Fiereks internationales Harley-Davidson-Folks-Festival (Archivversion) Wir sind das Folk

Für ihre Freiheit gehen sie auf die Straße. Statt Transparente fahren sie Sternenbanner durch die Gegend. Weil Harley so was von amerikanisch und in den USA sowieso alles viel größer ist. Auch die Freiheit. So groß, so unbegrenzt, dass man es sich erlauben kann, einen Cowboyhut mit Leopardenfellkrempe zu tragen und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit »Harley4ever« zu rufen. Wenn das kein Grund ist zum Feiern.

Etwa dreißig bis vierzig Mopeds waren das nur, Fierek ganz vorn rechts. Letztes Jahr waren es über 1000, bestimmt, eine Viertelstunde lang sind nur Motorräder vorbeigefahren«, erzählt ein Mann in Arbeitsklamotten, der die Parade aus der Garage seines noch unverputzten Neubaus hat begrüßen wollen, zusammen mit Frau, Kindern, Freunden und einem Kasten Bier. War nix. Denn der angekündigte »über 1200-Bike-Ride-Schlangen-
Rekord« ist leider ins Wasser gefallen.
Nieselregen, 13 Grad. Immer wieder stürmische Böen, derart stark, dass einem Stand das Wellblechdach davonflog.
Trotzdem seien 15000 da gewesen, beim Folks-Festival in Ringingen bei Ulm, behauptet zumindest der Veranstalter. »Vier Tage volles Programm mit voller Power«, und dass es brumme, das stand im Programm. War auch nicht gelogen. Denn so manche hatten tatsächlich was zu brummen. Zum Beispiel die Dame bei Fischer-Vroni. Bei ihr, sagt sie, esse Fierek beim Oktoberfest immer einen der köstlichen Steckerlfische, und auf die wollte er auch bei seinem eigenen Fest nicht verzich-
ten. Offenbar hat Fierek allerdings einen anderen Geschmack als seine Folks und wohl auch mehr Geld in der Tasche.
Fischer-Vroni nämlich bleibt auf ihren
Steckerln mit Jumbomakrele dran zu
neun Euro sitzen. »Ich habe gerade mal ein Drittel der Pacht verdient«, klagt sie am Samstagnachmittag. »Normales Geschäftsrisiko«, meint Peter Genkinger, einer der Organisatoren, lapidar. Schlechtes Wetter, schlechter Umsatz.
Am Tatoo-Stand sitzt eine Blonde auf einem Hocker und lässt die Hose runter. Das sei Doreen Dietel, eröffnet einer der umstehenden Fotografen, man kenne sie aus dem Fernsehen. Die prominente Doreen, die ihre Hose nicht ganz ausge-
zogen hat, sondern nur ein Stück nach unten, präsentiert ihre Tätowierung, links auf der Hüfte. Doch ist sie genau darauf bedacht, nicht mehr zu zeigen als eben diese. »Ich will nicht«, weist sie die Fotografen
an, als der Tätowierer so tut, als steche er
das Motiv just in diesem Moment erst, »dass man zu viel sieht auf den Bildern.« Man möge sich nicht auf das kaprizieren, was die heruntergelassene Hose freilege.
Doreen ist kein Einzelfall. Wer von den VIPs wie VIP war, wussten nur die VIPs selbst. Die meisten von ihnen waren so prominent nicht, dass sie auf Anhieb als Fiereks »Kollegen aus Funk und Fern-
sehen« zu erkennen gewesen wären. Mit denen wirbt der Schauspieler und Harley-Händler nämlich für sein Festival. Zum Preis von 150 Euro (»begrenzte Anzahl an VIP-Tickets«) durfte auch der gewöhnliche Besucher die Erlaubnis kaufen, den ungewöhnlichen ganz nahe zu sein, in der VIP-Lounge. Das war der Bereich, den man
mit einer Reihe Metallgitter vom übrigen Teil des Bierzelts abgetrennt hatte. Nur dort lief man über Nadelfilz, nicht über blanken Holzboden, nur dort waren die
Tische eingedeckt, mit Platzdeckchen und Papierservietten in USA-Dekor, liebevoll
in Wolkenfaltung arrangiert. Und für Essen und Trinken bezahlen musste man dort auch nicht. Nur lange anstehen. Kaum nämlich war das Buffet eröffnet, stauten sich Dreierreihen in Richtung Grilltheke. Wo sich die VIPs von bemützten Köchen den Teller voll packen lassen: Lachs und Reis, Steak und Wedges, Hühnerflügel
und Salat, Rippchen mit einer Flocke
Kräuterbutter.
Ralf und Cora mussten nicht anstehen. Die beiden Schumachers sind die einzigen wirklichen VIPs des Abends, die einzigen, die man so ohne weiteres erkennt, möchte man meinen. Obwohl: Als Cora, vom Hubschrauber eingeflogen, von Fotoreportern bedrängt, ihren Weg in den VIP-Bereich sucht, wird sie zur Porno-Queen: »Hey Mann, guck mal da drüben«, haut einer seinen Kumpel an, »das ist
doch die Kelly Trump von der Alm, das ist doch die, die Pornos gemacht hat.« »Ne, die hab’ ich schon in Action gesehen, die hat vorne viel mehr, ist das die Busen-
witwe, die Gsell, auch von der Alm?« »Aber die ist doch nicht blond.«
Als Gastgeber Fierek die Bühne entert, um seine VIP-Nacht offiziell zu eröffnen, hatte er an diesem Tag bereits zum dritten Mal das Kostüm gewechselt. Er trägt einen Stetson, dessen Krempe mit Leoparden-
fellimitat verziert ist, und eine Lederjacke im Captain-America-Look, dazu Jeans und Cowboystiefel mit Sternenbanner darauf. »Ist doch alles Fasching hier«, sagt Motz vom Bandidos MC Ulm. »Nachts tanzen die auf den Bänken und Tischen zu Born to Be Wild und mimen den harten Rocker, und am Montag schauen die uns nicht
von der Seite an. Verlogen, so was. Harley fahren die nur, weil’s Mode ist.«
Derweil hält Fierek Ansprache an sein Folk. »Wir Biker sind ja harte Hunde, aber auch gute Kerle« und für die Prothesen solle man bitte spenden. Neben ihm steht ein zwölfjähriges Mädchen. Bei einem Erdbeben hat sie beide Unterarme und
einen Fuß verloren, und der Mime und Sänger führt sie seinem Folk vor. Er lässt sie sogar sprechen, dass sie Ilhem heiße, darf sie sagen, und aus Algerien komme und danke, danke. Dann winkt sie mit den Stümpfen, und alle klatschen. Harley-Davidson spendet 1000 Euro, Cora und Ralf Schumacher geben sich mit 5000 Euro großzügiger, insgesamt kommen 25000 Euro zusammen. Das ist gewaltig, ob des Versprechens, das Barde Fierek abgibt: »Wenn richtig was zusammenkommt«, sagt er, »dann sing’ ich noch hundertmal ’Resi,
I hol di mit meim Traktor ab’ für euch.«
War aber sicher nicht ganz ernst gemeint, wie so vieles an diesem Abend, in dieser Nacht. Er habe bei ihm eine Schönheitsoperation gut, weil er ihn zum Harley-Fahren gebracht habe, witzelt Professor Wolfgang Mang, ein renommierter Chirurg fürs Plastische. Dann könne er ihn sich ja kleiner machen lassen, freut sich Fierek. Gemeint ist nicht der Bauch, und das blickt auch der Professor, weshalb er eher zur Vergrößerung rät. Da wird gelacht im Zelt, anständig. Das Folk hat Humor.
Und es mag Fierek, weil er »eine ehr-
liche Haut ist, einer, der sich unters Volk mischt, keine Berührungsängste hat«, wie die Free Biker aus der Käsestadt Limburg nicht müde werden zu loben. »Außerdem stimmt gar nicht, was die Presse immer schreibt, dass der eine reine Harley-Ver-
anstaltung macht.« Sagt’s und zeigt seine Motorradschlüssel, der Free Biker. Suzuki steht drauf. »Eine Trude.«
Uschi ist 55 Jahre alt, »Fiakerin (newgerman: Taxidriver)« und »Bikerfreak«, wie auf ihrer Visitenkarte zu lesen ist. Neben einer Harley fährt Uschi auch BMW, »aber die Freiheit auf einer Harley ist einfach
größer«. Mit der war sie in den USA, deren Flagge sie auf der Mütze trägt, wunderbar paillettiert. Darüber hat sie sogar ein Buch geschrieben, nicht über die Mütze, über die Reise. »32 Tage Freiheit« soll es heißen und im Eigenverlag erscheinen, weil es
die großen Verlage nicht drucken woll-
ten oder Textkorrekturen verlangten. Das wollte »Reiseautorin« Uschi (ebenfalls Zitat
Visitenkarte) nicht. Weil ihr Buch gut sei,
so wie es ist. Das hat ihr auch Fierek
gesagt, der es vorab gelesen hat und ein Vorwort schreiben will. »Dafür darf er auf meinen Taxis Werbung für seinen Harley-Laden machen.« Für lau. So wäscht eine Hand die andere, und Uschi sitzt in der VIP-Lounge an einem ganz wichtigen Tisch, neben dem von Fierek eben.
Thorsten Terkun würde sich dort nicht so gerne hinsetzen, obwohl er schon im Besitz einer VIP-Karte ist. »Das ist doch eine Zweiklassengesellschaft. Passt nicht zu einer Bikerparty.« Der Mann mit dem Bart und den langen Haaren hat einen eigenen Harley-Laden, den er »Area-fourty-fucking-five-cycles« nennt und wo er 48 Euro auf die Stunde nimmt. Das ist insofern interessant, als Konkurrent Fierek glatte 30 Euro mehr verlange. »Aber zu dem gehen ja auch die Gestopften.«
Solche Ressentiments kann Rita Seitz nicht teilen. Sie bedient im Festzeltcafé, und während sie in der Pause eine Zigarette raucht, verrät sie: »Wenn ich jung wär’, ich hätt’ auch so eine. So a Hallej.” Sie sei ganz überrascht, fährt sie dann fort, von dem Herrn Fierek, das sei ja ein »ganz gescheiter Mensch und spitze, dass der wieder so hergestellt ist nach dem schlimmen Motorradunfall«. Der gescheite Mensch sitzt mit Ralf Schumacher nebenan. Er trinkt eine Latte, Ralf verspeist Käsesahne zum Gerolsteiner Wasser. Vor dem Tisch sind zwei breite Männer in Stellung ge-
gangen, zeitweise die Arme verschränkt. Es kommen einige Jungs vorbei, die den Securities so etwa bis zur Hüfte reichen. Sie tragen Zettel in der Hand und Kugelschreiber, und es ist klar, was sie wollen, aber genau so klar machen es ihnen die beiden Herren in Schwarz, dass sie das nicht bekommen. Und gerade, als sie abziehen, sind von Fierek die Worte »müsste eine Tarnkappe haben« zu hören. Seltsam eigentlich, wo sich Herr Fierek gemeinhin gerne öffentlich präsentiert.
Ob das die Mädels im Ausziehzelt vom Pure Platinum Club ebenso gerne tun, ist nicht ganz klar. Zumindest machen sie es – also sich präsentieren – echt gut. So gut, dass selbst die harten Einprozenter sich bereitwillig von Natalie und Kolleginnen aufs Kreuz legen lassen, um sich ihre Stripdollar (1,50 Euro das Stück) im lasziven Mund-zu-Mund-Verfahren entwenden zu lassen. Um die Bühne herum hat sich das Publikum auf Plastikstühlen niedergelassen, und auch dort ist es möglich, sein Spielgeld an die Frau zu bringen,
beispielsweise für die Gegenleistung, sich einen – das lässt sich so sagen – perfek-
ten Hintern ins Gesicht strecken zu las-
sen. Dann knallt und rumst es plötzlich draußen, und gerade als die Gelockte sich das rote Bikinioberteil abstreift, kopfüber von einer Stange hängend, da laufen alle weg, raus zum Feuerwerk. Die Gelockte rutscht von der Stange, steht in der Mitte der Bühne und guckt leicht verlegen.
Ebenfalls leicht verlegen schaut Cora Schumacher drein, die freilich nicht auf der Stripbühne ihren großen Auftritt hat, sondern vorm Toilettenwagen. Sie müsse mal, wird sie wohl gesagt haben, als Bewegung in den Tross ihrer Leibwächter kommt. Die Bewegung endet in der Schlange vorm Damenklo. Dort zu warten, inmitten all derer, die sich ihren VIP-Status nur gekauft haben, scheint Coras Sache nicht. Sie geht lieber aufs Herrenklo, das ihre Bodyguards vorab gestürmt und herrenfrei gemacht haben. Als Ralf wenig
später, vom selben menschlichen Bedürfnis bedrängt, nach draußen strebt, da
werden weder Damen- noch Herrentoilette
geräumt. Ralf sieht das nicht so eng, er schlägt sich halt in die Büsche.
Hier nimmt ihm das niemand krumm, hier ist er Mensch, hier darf er sein, auf Fiereks Harley-Davidson-Folks-Festival.

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