12 Bilder
Schraubt seit nunmehr 28 Jahren an Yamahas XT- und TT-Modellen: Moritz Kullmann.

Zu Gast bei der Firma Motoritz Yamaha XT- und TT-Modelle

Moritz Kullmann lebt seit rund zwei Jahrzehnten vom Gebrauchtteilehandel und von der Motorrevision. Sein Fokus liegt auf Yamahas 500er- und 600er-XT- und TT-Modellen. Aus dem Hobby von einst entstand seine Firma Motoritz.

"Ich kann nichts dafür, dass mein Gehilfe Max heißt", lacht Moritz Kullmann. Er hat ihn schließlich nicht nach dem Namen ausgesucht. Sondern nach seiner Begabung. Zwei Mal pro Woche kommt Max vorbei und hilft Moritz beim Schlachten. Oder wieder zum Leben erwecken. Was halt gerade so ansteht. Hätte Moritz ein Tattoo, wahrscheinlich hätte es irgendwas mit einer Yamaha XT zu tun. Sein ganzes Leben steht unter diesen beiden Buchstaben. Moritz ist mittlerweile 46, hat zwei fast erwachsene Kinder und schraubt seit nunmehr 28 Jahren an Yamahas XT- und TT-Modellen. Dabei wurde das mittlerweile rentable Business im Grunde genommen aus der Not heraus geboren...

Moritz’ Vater ist Lehrer an einer südniedersächsischen Schule. Er ist ebenso rastlos wie motorradbesessen. Als Yamaha 1976 die XT präsentiert, ist er einer der ersten Käufer in Deutschland. Sein Sohn ist fasziniert davon, wie man diesen riesigen Einzylinder per Fuß startet. Und letztlich auch enttäuscht, dass die Maschine einer viel leichteren Honda XL 125 weicht. Denn die Kullmanns wollen ein kleines Motorrad hinten auf ihrem Wohnmobil mitnehmen. „Sobald Ferien waren, sind wir gemeinsam on Tour gegangen“, erinnert sich Moritz. Die Familie spult in wenigen Jahren 600.000 Kilometer mit dem Wohnmobil runter, für Moritz wird es die zweite Heimat. In die zuerst verschmähte XL 125 verliebt er sich, lernt unterwegs damit fahren, mit zwölf gurkt er damit über Obstwiesen und durch die Wälder. „Schon damals konnte ich mir nur schwer ein Leben ohne Motorräder vorstellen“, sagt er heute.

Anzeige

Fremd gehen, Africa Twin fahren ...

Seine erste Fahrt nach bestandenem Führerschein soll ins 30 Kilometer entfernte Göttingen führen. Doch die Maschine, eine für schmales Geld erworbene XL 185, verreckt. Moritz ist Schüler, kratzt aus allen Ecken Geld zusammen und leistet sich eine gebrauchte Yamaha Ténéré, Modell 1VJ. Neugier und Expeditionstrieb treiben ihn mit der Maschine auf 120.000 Kilometern durch ganz Europa. „Damals hat das mit dem Schrauben begonnen“, sagt er. „An der 1VJ hatte ich fünf Motorschäden und nie Kohle, um das Motorrad in eine vernünftige Werkstatt zu bringen.“ Repariert wird größtenteils mit gebrauchten Ersatzteilen. Bereits damals kauft er zwei, drei Maschinen, zerlegt sie, bestückt seine eigene mit den besten Teilen und verkauft den Rest. „Nicht selten standen bei uns fünf, sechs Bikes auf dem Hof. Freunde und Bekannte gingen bei mir ein und aus, um Ersatzteile zu tauschen oder zu kaufen.“ Zwischendurch geht er fremd, fährt ein paar Jahre Africa Twin, landet aber wieder bei den Singles von Yamaha. XT und TT 600.

Schrauben, zerlegen, reparieren, Teile verkaufen – in seinem riesigen Bekanntenkreis wird er schon in den 1990ern zu Mister XT. Egal, was man braucht, Moritz findet es in irgendeinem Karton. Mehrfach bereist er während seines Studiums Nordafrika. Nun ist nicht mehr das Wohnmobil, sondern Marokko seine zweite Heimat. Während Moritz Kullmann seine Vergangenheit Revue passieren lässt, steht er in seiner selbst gebauten Küche. Die, so wie sie ist, auch in irgendeinem Dorf in Marokko existieren könnte. Rustikal gestaltet, aus Holz und Lehm gebaut, gehalten in warmen Erdtönen. Alle Materialien fast so, wie sie auch in der Natur vorkommen. Geheizt wird natürlich mit Holz. Witzige Details, wie XT 500-Einlassventile als Schrank- oder Türgriffe, verraten seine Leidenschaft. Er selbst steckt in einer verlebten Zimmermannshose, die Haare leicht grau und kurz, das Lächeln schelmisch. „Ehrlich, ich würde heute alles wieder genau so machen“, meint er, rührt dabei durch den Topf und schaut gedankenversunken durchs Fenster auf sein Traumauto. Ein Toyota HZJ 78, rot, 390.000 Kilometer auf der Uhr, seit 1997 in seinem Besitz.

Anzeige

"Jeder fünfte Verkäufer bescheißt dich"

Alles wieder so machen. Aha. Aber war bei seinem Erfolg nicht auch viel Glück im Spiel? „Sicher“, grinst er, „sagen wir lieber: Das Schicksal hat mir die Entscheidung abgenommen.“ Moritz bekommt nach seinem Studium der Forstwirtschaft im Frühjahr 1999 eine Stelle in der Nähe von Gießen. Er ist längst nicht mehr allein, sein vierjähriger Sohn und dessen Mutter ziehen von Südniedersachsen mit ihm nach Hessen. „Wir hatten ein kleines Haus gemietet, um das mitgebrachte XT-Geraffel unterzubringen, denn ich wollte nebenbei weiterschrauben und damit etwas Geld verdienen.“ Doch: Nebenbei ist nicht. Während Moritz wochenlang überlegt, ob er das Referendariat machen soll, klingt 30 bis 50 Mal täglich das Telefon und am Ende fleht jemand nach intakten Ölwannen, Zylinderköpfen oder hält den Hörer an einen kränkelnden Motor und meint: „Hier! Hörst du das? Was kann ich tun?“

„Was kann ich tun?“, hat Moritz in seinem Leben zehntausendfach gehört. Er, der nie eine Ausbildung zum Motorenschlosser oder Mechaniker gemacht hat, ist zu einer der Kultfiguren der XT-Szene geworden. Unter seinem Label Motoritz hat er sich selbstständig gemacht und versendet europaweit Gebrauchtteile. Und ganze, von Grund auf revidierte Motoren. Er kauft XTs, vornehmlich 500er und 600er, gern auch die TTs, und zerlegt sie bis auf die kleinste Schraube. Wobei ihm besagter Max, ein Maschinenbaustudent, gelegentlich hilft. „Die Motorräder kommen per Spedition zu mir. Zum Selbstabholen habe ich gar keine Zeit. Das hat einen Nachteil: Von zehn Motorrädern, die ich am Telefon unbegutachtet kaufe, bescheißen dich fünf Verkäufer.“ Moritz grinst über das ganze Gesicht, als er das erzählt. „Aber das macht nichts. Denn die 250ste Schaltwalze muss ich mir nicht hinlegen. Die schmeiß ich sofort in den Schrott.“

"Ich hab den besten Job der Welt"

50 zusammengebaute Motoren stehen in den Regalen, 500er, 600er, alle Baujahre und Baureihen. Rund 400 Motoren warten zerlegt auf die Wiederbelebung. „200 gute könnte ich sofort aufbauen“, meint Moritz, dessen Lagerkapazität begrenzt ist. „Alles, was Platz wegnimmt, wird sofort verkauft: Rahmen, Plastikteile, Räder oder Schwinge. Motor und Elektrik sind die Dinge, die immer gehen. Die lege ich mir hin.“ Man kann also bei ihm anrufen und einen generalüberholten Motor kaufen? „Kein Problem. Man kann mir aber auch einen defekten schicken, und ich baue ihn neu auf.“ Während das Telefon Sturm klingelt, erzählt er erheitert von Gestalten, die ihm ihren komplett zerlegten Motor in einem labberigen Umzugskarton zugeschickt haben. „Als der hier ankam, fehlte natürlich die Hälfte, im Karton waren Löcher. Ein ganz pfiffiger Kunde hat seinen Motor in einen Plastiksack gesteckt, den dann in einen Karton gestellt und den Hohlraum drumherum mit Bauschaum ausgespritzt. Der Bauschaum hat das Plastik natürlich aufgelöst. Ich hab den Motor nicht mehr sauber bekommen.“

Mal ehrlich: Kann man davon leben, sogar noch eine Familie ernähren? Sein 21-jähriger Sohn studiert in Leipzig, die 16-jährige Tochter lebt noch bei ihm. „Meine Arbeitsstunde kostet 50 Euro“, sagt Moritz. „Aber ich bin Menschenfreund, will nicht reich werden, sondern nur zufrieden und glücklich leben.“ Dazu gehöre es seiner Meinung nach, dass man netten Leuten entgegenkommt. „Hier stand auch schon mal ein Jäger, den das Schicksal arg gebeutelt hatte. Ich habe ihm seine XT repariert und im Gegenzug ein halbes Wildschwein bekommen.“ Ähnliches sei ihm auch mit einem Studenten passiert, der kein Geld, aber eine Reparatur an seiner 500er nötig hatte. „Der hat bei mir dann Holz gestapelt und den Rasen gemäht“, erinnert sich Moritz. „Stunde gegen Stunde.“ Das mit dem Rasenmähen ist leider passé. Heidschnucken halten das Grün jetzt kurz. Moritz hat nie eine Anzeige geschaltet, sein großer Kundenkreis ist durch Mund-zu-Mund-Propaganda entstanden und wächst stetig. Aber will er das? „Du musst dir stets Freiräume nehmen“, sagt er. Zweimal jährlich bereist er Marokko und träumt von einem Trip in die Mongolei, den er bestimmt mal realisiert. Eine Flucht? „Nein“, antwortet er und muss herzhaft lachen. „Flucht wovor? Ich hab den besten Job der Welt.“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote