Franzen-GSX-R 1000 (Archivversion) Meisterhaft

in Turbolader. Eigentlich hätte es ein Turbolader sein müssen. Zumal vorn auf der Verkleidung www.ueber
200ps.de prangt. Wer derart dick aufträgt, kommt an einem Turbolader eigentlich nicht vorbei. Verdichtung runter, Ladedruck hoch – und schwups, presst man auch aus einer echten Möhre die magische Marke. In der Regel mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. Gasannahme einer Valium 10, Leistungseinsatz eines Fallbeils, Kraftentfaltung eines Vorschlaghammers. Und eben darum für Dietmar Franzen, den begeisterten Rennfahrer und tech-
nischen Kopf der Firma Sport Evolution in Koblenz, kein Thema. Das sollte beruhigen. Tut es aber nicht.
Zu dräuend hängen die Eckdaten des goldenen Kraftprotzes bei herrlichem Spätherbstwetter über dem kleinen Kurs von Hockenheim. 186,7 Kilogramm vollgetankt, 207 auf dem MOTORRAD-Prüfstand ermittelte PS bei 13000/min und 125 Newtonmeter Drehmoment bei 10600/min. Dieses Gewitter beeindruckt sogar Leistungsfreaks. Sensiblere Naturen werden skeptisch. Alle anderen haben einfach Angst. Spätestens dann, wenn Franzens Schilderungen vom letzten Rennen plakativ jenen Moment beschreiben, in dem das Hinterrad beim Beschleunigen im vierten Gang am Fahrer vorbeischoss. Derweilen kündet eine mächtige Druckwelle aus dem Akrapovic-Karbonschalldämpfer vom ungezähmten Leistungswillen des auf 13,9 zu eins verdichteten Triebwerks.
Die ersten Runden. Kennen lernen, abtasten. Quasi mit den Fingerspitzen. Bretthart ist die Franzen-GSX-R, insbesondere hinten. Hohe Federrate, viel Druckstufendämpfung. Das Fahrwerk passt Franzen exakt den Bedürfnissen seiner Kunden an. Diese GSX-R ist exakt seinen Bedürfnissen angepasst. »Mit weicherer Feder zieht sich das Heck zu weit rein. Dazu ist das Hinterrad
in der Schwinge ganz nach hinten geschoben. Sonst steigt das Vorderrad zu stark.«
Aha. Gut, dass sich die goldene GSX-R im Landstraßenmodus zunächst bis auf ihre Härte sehr zivil benimmt. Hängt direkt und sauber am Gas, besticht durch präzises Handling und erstklassiges Feedback. Und schiebt bis knapp 7000/min nachdrücklich, aber sozialverträglich vorwärts. Doch wer darüber hinaus Wind sät, erntet Sturm. Bis zirka 9500/min, was runden 150 PS entspricht. Darüber tobt ein Orkan.
Es ist in der Tat schwer zu beschreiben, muss daher bei einem unzureichenden Versuch bleiben. Also: Ausgang Sachskurve, zweiter Gang, Gas anlegen. Mit Macht und sehr direkt drückt es Ross und Reiter vorwärts. In voller Schräglage bei mittlerer Drehzahl, das reicht völlig. Ein kurzer Druck auf den Schalthebel, den Rest erledigt der Quickshifter praktisch ohne Lastwechselrucken. Bloß jetzt nicht zu viel Zug am Hinterrad. Im Dritten durch die Opel-Kurve. Vorbereiten auf den Showdown. Und dann geht’s los. Gas auf, bis zum Anschlag. Und vor allem bis zum roten Bereich. Stehen lassen, bloß stehen lassen! Ganz leicht ist das Vorderrad, es steigt, es steigt. Roter Bereich, endlich, Vierter. Der Lenker zappelt, der Motor dreht. Er schiebt, er schiebt, das ist unglaublich. Herr im Himmel, Bremse, aber schnell. Nordkurve. Aus, vorbei. Ein kurzer Rausch, ein echter Kick, eine Adrenalingabe der Extraklasse. So etwas kann süchtig machen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote