstunden. Wer den zunächst auf
34 PS beschränkten Schein will, kommt sogar mit vier Doppelstunden hin. Hernach wird der Lernfahrausweis um ein ganzes Jahr verlängert: Zeit, noch mehr Erfahrung im Verkehr zu sammeln, sich an die Maschine zu gewöhnen, sicherer zu werden.
Im Idealfall passiert das alles schon mit dem eigenen Motorrad. Dessen Auswahl allerdings kann sich in der Schweiz ein bisschen komplizierter gestalten, zumindest für diejenigen, die sich keine Neumaschine leisten können oder wollen. Ist doch das Angebot an gebrauchten Motorrädern, gemessen an den zugelassenen Maschinen, etwa sechs Mal kleiner als in Deutschland. Und im Prinzip steht den Schweizern nur der heimische Markt offen. Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, gelten andere Emissionswerte. Nicht alle Modelle des europäischen Marktes sind mit den Landesvorschriften kompatibel. Und Ausnahmen bei der Zulassung werden nur
bei einem Umzug in die Schweiz gemacht. Das Motorrad muss dann als Umzugsgut deklariert werden.
Britta legte sich schließlich eine Aprilia Pegaso zu, Andreas kaufte eine Yamaha Super Ténéré. Carsten konnte sich noch nicht so recht zwischen Triumph Tiger oder Honda Africa Twin entscheiden. Aber die Maschinen seiner Freunde mitbenutzen, um die Kenntnisse aus dem Grundfahrkurs im ländlichen Verkehr des Baseler Umlands zu stabilisieren und den Schweizer Jura entlang des Flusses Doubs zu erkunden. Touren, die nicht nur landschaftlich weitaus reizvoller ausfallen als dröges Daherzuckeln mit dem Ausbilder im Schlepptau.
An einer anständigen praktischen Prüfung kommt jedoch auch in der Schweiz keiner vorbei. Dabei sitzt der Prüfer nicht im hinterherfahrenden Auto, sondern als Sozius beim Prüfling auf der Maschine. Nicht bei den gesonderten Manövern wie Bremsen und Ausweichen, deren Beherrschung ein Kandidat demonstrieren muss. Aber während der 45 Minuten, die im normalen Straßenverkehr zu fahren sind. Dumm für Carsten, der sich als Erster traute, dass der Prüfer von ihm verlangte, mal so links abzubiegen, als wäre der Blinker ausgefallen. Er hätte die Hand nicht schnell genug wieder am Lenker gehabt, erklärte der Prüfer ihm später. Und eröffnete ihm anschließend, dass er ihn deshalb habe durchfallen lassen müssen. Dieses Mal. Britta und Andreas hatten mehr Glück,
einen entspannteren Prüfer und ergo den Schein in der Tasche.
Dass das Prinzip Verantwortung und Vertrauen funktioniert, zeigt die Statistik: Bezogen auf Einwohner und Motorradbestand haben die Schweizer nicht mehr, sondern weniger Unfälle mit dem Motorrad zu verzeichnen als Deutschland.
 

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