Finale (Archivversion) Bikers´Classics Spa-Francorchamps

Wenn in den belgischen Ardennen Hunderte von Transportern, Pkw mit Motorrad-Anhängern und Maschinen aus allen Epochen über die bei Nacht beleuchteten Autobahnen düsen, dann ist es wieder so weit: Klassikfreunde aus ganz Europa sind dem Lockruf der Bikers Classics gefolgt.

Kozo Ono, vom fernen Japan angereist, strahlt über beide Ohren. „Totally happy“ sei er, hier zu sein, so viele legendäre Rennfahrer samt fantastischer Motorräder von 1950 bis 1980 in Aktion zu erleben. Der Mode-Fotograf aus Osaka lichtet das bunte Treiben bei den Bikers Classics passend zum Anlass mit einer betagten analogen Mittelformatkamera ab.

Einmal pro Jahr übt die sieben Kilometer lange Rennstrecke in Spa-Francorchamps eine magische Anziehungskraft auf Klassikerfreunde überall in Europa aus. Nun, vom 19. bis zum 21. Juni, zeigt Kozo Ono, dass diese Anziehungskraft von Belgien aus inzwischen die ganze Welt erreicht. Eigens für diese Veranstaltung ist er zum Vier-Tages-Trip um den halben Globus geflogen. Daheim fährt der Japaner eine dort äußerst seltene 1000er-Laverda, hier schläft er für drei Nächte im Leihwagen. Damit er am Morgen seinen Idolen noch früher noch näher sein kann: rund 15 Weltmeistern samt ihren legendären Motorrädern. Darunter die mehrfachen Titelträger Giacomo Agostini, Phil Read, Kork Ballington, Dieter Braun, Jan de Vries und Eugenio Lazzarini.

Das hochkarätige historische Starterfeld komplettieren weitere Ex-Champions: Steve Baker, Christian Sarron, Rodney Gould, Henk van Kessel, Charlie Williams, Ralph Bryans und Manuel Herreros. Dazu gesellen sich mit Stephane Mertens und Richard Hubin noch zwei belgische Endurance-Weltmeister. Nicht zu vergessene jene Fahrer, die auch ohne WM-Titelgewinn unsterblich wurden. Wie etwa Paul Smart, Gewinner der 200 Meilen von Imola auf Ducati 1972, oder Wil Hartog, genannt der weiße Riese. Logisch, dass er wie einst in schneeweißer Lederkombi startet. Eine Armada berühmter weiterer GP-Fahrer steht am Start, darunter Sammy Miller, Heiner Butz oder Heinz Rosner. Wer hier als Zuschauer nicht auf seine Kosten kommt, der macht etwas falsch. 30 Euro fürs ganze Wochenende inklusive Zugang zum Fahrerlager. Ein lebendes Geschichtsbuch. Die Netzhaut flimmert. Ist das alles real? Wo zuerst hinschauen, auf welchen Motor-Sound konzentrieren? Wie die alten Kämpen in drei Klassen an den Start rollen, zu Paraden und Präsentationen der dynamischen Art: GP1 bilden die 500er, GP2 bestücken 250er und 350er, GP3 schließlich 50er, 80er und 125er. Wenn dann die Flagge geschwenkt wird und lebende Legenden losdonnern, ist alles zum Greifen nah. Es zwei- und viertaktet um die Wette. So wie damals in den 60ern und 70ern.

Luigi Taveri feiert im September seinen 80. Geburtstag – hier und heute Anlass für eine Sonderausstellung, in der alle ehemaligen Rennmaschinen des kleinen, schnellen Schweizers vereint stehen. Welch vielfältige Konzepte er in den 50ern und 60ern zu bewältigen hatte: Von der 54 Kilogramm leichten (!) 50er-Kreidler, (13,5 PS bei 16000, also rund 270 PS pro Liter, und Zwölfgang-Getriebe) über Norton Manx 500 (47 PS bei 6500/min und vier Gänge) bis zur legendären 125er-Honda Fünfzylinder RC 149 von 1966. Sie leistete 34 PS bei 21500 Touren, hatte acht Gänge und wog ganze 85 Kilogramm. Mit dem 210 km/h schnellen, feinmechanischen Wunderwerk errang Taveri einen seiner drei Weltmeister-Titel.







Zurück an und auf die Strecke, mitten ins Getümmel. Nun ist die Formel 750 an der Reihe. Diese Rennserie wurde von 1977 bis 1979 um WM-Lorbeer ausgetragen. 30 Jahre später starten nun die 750-cm3-Maschinen erstmals bei den Bikers Classics in einer eigenen Klasse. Und wie! Dreizylinder von Triumph und BSA neben Honda CR und den dominierenden Yamaha TZ. Ein Augen- und Ohrenschmaus. Doch wie bereits in den GP-Klassen schüttet es leider immer wieder wie aus Eimern. Richtig um die Wurst fahren wenige Minuten später ehemalige Rennfahrer mit Maschinen der 70er- und 80er-Jahre: Beim Inter-national Classic Grand Prix, ICGP, lebt die traditionelle Atmosphäre echter Rennen wieder auf, mit Zeitnahme und Siegerehrung. Um Platzierungen und Pokale geht es auch beim Vier-Stunden-Rennen für Klassiker bis 1980. In zwei Durchgängen, Samstagabend und Sonntagnachmittag treten die 70 qualifizierten Zwei-Mann-Teams gegeneinander an. Ein echtes Spektakel: der Le-Mans-Start an beiden Tagen. MOTORRAD-Zeichner Holger Aue tritt mit Jens Hofmann auf einer 110 PS starken Rundmotor-Guzzi an. Auf der für ihn unbekannten Strecke ist Aue auf Anhieb pfeilschnell, startet von Position zwei aus. Doch in beiden Rennen stürzt der begnadete Cartoonist und tolle Fahrer bei heftiger Nässe. Das Team fällt zurück auf Platz 60 und landet nach furioser Aufholjagd noch auf Rang 42. Ebenfalls mit dabei: das Team Bike Side-MOTORRAD-CLASSIC. In Ausgabe 6/2009 wird unsere Schwesterzeitschrift ausführlich von dem Spektakel berichten, Ergebnisse und weitere Infos gibt’s vorab unter www.bikersclassics.be.

Völlig verrückt: die Atmosphäre beim freien Fahren für Old- und Youngtimer bis Baujahr 1980. In sechs mehr oder weniger passend nach Leistung und Hubraum zusammengestellten Gruppen versuchen sich Privatfahrer aus halb Europa an der einst schnellsten aller GP-Strecken. Für so manchen ist die extrem schöne Berg-und-Talbahn noch Neuland, das es zu entdecken gilt, absolute Greenhorns fahren neben erfahrenen Racern. Bunt gemischt sind Art, Erhaltungszustand und Alter der Maschinen. Da gibt es nichts, was es nicht gibt: stampfende Einzylinder, bollernde Twins mit Boxer-, Reihen- oder V-Motor, röchelnde englische Triples und scharenweise Youngtimer mit japanischen Reihenvierzylindern, zum Teil mit gültigem Nummernschild am Heck. Gruppe 5 macht eine extrem engagiert bewegte Honda CBX unsicher. Trotz hohen Gewichts und ausladenden Sechszylinders schneidet ihr Fahrer damit durchs restliche Feld wie ein Schwert durch warme Butter. Unbeschreiblich: Der Sound beim Ausdrehen des Sixpacks erinnert an einen Jet im Tiefflug. Wie von der Tarantel gestochen brettert die CBX nach dem Einbiegen durch die Spitzkehre „La Source“ (2. Gang) runter ins Gefälle der alten Start-Ziel-Geraden bis hoch in den 5. Gang. Dann, vor der legendären Senke „Eau Rouge“ kurz das Gas gelupft, einen Gang zurückgeschaltet und mit Volldampf durch die Wechselkurve „Radillion“ und den Berg rauf.

Ganz anders das Klangbild in Gruppe 6. Hier dominieren schrille Zweitakt-Töne. Schon beim Vorstart hüllen sich die TZ & Co. fröhlich in blauen Dunst, es riecht nach verbranntem Öl. Doch alles in allem hat sich das Starterfeld von 2008 auf 2009 fast halbiert, von 750 startenden Privatiers auf rund 480. In diesem Jahr sind beim freien Fahren erstmals kleine Maschinen unter 250 cm3 sowie Gespanne ausgeschlossen. Alle Fahrer kommen für 355 Euro Startgeld auf drei Stunden Fahrzeit, verteilt auf neun Zwanzig-Minuten-Turns. Sie alle nehmen die Erinnerung an eine ganz besondere Klassiker-Veranstaltung auf einer der schönsten Rennstrecken Europas mit. Unvergessliche Momente mit legendären oder den eigenen Maschinen, diesmal abgeschmeckt mit reichlich Regen. Aus Erfahrung wirken die Bikers Classics wie ein Virus: Sie nehmen Besitz von jedem, der einmal vor Ort war. Biker, kommst Du nach nach Spa, so wirst Du immer wieder dort hinpilgern. So wie Kozo Ono, der Japaner.

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