Firmenporträt Hyosung (Archivversion) Gernegroß

Ein kleiner, südkoreanischer
Hersteller motorisierter Zweiräder mit viel Ehrgeiz:
Hyosung Motors & Machinery möchte den Weltmarkt erobern.
Wie stellen die sich das vor?

Als Honda 1959 die Benly mit 125 cm3 präsentierte, lächelten manche Motorradfahrer im Land von NSU und BMW nur müde. Heute ist Honda der weltgrößte Motorradhersteller. Ob der Firma Hyosung Motors & Machinery eine ähnliche Karriere blüht, kann niemand vorhersagen. Die
Ziele der Südkoreaner sind jedoch hoch gesteckt: »Wir exportieren unsere motorisierten Zweiräder in 60 Länder. Hyosung träumt davon, ein universeller Motor-
radhersteller zu werden. Dazu entwickeln wir bis 2007 Motorräder mit mehr als
1000 cm3 und großvolumige Quads«, sagt Geschäftsführer Wan-Ki Hong. Damit will Hyosung zum fünftgrößten Motorradhersteller der Welt aufsteigen.
Bereits jetzt offerieren die Südkoreaner eine Modellpalette, die von 50er-Rollern über ATVs bis zu Motorrädern mit 125, 250 und 650 cm3 Hubraum reicht und vor allem bei den Leichtkrafträdern die wichtigsten Segmente vom Sportler bis zum Cruiser abdeckt. In Deutschland verkauften sich die 125er im vergangenen Jahr mit 1133 Stück und einem Marktanteil von 6,6 Prozent für einen Newcomer recht ordentlich.
Besonderes Kennzeichen aller Motorräder und der meisten 125er: Achtventil-V2-Triebwerke. Damit hat auch die GT 650 in ihren Varianten als Naked Bike, mit Halb- oder Vollverkleidung sowie als Cruiser namens GV 650 in Deutschland Fans gefunden: »Die ersten Kilometer sind schon abgespult. Abgefallen ist nichts. Hoffen wir, dass es so bleibt. Übrigens, sie ist blau und nackt«, stellt sich humorig ein neuer Pilot auf der privaten Webseite www.
hyosung-gt650.de vor.
Neben dem Fahrspaß, den die Twins versprechen, zieht bei den 650ern vor
allem ein Kaufargument: der Preis. Das Naked Bike GT 650, dessen Aussehen stark an die Suzuki SV 650 erinnert, geht für 5370 Euro samt Nebenkosten weg. Konkurrenzlos in diesem Segment.
Auch eine der günstigsten Möglichkeiten, derzeit Motorsport in Deutschland zu betreiben, kann sich Hyosung auf die Fahnen schreiben. Wobei der Hyosung GT 650 RR-Cup, der im Rahmen der IDM-Läufe 2006 erstmals ausgetragen wird, von Hyosung-Händler Andreas Woditsch und Axel Kuhn, früherer Mitarbeiter beim deutschen Importeur, organisiert wird – dazu haben die beiden die Firma Awak-Racing gegründet. Der Sound grollender Twins erfreut
das Publikum, und die Kosten von 8490 Euro pro Fahrzeug samt Racing-Kit mit Wilbers-Fahrwerk und Melvin-Bremsanlage, Nenngeldern und Fahrerausstattung sind unschlagbar. Für Jugendliche ab 14 Jahren ein super Einstieg in den Rennsport.
Und für Hyosung die Möglichkeit, als Marke bekannt zu werden. Allerdings kritisiert Woditsch das fehlende Engagement des Importeurs: »Da kommt wenig Resonanz.« Dabei können die Koreaner die Werbung brauchen. Denn der Hersteller
ist jung: Angefangen hat die Geschichte von Hyosung Motors & Machinery 1978, als die Manager des Hyosung-Mischkonzerns, der von Textilien über Chemikalien bis zu Industriemaschinen Unterschiedlichstes herstellt, beschlossen, jetzt auch noch Zweiräder zu bauen. Zunächst fand Hyosung in Suzuki einen Partner, für den die Südkoreaner die Zweitakter FR 80 und GP 125 produzierten. Bereits 1980 stell-
ten 400 Beschäftigte im neuen Werk in Changwon 1800 motorisierte Zweiräder her. Changwon ist übrigens eine Retortenstadt im Süden des Landes, wo auch Daewoo und Daelim Fahrzeuge fertigen – möglichst weit weg vom verfeindeten nordkoreanischen Nachbarn.
Bereits 1986 bildete Hyosung eine
Forschungs- und Entwicklungsabteilung, um eigene Motoren zu entwerfen. Mit Erfolg: Im Boomjahr 1996 produzierten die Südkoreaner 150000 motorisierte Zweiräder. »Ein Ausnahmejahr wegen der Fahrerlaubnisregelungen im 125er-Bereich, die in Deutschland und Frankreich viele Pkw-Führerscheininhaber zum Kauf bewegten«, sagt Jörg Müller, Vertriebs- und Marketingleiter des deutschen Importeurs.
Im Jahr 2003 folgte die Trennung vom Mutterkonzern Hyosung. Inzwischen gehört Hyosung Motors & Machinery mehreren
Anteilseignern, darunter der Helmhersteller HJC und der Schwerindustriekonzern S & T, beides koreanische Unternehmen. Bei Hyosung stellten vergangenes Jahr 500 Mitarbeiter 51000 Zweiräder her, von denen
60 Prozent exportiert wurden.
Außerdem hat Hyosung ein Joint
Venture in China und führt Fahrzeugteile
in Länder wie Vietnam und Indien aus.
Dort werden die Zweiräder dann auf eigenen Produktionsstraßen zusammengebaut. »Das ist eine übliche Lieferweise, um die teilweise extrem hohen Einfuhrzölle auf Komplettfahrzeuge zu umgehen«, erklärt Jörg Müller.
Dabei sinkt der Anteil der Ausfuhr in asiatische Länder kontinuierlich. Derzeit liegt er bei drei Prozent der Produktion
und betrifft hauptsächlich Motorräder
bis 250 cm3. »Da China selbst eine starke, exportorientierte Fahrzeugindustrie aufbaut, exportieren traditionelle Hersteller in diese Märkte tendenziell weniger«, meint Müller. »In Europa sind Spanien, Deutschland und Frankreich die Hauptmärkte, im nicht asiatischen Bereich Australien und die USA. Am meisten zugelegt haben die 650er-Motorräder durch den Verkaufsstart der verkleideten Maschinen und des Sportcruisers GV 650.«
Auch bei der Produktion fallen die 650er ins Gewicht. Während ihr Anteil 2005 noch bei 16 Prozent dümpelte, stieg er 2006 bereits auf 24 Prozent – der größte Teil der Herstellung ist mit 28 Prozent nach wie vor auf Roller ausgerichtet. Das Werk in Changwon hat derzeit zwei Produk-
tionsstraßen: eine für kleinvolumige Fahrzeuge und eine für Motorräder und Quads. Bis zu 300 Zweiräder können täglich vom Band rollen. Die Hauptkomponenten wie Motoren, Getriebe, Rahmen, Tanks und Verkleidungsteile werden im eigenen Werk gefertigt, wo auch die Lackiererei ansässig ist. Teile wie Armaturen, Felgen und Gabeln werden zugekauft. Viel Wert legen die Koreaner auf Forschung und Entwicklung: Immerhin 90 der 500 Mitarbeiter beschäftigen sie in dieser Sparte.
Mit Suzuki verbindet Hyosung seit 1979 eine Kooperation: Für den koreanischen Markt baut Hyosung auch heute noch unter Lizenz ein 125er-Motorrad und produziert kleinvolumige Suzuki-ATVs. Die Fahrzeuge werden jedoch nicht in Drittländer exportiert.
Hyosung zielt klar auf die westlichen Märkte. Mal sehen, wann die Südkoreaner mit den lange angekündigten 1000er-V-Twins aufwarten, die vom Sportler bis zum Cruiser alle Einsatzmöglichkeiten umfassen sollen. Ob als Nischenanbieter oder Massenhersteller, wird sich zeigen.

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