Finale: Harley-Davidson Rocker C (Archivversion) Die Runde der Wahrheit

New York - Sudershausen. Ein Blick, und es war klar. Vor mir stand Armins Traummotorrad. Also rief ich ihn an. Mitten in der Nacht ...

Vielleicht lag es an der Magie New Yorks. Vielleicht auch an der langen Vorderradgabel, dem Chromgeweih, dem breiten Ledersattel. Oder dem Song »On the run« von Tina Dico. Wie auch immer – letztes Jahr stand ich in einem von diesen mit schmierigen Pommes gepflasterten Takeaways nähe Central Park, Ecke 58. Die aufgehende Sonne bestrich Glaspaläste, aus Entlüftungsschächten kroch weißer Nebel, und eine Armada gelber Taxen ergoss sich durch Big Apples Betontäler. Vor der schlierigen Imbiss-Fensterscheibe parkte die Rocker C, Harleys bislang wuchtigste Antwort auf das Thema Cus-tomizing. Nur noch wenige Minuten, dann würde ich die Maschine zum ersten Mal fahren. In diesem Augenblick fiel mir mein alter Freund Armin ein.

Armin hatte sich dem Thema Cruising auf ungewöhnliche Weise genähert. Mitte der Neunziger musste sein Cousin Dieter notgedrungen ein Jahr zu Fuß gehen und stellte eine 750er-Intruder bei ihm ab. Enduro-Freak Armin führte die Trude ein paar Mal zu den Treffs aus und fand Gefallen am zeitschmelzenden Dahin-rollen. Er verliebte sich 1997 in eine Honda VF 750 C Magna, an der er bis heute herumbastelt. Jedes Mal, wenn ich wieder in meinem alten Heimatort Sudershau-sen bin, präsentiert er stolz ein neues Feature, und wenn’s auch nur eine rot eloxierte Ventilkappe ist. Ich klappte mein Handy auf. 6.30 Uhr New Yorker Zeit. Langes Klingeln.

»Moin Armin, du wirst es nicht glauben, aber gleich fahr’ ich eine Rocker C.«
»Bist du übergeschnappt? Es ist mitten in der Nacht! Was zum Henker ist ein Hocker Zeh?«
»Etwas zum Verlieben. Brandneue Harley, breiter Schlappen, lange Gabel. Extrem lässig.«
»Kostet?«
»Rund einundzwanzigfünf.«
»Bring sie mit, hähähä.«

Spaßvogel. Aber damals versprach ich Armin, mit der ersten in Europa er-hältlichen Rocker vorbeizukommen. Zum einen, weil die Amis mit ihrer Kreation eine Maschine auf die Beine gestellt hatten, die den Inbegriff des Customizing ab Werk neu definiert, und zum anderen, weil mit dieser Maschine der absolute Traum meines Kumpels mit einem Schlag in Erfüllung gehen würde.

Es ist ein sturmgepeitschter Tag Ende Februar. Exakt 447 Kilometer liegen zwischen meiner Haustür und Armins Heimwerkstatt, einem ehemaligen Sägewerk. Der Himmel gibt sich unversöhnlich, mit wirbelnden Wolkenfetzen in Grautönen von Feldmaus bis Großstadtschnee. In einem Stuttgarter Tunnel entlädt sich die Deckenbeleuchtung wie ein zündeln-des Blitzlichtgewitter im Chromgewirr der Rocker. Tunnelwände geben den harten, klopfenden Bässen aus den Sidepipes Tiefe und Wucht. Es klingt verrückt für einen Biker, aber von mir aus könnten die gesamten 447 Kilometer durch Städte führen. Eine endlose Aneinanderreihung genussvoller Ampelstarts, ab und zu mal ein Tunnel mit Loudness-Effekt, entspanntes Gleiten zwischen 50 und 60 km/h im dritten und vierten Gang. Jedes Verbrennungsbeben des 1584 Kubik starken Twin-Cam-96-Motors lädt zum Mitzählen ein. Und jedes pumpt dir ein Wohlgefühl durch die Venen.

Ich entschied mich für die Landstraße. Acht Stunden, zwölf Minuten. Mehr als genug, um der Rocker ihr Geheimnis zu entreißen ... Du bist umbettet von einem ultrabreiten Ledersattel. Die Beine leicht vorgestreckt, die Arme nach vorn. Nicht der Hauch von Ungemütlichkeit kommt auf. Nein, es ist auf nonchalante Art heimelig. Trotzdem siehst du auf deiner inneren Leinwand permanent Hopper und Fonda, fühlst dich so, als hätte dir gerade jemand den Schlüssel zur Unsterblichkeit zugesteckt. Irgendwo dort vorn, weit hinter den glitzernden Risern und dem blitzenden Scheinwerfer, liegt die Freiheit, rotiert das Rad. Du siehst es nicht. Aber du fühlst es. Und hast trotz 1,76 Meter Radstand und 53 Grad Lenkkopfwinkel ein gutes Gefühl für das, was es gerade tut. Die Rocker fährt nicht. Sie swingt. Leichte Lenkimpulse erlebt man wie Bewegungen in der Hängematte. Sanft, dennoch widerspenstig rollt die 327 Kilogramm schwere Rocker über ihren 240er-Puschen ab. Das hat Autorität. Das hat Stil. Und Ruhe. Diese Harley ist nicht eine von jenen Maschinen, die man nach dem Ride einfach in die Ecke stellt und irgendwann wieder rausholt.

Trotz ihrer eisernen Haptik, der abfärbenden Coolness und dem elektrisie­renden Geruch von Brenn- und Schmierstoff behandelst du sie wie deine kleine Tochter. Gehst vorm Einschlafen noch mal nachschauen, wie’s ihr geht. Streichst mit Wohlgefallen über Scheinwerfer, Tank, Sattel und Schutzblech, freust dich diebisch darüber, wenn der V2 möglichst bald schon wieder aus dem Schlaf schnellt. Und wirst brutal aus deinem Traum gerissen, falls jemand anderer Meinung ist.

»Und?«
»Rostet schon.«
»Wie, rostet schon? Das sind die Innenflanken der Bremsscheiben. Sieht nur so aus.«
Armin umschleicht die Rocker wie ein hungriger Wolf einen verletzten Bären. Mit Respekt, Vorsicht, Neugier und Gier in den Augen.
»Nee, also, die Front ist mir persön-lich zu schmal. Ansonsten ist die Kiste optisch tipptopp.«

Na bitte, geht doch. Wir tauschen. Ich steige in den Sattel seiner betagten VF 750. Die trotz all ihrer Verbesserungen rüberkommt, als stände ein Schmachthaken neben Schwarzenegger. Und sich leider auch so fährt. Nichts gegen die Leistung. Honda hat dem V4 ordentliche 88 PS mit auf den Weg gegeben. Der V2 der Harley hat trotz doppelten Hubraums exakt 17 PS weniger. Doch es passt halt nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Rocker hat den Blues. Und der ist ergreifend und sinnlich. Die Magna ist ein gut funktionierendes Fahrzeug, dem man nichts vorwerfen kann.

Das muss Armin leidend erfahren. Wir stoppen bei Bratwurst-Leinemann, dem Kult-Imbiss Südniedersachsens. Stehen keine zwei Minuten da mit unserer Curry, da gesellt sich jemand zu uns. Peter aus Detmold fährt eine Yamaha Vmax und hat irgendwo schon mal über die Rocker C gelesen.

»Das ist doch der Bock, bei dem der Beifahrersitz im Sattel versteckt ist, kannste irgendwie rausklappen ...«
Stimmt. Zur Demonstration schnappe ich den Sattel hoch, ziehe den Halter aus dem Verborgenen und klicke den Soziusplatz drauf, 30-Sekunden-Sache.

»Mensch«, sagt Peter, » wen willste denn da drauf mitnehmen? Ich war neulich auf einem Treffen. Da trug einer ’ne Kutte mit folgender Aufschrift: Wenn du das lesen kannst, ist meine Alte von der Bank gefallen. So eine Kutte kann Harley serienmäßig mit der Rocker ausliefern ...«

Ich blicke auf den Soziussitz. Kaum größer als eine Handfläche. Peter hat Recht. Armin setzt noch einen drauf: »Bei BMWs R 1200 C konnte man das Soziusbrötchen wenigsten als Sissybar hochklappen und sich dagegenlehnen ...«

Zehn Minuten später sind wir wieder on the road. Was ich fahre? Magna natürlich. Leider. Unser Ziel ist Armins Werkstatt, denn mittlerweile hat der Himmel seine Schleusen geöffnet. Wir stehen an der Ampel. Ich kann Armins Grinsen unter dem Helm erahnen. Gleich wird er den ersten Gang in die Verzahnung klopfen – ein großartiges Ereignis übrigens. Wenn die Getriebemechanik des Ersten sich vermählt, geht ein solch gewaltiger Ruck durchs Fahrzeug, als wär‘ dir einer hinten draufgefahren. Großes Kino.

Großes Kino auch für die Hinterher-fahrenden. Der mächtige Kotflügel macht jede Bewegung des Reifens mit – er scheint im Abstand von nur zwei, drei Zentimetern darüber zu schweben.

Ich kenne Armin seit einer halben Ewigkeit. Weiß, was ihm jetzt durch den Kopf geht. All die Touren mit seiner 750er. Peloponnes, Alpen, Granada. Er denkt darüber nach, dass ihm die Honda mit 38334 Kilometern auf dem Buckel nicht ein einziges Mal im Stich gelassen hat. Er unzählige Stunden geopfert, Tausende Euro investiert hat. Beispielsweise wurde die hintere Felge für ein halbes Vermögen verbreitert, seine Magna rollt jetzt auf einem 170er statt einem 150er. So etwas kann, nein, darf man nicht verkaufen.

Als die Dämmerung einsetzt, stehen wir in seiner Schrauberwerkstatt. »Warum verbauen eigentlich nicht alle Hersteller Zahnriemen?« will Armin wissen. Berechtigte Frage. »Gibt es eigentlich schon Fußrasten für den Sozius, die man bei Nicht-gebrauch einfach versenken kann?« Eine Idee, die man weitergeben sollte.

Es wird ein langer Abend mit Benzingesprächen in stilvoller Atmosphäre. Ein Abend, der bei Armin mit der Erkenntnis endet, dass auch er sich dem Trend zum Zweitmotorrad nicht länger ver-schließen kann.

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