Frisiersalon: Yamaha XV 535 (Archivversion)

Die harte Welt der Industriegesellschaft hat klar Regeln: Top oder Flop, entweder - oder. Wer als Oberguru nichts zustande bringt, kann seinen Hut nehmen.Wer allerdings zur rechten Zeit den rechten Riecher hat, kann sich mit reichlich Yen in der Tasche zur Frührente absetzen und Angeln gehen. Oder Surfen. Oder im Schwarzwald Kuckucksuhren einkaufen. Eines ist auf jeden Fall klar: Sämtliche Ingenieure und Designer, die dieses kaum definierbare Gebilde aus versponnenem Chopper und solidem Alltagsrutscher 1988 zum Leben erweckten, haben sich den Vorruhestand wirklich verdient. Knapp 40 000 Einheiten der Yamahah XV 535 wurden bundesweit abgesetzt. Und warum? Weil die 10??? Mark teure XV 535 mit dem lammfrommen V2 Motor wahlweise 27, 34 oder 46 PS zur Wahl stellt. Und weil der wartungsarme Kardan ölverschmierte Finger und falsch justierte Kettenspanner erst gar nicht zuläßt. Und weil der Chopper frei macht vom Schubladenzwang. Chopperfahrer haben Zeit, können Jeans und Windjacken tragen und lassen sich ohne Gegenwehr vom GSYZR-Supersportler ausbremsen. XV 535-Piloten haben`s leicht und - doch ziemlich schwer. Denn wo bleibt das Individum? An jeder Ampel steht eine neben dir, lässiger Gruß aus dem Handgelenk - man gehört ja irgendwie zusammen. Aus diesem Grund hat Yamaha selbst die Initiative ergriffen und für den Dauerbrenner einen rund 1800 Mark teuren Custom-Kit entworfen, der einwandfrei auf das amerikanische Vorbild zugeschnitten ist (MOTORRAD 1/1996). Die Zubehör-Lieferanten widmen der Yamaha gleich seitenweise ihre Kataloge. Vom billigen Plastik-Nippes bis hin zum rund 11000 Mark teuren Indian-Plagiat mit Springer-Gabel (JF-Motosport) reicht das Angebot.Leichtgewichtige XV 535 Mädchen lieben an dem schnuckligen Chopperle ganz besonders: die niedere Sitzhöhe von rund 700 Milimetern und den tiefen Schwerpunkt. Beides verhilft der XV 535 zum locker-flockigen Handling und dem federleichten Umgang. Eine Bike, das einfach nur Spaß macht und dem selbst beim Rangieren seine immerhin 197 kg Leergewicht kaum anzumerken sind. Deshalb ist die Virago auch nach Jahren einer der Stützpfeiler gesamtdeutscher Yamaha-Händler. Wenn sich nichts mehr so recht verkaufen lassen will - die XV 535 geht immer noch. Egal ob gebraucht oder neu (siehe Gebraucht-Beratung MOTORRAD 10/1994).Darum hat sich MOTORRAD die kleinen Virago noch einmal vorgeknöpft. Nein, nicht um der XV 535 das Fell im gnadenlosen Härtetest abzuziehen. Wir haben sie lediglich mit allem möglichen und unmöglichen Zubehör ausstaffiert, sind damit Vollgas über Autobahnen gebrettert oder über verwundene Holpersträßchen geflitzt. Wenn es sein mußte auch bis zum absoluten Limit. Zum Beispiel dann, wenn MOTORRAD die Nachrüstfederbeine oder die fünf verschiedenen Reifenpaarungen der XV 535 beim Nässetest überprüfte. Damit möchte MOTORRAD allen XV 535 Besitzern verdeutlichen, daß auch beim Chopper die Reifen einen Großteil zur aktiven Fahrsicherheit beitragen. Schließlich betrifft das Thema Naßhaftung jeden einmal. Im Urlaub, auf der Hausstrecke oder auf glitschigen Bitumen-Flickstellen fremder Bergsträßchen. Dann ist es gut, wenn der Gummi verläßlichen Grip hat und nicht urplötzlich die Haftung verliert. Die Haftung auf trockener Straße dagegegen ist kein Thema. Bevor die Yamaha in Kurven den Halt verliert, schraddelt sie funkensprühend über den Asphalt. Zum Reifenverschleiß läßt sich leider keine Aussage treffen, zumal dafür ein ganzer Konvoi von XV 535 Yamahas zur wochenlangen Vergleichsfahrt ausrücken müßte. Sämtliche Zubehörteile wurden bei MOTORRAD montiert, gefahren und bewertet. XV-Besitzern mit dem Hang zu stilechtem Chrom und Nieten-Outfit bietet dieser Frisier-Salon sicherlich zu wenig an Custom-Parts und Lederschmuck. Doch wer mit seiner kleinen Virago durch Dick und Dünn geht, sucht eher nach Zubehör, das die kleinen Mängel und Schwächen ausmerzt. Zum Beispiel ein paar ordentliche Federbeine, die selbst mit Sack und Pack beladen nicht in die Knie gehen. Kleine Menschen fühlen sich dagegen wohl, wenn beide Beine platt auf Asphalt stehen. Deshalb gibt´s bei Sitzbänken und Federbeinen auch gleich noch eine Angabe zu den Grundeinstellungen der Feder und zur Sitzhöhe. Im Testverlauf mußte die XV 535 überraschenderweise bei Yamaha-Händler Edgar Walz zur Behandlung. Diagnose: schlechtes Startverhalten, unrunder Motorlauf, Zündaussetzter. Ursache: Verrußte Zündkerzen durch untertouriges Stadtgebummel. Deshalb verordnete Edgar Walz Kerzen mit einem niedrigeren Wärmewert (NGK BPR 6 ES) für überwiegenden Stadt- und Kurzstreckenbetrieb. Und gleich noch eine Tip für XV 535-Besitzer: regelmäßig den Ölstand im Kardanantrieb kontrollieren, um zu vermeiden, daß die wartungsarmen Zahnräder frühzeitig verschleißen. Dazu einfach mit einem 17er Schlüssel den Einfüllstopfen öffnen, der Ölstand sollte mit der Einfüllbohrung bündig sein. Noch ein Wort zum Anbau von Zubehör: Achten sie darauf , daß neben einer ausführlichen Anbauanleitungen auch eventuell notwendige TÜV oder ABE Bescheinigungen mitgeliefert werden. Handwerkliche Geschick und Erfahrung sind dann notwendig, wenn es um Eingriffen in komplexe Systeme, zum Beispiel Bremsanlagen oder Telegabeln, geht. Im Zweifelsfall sollte der Fachmann die durchgeführten Arbeiten begutachten. Für eine kundenfreudliche Werkstatt gehört eine fachmännische Kontrolle oder eine kurze Beratung zur Selbstverständlichkeit.

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