Finale: Mit Jürgen Vogel durch Berlin (Archivversion) In Bewegung bleiben

Der Mann überzeugt in allen möglichen Rollen, spielte Triebtäter so glaubwürdig wie Gymnasiallehrer. Wenn er mit dem Motorrad in Berlin unterwegs ist, spielt Jürgen Vogel nicht. Dann ist er so, wie er ist.

In einer Berliner Garage steht seit ein paar Wochen ein dunkler Jaguar XKR und staubt ein. Sein Besitzer fährt lieber Motorrad. "Im Sommer", sagt Jürgen Vogel, "steht mein Auto still." Und es ist Sommer in Berlin.

Am Alex streckt der Fernsehturm seine rot-weiße Spitze in einen wolkenfreien Himmel, durchs Brandenburger Tor und Unter den Linden ameisen Touristen in kurzen Hosen und leichten Kleidchen. In Charlottenburg haben die Cafés Tische und Stühle rausgestellt, und Jürgen Vogel bestellt Cappuccino, Apfel-Karotten-Saft und strammen Max mit Lachs. Vor das Schaufenster nebenan – Kunsthändler Ulrich verkauft dort leichte Malerei, schwer gerahmt – hat er gerade eine Suzuki M 1800 geparkt.

Er teilt das Ei am Dotter entlang, schiebt die erste Gabel rein, kaut auf und meint, die Maschine, die fünf Mal so schwer ist wie er und locker doppelt so breit, sei doch "ein Hingucker". Er meint aber auch: "Was nützt dir so ´ne Maschine, wenn du nicht die Klasse hast? Der Mensch muss den Stil haben, nicht die Karre." Jürgen Vogel bräuchte kein Motorrad. Er wollte aber schon immer eins.

Zwei Zimmer waren bei den Vogels von der Teppichkante bis zur Decke tapeziert mit Motorradbildern, die meisten Enduros und Crosser. "Ich habe einen älteren Bruder, und beide träumten wir früher von zwei Sachen. Wir versprachen uns, dass wir einmal Motorräder haben und uns tätowieren lassen würden." Mit 18 macht Jürgen Vogel den Führerschein, später hat er sich einen Drachen auf den rechten Oberarm stechen lassen.

Da schon lebte er in Berlin, nachdem er in München eine Schauspielschule geschmissen hatte, am ersten Tag. Sexbesessene Barkeeper hat er seitdem gegeben, hilflose Muskelpakete und vom Pech verfolgte Schlachter, Obdachlose, Prolls und Lehrer gespielt. All das hat man ihm abgenommen, und genauso nimmt man ihm ab, was er nicht spielt: den Motorradfahrer. Gerne werden solche Begriffe bemüht wie "Glaubwürdigkeit", "Authentizität" und "Radikalrealismus", wenn es um den Schauspieler Jürgen Vogel geht, und genau das soll ja das Motorrad in einer ansonsten künstlichen und verkünstelten Welt ebenfalls noch bieten.

Komisch eigentlich, wo ja Vogel als Schauspieler dauernd einen anderen verkörpert als den, der er ist. Oder ist er auch in den Rollen immer er selbst, ist er stets ein anderer, aber dabei stets auch ein Vogel? Wie viel Schauspieler steckt im Schauspiel und wie viel Spiel? Jürgen Vogel kann nur so gut andere spielen, weil er gelernt hat, er selbst zu sein, und weil er weiß, wer er ist. Dabei hilft ihm – auch – das Motorrad.

Fast versinkt er ein bisschen in der sesselweichen Sitzbank, den Kopf zieht es zwischen die Schultern, während er die nicht allzu langen Arme dem Lenker ent-gegenstreckt. Zwischen den ebenfalls nicht allzu langen Beinen – "ich bin ja ein kleiner Mann" – machen sich Tank und Motor breit. Ganz locker hat Jürgen Vogel die Füße, die in schwarzen Turnschuhen stecken, auf den Rasten abgelegt. Und genau so locker dirigiert er dieses mächtige Stück Eisen durch den Verkehr der Hauptstadt.

Vom Verkehr hatte der Tankwart morgens noch behauptet, es sei "einer der aggressivsten in Deutschland. Es wird gedrängelt, gequetscht, gehupt, gemault, gestikuliert. Auf dem Motorrad musst du echt vorsichtig sein". Keiner habe die Ruhe, keiner die Gelassenheit. Jürgen Vogel schon, lässt sich durch Kreuzberg treiben und über die Oberbaumbrücke nach Friedrichshain tragen, schwimmt zwischen Autos ein Stück an der Mauer entlang.

"Du spürst, wie du diese Schwere lenkst. Genau das erwarte ich von einem Cruiser. Außerdem funktioniert nicht alles so feingeschliffen, und auch das finde ich gut." Auf alte Öfen steht er nicht, es fällt das Wort "Scheißfahrwerke". Aber ein Leben haben sollten Motorräder schon. Er wolle seine Maschinen gern haben, erzählt er, sich über sie freuen und sich über sie ärgern können. Und hin und wieder ein bisschen mit ihnen schimpfen. "Für mich leben meine Motorräder, ich habe eine Beziehung zu ihnen."

Die erste hatte er zu einer XT 500. Mit der kreuzte er durch die Straßen der geteilten Stadt, als er ständig unterwegs war, sich "die Hörner abzustoßen". Bevor die Hörner weg waren, war die XT weg. Morgens einfach nicht mehr da. "Das war schlimm, und ich war traurig." So richtig mit Tränen? "Ja." Die XT war die erste, aber nicht die letzte. Gegenwärtig unterhält Jürgen Vogel ein Verhältnis zu einer MV Agusta Brutale R, pflegt eine Freundschaft zu einer Suzuki DRZ 400 SM und flirtet mit der dicken M 1800. "Es gibt für jeden Anlass ein Motorrad. Ein einziges reicht nie. Eigentlich müsste ich eine ganze Garage voll haben."

Er hat die Stadt durchquert, ist durch den Grunewald rausgefahren. Und nur dieses eine Mal hat er sich hinreißen lassen. Auf der Königsallee ließ Jürgen Vogel den Bus der Linie M19 Bus sein – hinter sich. Am Schlachtensee kämpft er mit einem halben Hähnchen. Gerade hat er dem Tier die Brust vom Korb gemessert, Fett und Haut am Tellerrand ausrangiert, als er befindet, man solle aus der Sache "keine Religion machen. So was wie Easy Rider zum Beispiel, das wird doch langsam echt cheesy". Cheesy, so nennt er das. Und meint diese ganze schwer überfrachtete Mythos-Nummer. "Das ist bieder. Dann fährst du nicht Motorrad, du reitest auf einem Klischee rum."

Gleich darauf klingt es, als verfalle er selbst ins Klischee, als er in einem Satz die Wörter "Motorrad" und "Freiheit" unterbringt. Ach was. Doch dann bekommt er souverän die Kurve. Auto fahre man aus einer Routine heraus, Motorrad nicht. "Es fordert dich so, dass du dabei nix anderes machen kannst." Seine Maschinen sind ihm mehr als bloße Vehikel. "Das Fahren hilft mir, zu mir selbst zu kommen." Er sagt: "Du bist mit dir und deinem Motorrad." Es ist die körperliche Erfahrung, die ihn begreifen lässt, die ihm wichtig ist.

So wichtig, wie in Bewegung zu bleiben, nicht nur auf dem Motorrad. Von Berlin, seiner Heimat, erzählt Jürgen Vogel bei einer Pause am Ku’damm, wie die Stadt sich rasant verändert und ständig wandelt. Es sei "ein riesiger Abenteuerspielplatz. Hier kannst du ausprobieren, spielen, versuchen, und wenn du das nicht mehr tust, verlierst du doch den Spaß im Leben". Wie er das erzählt, klingt das, als sei diese Stadt, in der er sieben Mal umgezogen ist, genau die richtige Kulisse für ihn, um selbst immer in Bewegung zu bleiben.

In der Skalitzer steht er dann aber doch, mit der M 1800 in der dieseligen Abgas-wolke eines Lasters. Links rattert die U1 über ihren hochgestelzten Schienenstrang, ein paar Meter weiter vorne mühen sich Arbeiter, aus einem Stück Berliner Asphalt wieder eine Straße zu bauen, und gerade noch so quetscht sich ein Taxifahrer hupend in eine Lücke.
Jürgen Vogel guckt rüber und grinst die typische Vogel-Grinse. Er sagt: "Geil, der Sound."

"Was nützt dir die Maschine, wenn du nicht die Klasse hast? Der Mensch muss den Stil haben, nicht die Karre"

"Motorrad fahren fordert dich so, dass du nix anderes machen kannst. Es hilft mir, zu mir selbst zu kommen"

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote