Familienduell Suzuki-Mittelklasse (Archivversion) Suzi Quattro

Suzuki macht es einem nicht leicht: gleich vier Mittelklasse-Modelle unter 12000 Mark. Neben dem Erfolgsmodell GSF 600 S Bandit und der bodenständigen GSX 750 buhlen jetzt die Zweizylinder SV 650 und SV 650 S um die Käufergunst.

Ihr Suzuki-Händler ist bisweilen nicht zu beneiden. Mit dem Erscheinen der beiden SV-Zweizylinder nämlich gestalten sich seine Verkaufsgespräche durchaus schwieriger, wenn, das sei mal angenommen, Sie sich als Kunde in spe für ein allseits beliebtes Allround-Motorrad der sogenannten Mittelklasse interessieren.Bis vor kurzem präsentierte Ihnen der freundliche Suzuki-Mann dann siegesgewiß sein 10780 Mark teures Erfolgsmodell GSF 600 Bandit mit einem drehfreudigen, zigtausendfach bewährten Vierzylinderantrieb und fügte vielleicht noch lächelnd hinzu: »Die gibt’s übrigens auch mit Verkleidung.« Wird übrigens gern genommen. Etwa die Hälfte der Bandit-Kundschaft entscheidet sich für die S-Variante, 660 Mark Aufpreis für die Halbschalenverkleidung sind ja auch ein faires Angebot.Und wenn Ihnen das Design der Bandits nun zu neumodisch vorkommt oder Sie sich gar des öfteren dabei ertappen, den wilden Siebzigern nachzuhängen? Kein Problem, auch dafür hat der Suzuki-Händler ein probates Mittel namens GSX 750, die etwas klassischer daherkommt als die 600er Bandit. In Sachen Antrieb ließen sich die Japaner bei ihr ebenfalls nicht auf Experimente ein. Der luft/ölgekühlte Vierzylinder verrichtete bereits im 1984 vorgestellten Supersportler GSX-R 750 seinen Dienst. Diesen filigranen, feinverrippten Motor – inzwischen beinahe Kult – kappten die Techniker für seine neue Heimat GSX 750 etwas im Leistungspotential (86 statt 100 PS), brachten dem einst hemdsärmeligen Gesellen aber auch bessere Manieren, sprich mehr Laufkultur bei. Eine solide Ausgangsbasis also, um möglichst viel Motorrad fürs Geld auf die Räder zu stellen. 11840 Mark, das geht in Ordnung für dieses sauber verarbeitete Naked Bike. Zudem die kompakte GSX in vorangegangenen Tests (Heft 1 und 3/1998) auch noch eine blendende Vorstellung abgeliefert hat.Und nun, 1999, bringt Suzuki die heile, weil so schön überschaubare Verkaufswelt ihrer Händlerschaft ganz schön durcheinander: SV! Ein neues Konzept für die hart umkämpfte Mittelklasse, mit Gitterrohrrahmen aus Aluminium, eigenständigem Design und modernem V2-Motor, der nominell gesunde 71 PS leistet. Und das alles – typisch für Suzuki – zu einem absolut erschwinglichen Preis. 11090 Mark kostet die unverkleidete SV 650, für die verkleidete Version möchte der Suzuki-Händler gern 700 Mark mehr haben. Damit haben wir vier Modelle, die preislich gerade einmal 1040 Mark auseinander liegen, sich vom Charakter her aber grundlegend unterscheiden. Und welche paßt zu Ihnen?Sie sind eher der aktive Typ, hohe Drehzahlen machen Ihnen nichts aus? Es turnt Sie sogar an, einen Vierzylinder jubeln zu hören? Sie wollen mit Ihrem neuen Motorrad allerdings nicht nur über kurvige Landstraßen rauschen, sondern auch in den Urlaub fahren? Und zuviel kosten soll Sie der Spaß ebenfalls nicht? Dann gehört für Sie die GSF 600 S Bandit zur ersten Wahl. Und das nicht nur, weil Suzuki gerade die sogenannte Holiday-Edition der Bandit anbietet, bei der Sie für gerade mal 80 Mark Aufpreis ein ansprechendes Koffersystem von Givi dazugepackt bekommen.Auch wenn sie etwas in die Jahre gekommen ist, an Reizen fehlt’s der Bandit nicht. Na gut, den Beinamen Softie hat sie weg. Der trifft auch tatsächlich zu, denn bei sportlicher Fahrweise und hartem Anbremsen von Kurven geht ihre weich abgestimmte Gabel schon mal auf Block. Außerdem ratschen ihre Fußrasten des öfteren lautstark über den Asphalt. Was jetzt nicht heißen soll, daß das Fahrwerk eine schnellere Gangart nicht verträgt oder sich dann gar auf Schlingerkurs begäbe. Keine Spur. Zudem hat das Weiche an der Bandit auch etwas für sich, denn ihre Federelemente – das Federbein läßt sich neuerdings in der Zugstufe einstellen – bügeln bei gemäßigter Fahrt selbst die holperigsten Landsträßen einfach platt. Weiteres Plus: die Sitzposition. Die nicht zu hoch angebrachten Fußrasten und die Kröpfung des hohen Lenkers, das paßt fürs ganz normale Motorrad fahren sehr gut, auch für größere Menschen. Wäre da nicht die knatschig-weiche Sitzbank, fiele ihr Sitzkomfort auch auf längeren Touren geradezu himmlisch aus. Die kleine Verkleidung gewährt erwähnenswerten, wenn auch lauten Windschutz.Leistungsmäßig steht der fein ansprechende 600er Motor mit gemessenen 86 PS mal wieder prächtig im Futter. Ebenfalls von früheren Testexemplaren bekannt: das schlechte Kaltstartverhalten. Schub in jeder Lebenslage, denn suchen Sie bei der kleinen Bandit jedoch vergebens. Sie ist und bleibt nun mal eine 600er mit vier Zylindern: Im unteren Drehzahlbereich agiert ihr drehfreudiges, kultiviertes Triebwerk etwas müde, erst ab 7000/min zeigt er dann so richtig Leben. Um den drei anderen im familieninternen Duell folgen zu können, muß man dem Vierzylinder schon ganz gewaltig in den Hintern treten, sprich die Drehzahlen immer schön hoch halten und fleißig mit dem gut schaltbaren Getriebe arbeiten. Dann klappt’s auch mit dem Dranbleiben.Ihnen aber wollen mehr Schub aus dem Reich der Drehzahlmitte, weil Sie von jeher eher der gemütliche Typ sind? Oder Sie wollen ganz einfach noch mehr Motorrad unter Ihrem Allerwertesten spüren? Das mit 223 Kilogramm schwerste Mitglied dieser Viererbande, die GSX 750, könnte für Sie dann genau das Richtige sein. Dieses Motorrad verzichtet auf schmückenden Zierrat. Es reduziert sich zunächst mal auf eins: den wunderschönen Motor, der in einem schlichten und stabilen Stahlrahmen steckt. Und der erste Eindruck vom 750er Triebwerk? Es läuft nicht ganz so kultiviert, nervt mit ausgeprägten Vibrationen zwischen 4000 und 5000/min. Dafür haben die Suzuki-Techniker allem Anschein nach den etwa ungezügelten Durst der ersten Testexemplare besser in den Griff bekommen: Gönnte sich die GSX beim Test vor eineinhalb Jahren noch 9,5 Liter Normal, so begnügt sie sich diesmal mit bescheidenen 6,5 Litern.Desweiteren kommt einem das hubraumstärkere Triebwerk lange nicht so aufgeregt vor, wie das der 600er. Gerade im Zweipersonenbetrieb spielt die GSX ihren Hubraumvorteil geschickt aus, sie wirkt viel weniger gestreßt und legt zudem die rundum besseren Fahrleistungen ab.Sieht man einmal von der ebenfalls etwas zu weich abgestimmten Gabel ab, glänzt die GSX mit einem guten Fahrwerk und gut dosierbaren, nicht zu bissigen Bremsen. Ein Lob, das, nebenbei bemerkt, das gesamte Quartett verdient. Ein erstaunlicher Unterschied zwischen GSX und Bandit: Die 750er fährt sich trotz eines um drei Kilogramm höheren Gewichts einen Tick agiler. Ein feines Motorrad, auf, oder besser gesagt, in das sich der Fahrer prima integriert fühlt. Auf ihrer straff gepolsterten Sitzbank bietet sie eine tiefe, versammelte Sitzposition mit sehr gutem Knieschluß. Beste Voraussetzungen für streßfreien Kurvenspaß, der sich dank der ausreichend straff abgestimmten Hinterhand auch ohne Reue zu zweit erleben läßt.Ihnen jedoch steht der Sinn nach Fahrspaß pur? Gewürzt mit einer Prise Unvernunft? Dann sollten Sie sich dringend mal mit dem Naked Bike SV 650 auseinandersetzten. Nicht nur, weil es vollgetankt gerademal 189 Kilogramm wiegt. Sondern auch, weil sich damit dank der hervorragenden Sitzposition so lässig über Landstraßen räubern läßt. Wenn es Sie nach mehr Sportlichkeit dürstet, könnten Sie mit der halbverkleideten SV 650 S noch besser bedient sein. Die bringt zwar vier Kilogramm mehr auf die Waage, doch diese Gefühl, so leicht geduckt hinter der Halbschale auf Kurvenjagd zu gehen, macht das locker wieder wett.Die S, ein Motorrad, das ernstgenommen werden will. Auch und gerade wegen des Antriebs – quasi identisch mit dem der nackten SV. Ist ein echter Bringer, der 90-Grad-V2: leicht, kompakt und – sieht man einmal vom fehlenden G-Kat nebst Einspritzung ab – technisch absolut auf der Höhe der Zeit. Er überzeugt mit nahezu vibrationsfreiem Lauf und einem breiten nutzbaren Drehzahlband, schön fürs schaltfaule Fahren, ohne es an Drehfreudigkeit vermissen zu lassen. Zudem glänzt der wassergekühlte Triebling mit moderaten Trinksitten. Daß ihm Italo-Fans den Charakter eines Ducati-Desmos absprechen, darüber sollten Sie als zukünftiger SV-Fahrer geflissentlich hinweghören. In puncto Lastwechselverhalten, könnte sich Suzuki allerdings noch etwas einfallen lassen. Ebenso beim Ansprechverhalten der Gleichdruckveragser: beide SV-Varianten gönnen sich beim schnellen Gasaufziehen so etwa ab 6000/min eine Gedenksekunde, bis die unterdruckgesteuerten Gasschieber den vollen Ansaugquerschnitt freigeben.An den Fahrwerken der Zweizylinder-Suzukis gibt’s wenig auszusetzen. Die Federelemente sind straffer abgestimmt als die der GSX 750 oder gar der GSF 600 S. Dennoch wünschen sich sportliche Fahrer ganz sicher eine strammere Gabel. Trotz aller Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die beiden in puncto Fahrverhalten deutlich. Weil der SV 650 S-Fahrer wegen der tiefer angebrachten Lenkerstummel mehr Gewicht auf das Vorderrad bringen kann, liegt die S einfach satter auf der Straße, zieht ruhiger ihre Bahnen, wirkt stabiler. In schnellen Kurven, vielleicht noch verbunden mit einem ekelig-welligen Fahrbahnbelag, reagiert die nackte SV nervöser. Ein Manko, das man ihr allerdings nicht zu sehr verübeln sollte, weil sie im direkten Vergleich noch ein Quentchen spielerischer fährt als ihr verkleidetes Pendant.Eine enorme Bandbreite, die Suzuki mit seiner Mittelklasse abdecken kann. Da sollte eigenltlich auch für Sie das richtige Motorrad zu finden sein. Aber denken Sie dran: Probieren geht auch in diesem Fall über Studieren. Egal, was Ihr Händler sagt, egal, was Sie hier erfahren haben: Eine Probefahrt sagt oft mehr als 1000 Worte

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote