Finale: Motorrad-Rückblick in Dekaden (Archivversion) Die Zukunft der Vergangenheit

Jahreswechsel, Zeit für Rückblicke. Aber nicht primär aufs Jahr 2008. Sondern auf die Motorräder, an die man sich nach zehn, 20 oder gar 40 Jahren noch erinnert. Was hat uns 1968 oder 1978 bewegt, was 1988 oder 1998 fasziniert? Wie war damals die Zukunft?

Massenproteste von Schülern und Studenten stellten 1968 die bürgerlichen Normen westlicher Gesellschaften in Frage: Sie richteten sich gegen den Vietnam-Krieg, verharmlosenden Umgang mit den beispiellosen Nazi-Verbrechen und den konservativen Muff der Aufbaujahre. Doch während in San Francisco die „Flower Power“

Bewegung entstand, in Berlin die Wasserwerfer trockneten und in Paris die brennenden Barrikaden allmählich verglimmten, nahm eine andere revolutionäre Bewegung ihren Anfang: die eines Motorrads, geboren aus reiner Leidenschaft, nicht mehr als wetterabhängiges Fortbewegungsmittel.

Wie eine Bombe schlug die Honda CB 750 Four vor 40 Jahren ein – in dem Jahr, in dem Andreas Baader –und Gudrun Ensslin ihren ersten Sprengsatz zündeten. Von nun an wurde das Zweirad zum lustvoll zelebrierten Freizeitgerät. Ungeheuerlich! Denn Motorräder wollte ab Mitte der 50er Jahre in der Bundesrepublik niemand mehr haben. Wer es sich leisten konnte, war auf ein Auto umgestiegen. Binnen zwölf Jahren, von 1956 bis 1968, sank der Motorrad-Bestand auf ein Zehntel, von 2,5 Millionen auf 250000 Maschinen. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis das letzte Motorrad in irgendeiner namenlosen Garage vor sich hinrosten würde.

Und nun das: vier Zylinder, 67 PS, Vmax angeblich 190, Scheibenbremse, vier glänzende, stolz verchromte Auspuffrohre. Alle Achtung. Dabei existierte Honda erst seit 1948. Im Jahr 1958 feierte die Firma das zehnmillionste Zweirad und rammte einen wichtigen Meilenstein in die Erde: Das Modell Honda Super Cub debütierte, das „Cheap Urban Bike“, ein günstiges Fahrzeug für Massenmotorisierung. Bis heute liefen 60 Millionen Stück vom Band, sie ist das meistgebaute Kraftfahrzeug der Erde. Doch die CB 750 entwickelte eine andere Dynamik, eine neue Form von Sprengkraft. Weil sie Träume beflügelte, Fantasie freisetzte, Begierde weckte. Sie wurde weltweit zum erfolgreichen Retter der brachliegenden Motorradszene.

Es war, als sei damals, vor 40 Jahren, ein Außerirdischer gelandet. Was für ein Fortschritt: In MOTORRAD 15/1968 hatten die Redakteure noch zwei Drittel Mehrleistung binnen Zehn-Jahres-Frist gefeiert: „1958 galten bei einem Viertaktmotor 18 PS aus 250 cm3 als absolut sportlich, also 72 PS/Liter Hubraumleistung. 1968 bieten die modernen japanischen Hochleistungs-250er 30 PS, also 120 PS/Liter Hubraumleistung.“ Jetzt redete man bei der 750er vom drei-fachen Hubraum und mehr als der doppelten Power. Die Welt, sie war nicht mehr die gleiche.

Zehn Jahre später fackelten alle Hersteller ein wahres Feuerwerk an Modellen ab. Wie zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion war auch unter den Motorradherstellern das Wettrüsten in vollem Gange. Yamaha lancierte die 95 PS starke, Kardan-bewehrte und überschwere XS 1100. Gleichzeitig markierte Yamaha das andere Extrem: die SR 500 als Wieder-Entdeckung des klassischen Straßen-Einzylinders, ein „zurück zu den Wurzeln“. Suzuki konterte mit der GS 1000 als letzte aller japanischen Tausender.

BMW setzte auf Verwöhn-Komfort und brachte die R 100 RT. Ein Modell dem eine Baureihe folgte, die nun seit 30 Jahren kontinuierlich produziert wird. Ein einzigartiger Rekord unter großen Motorrädern. Doch auch 1978 setzte wiederum Honda den Superlativ. Zwar hatte bereits Benelli in Form der Sei mit 750 und 900 cm3 Hubraum den Reihensechszylinder in Serie etabliert. Aber die 1000 cm³ messende, 105 PS starke CBX sprengte alle Konventionen. Gleichzeitig erschien die CX 500 als braves, robustes Arbeitspferd. Ende 1978 schob Honda mit der CB 900 F Bol d’Or noch das erfolgreichste Superbike der späten 70er und frühen 80er nach.

Zehn Jahre später, 1988, legte Honda seinen unverwüstlichen 52-Grad-V2 auf, der parallel in VT 600 C, NTV 650 und der XRV 650 Africa Twin Einstand feierte. Deren wilde, doch stilvolle Kriegsbemalung ist längst ebenso legendär wie ihre unbedingte Fernreisetauglichkeit. Ein toller Baukasten! Daneben erblickte 1988 einer der charaktervollsten und flottesten Sportler das Licht der Welt: die V4-bestückte VFR 750 R, bis heute besser bekannt unter ihrem Kürzel „RC 30“. Helmut Dähne fuhr seine berühmte Rekordrunde auf der Nordschleife mit der bestens ausgewogenen, zeitlos jung gebliebenen RC 30.

Harley-Davidson brachte 1988 die 1200er-Sportster heraus und Yamaha erstmals die XV 535 Virago nach Deutschland. Sie stieg zum meistverkauften Motorrad in Deutschland empor. Zeitgleich präsentierte Kawasaki die erste ZX-10. Mit ihr knüpfte Kawa an die Tradition der Powerbikes Z 900 und Z 1000 an. BMW trieb mit der K1 das plastikverschalte, bonbonfarbene Zeitalter auf die Spitze, das Honda mit CBR 600 und CBR 1000 begründet hatte. BMW-Mechaniker hassten die extrem verbaute K1, sollen angeblich in alle Richtungen geflüchtet sein, sobald eine in die Werkstatt kam. Bodenständiger blieb dagegen der größte Einzylinder weltweit, in der Suzuki DR 750 Big.

1998 läuten Yamaha R1, MV Agusta F4 und Aprilia RSV mille die supersportliche Ära ein. Die Yamaha FZS 600 Fazer begründet eine neue, attraktive wie fahr-aktive Mittelklasse. Und welche Maschinen aus 2008/ 2009 werden die Klassiker der Zukunft sein? Die Ducati Desmosedici RR, als erster käuflicher MotoGP-Ableger? Oder die komplett renovierte Monster-Reihe? Bedeuten KTM RC8 und BMW HP2 eine Zeitenwende? Irre: Buell verbaut wassergekühlte Rotax-Motoren.

Was wird Impulse setzen? Die vollautomatisch fahrbare Aprilia NA 850 Mana oder die ersten Elektro-Motorräder wie die Enduro Quantya? Die neue Yamaha Vmax sprengt die 200-PS-Schallmauer, Aprilia baut einen komplett neuen V4-Sportler. Werden sie Meilensteine? Am anderen Ende der Zweirad-Skala schließt sich ein Kreis: Honda bringt nach 50 Jahren einen Ableger der Super Cub nach Deutschland, die Innova 125. Die Zukunft, sie hat heftig an unsere Tür geklopft. Wer weiß, vielleicht ist das Motorrad – wie wir es heute kennen – ja in 30 oder 40 Jahren bloß noch Geschichte. Doch schöne Erinnerungen und viele tolle Erlebnisse werden uns auch in Zukunft bleiben.

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