Frühling im Glas und auf der Straße (Archivversion) Wir sind<br /><br /> Bock

Der März ist ein Scherz, und der April macht, was er will. So richtig geht die Saison also erst im
Mai los. Und das am besten mit einem Bock. Urig, kräftig, würzig, gehaltvoll und gewaltig. Schmeckt nicht jedem, sollte aber jeder mal versucht haben.

Maiböcke, ganz klar, das sind die Motorräder für Biertrinker. Und Maiböcke, ebenso klar, das sind die Biere
für Motorradfahrer. Weshalb? Weil sie voll einschenken, weil sie massig Drehmoment aus dem Keller stemmen, weil sie – und das mag noch so abgedroschen klingen – einfach einen ausgeprägteren und eigenwilligeren Charakter haben als die anderen. Und darauf kommt es schließlich an. Und auf den Schaum vorm Mund.
Wie schön, dass das die Bauhäuser und Brauhäuser für Maiböcke neben
dem massenkompatiblen Angebot, das sie funktionaler Perfektion immer näher bringen, auch in dieser Saison einen weiteren
Geschmack nicht vergessen, ihn sogar fördern: eben den der Maiböcke.
Weil Bayern seit jeher als Maibock-Land gilt, muss es verwundern, dass BMW erst jetzt einen echten Maibock im Programm hat, die K 1200 R, ein Bock mit Premium-Approach, auf Urwüchsigkeit designed. Stimmig in Stärke, Stammwürze und Korpus, kommen allerdings viele Details, vor allem an Front und Heck, so unausgegoren rüber, dass bei der K im Abgang eine bittere Note hin zum Pfingstochsigen nicht zu verkennen ist. Freilich ist das Haus BMW dafür wohl bekannt, Produkte zu präsentieren, die spontan nicht so recht gefallen wollen, die jedoch, nachdem man sie erst einmal probiert, erst einmal geschluckt hat, eine ungeheuere Wirkung entfalten und den Geschmack vieler treffen. Der Entenschnabel der großen GS –
einem Hefeweizen von erstaunlicher Spritzigkeit zu vergleichen – wollte anfangs auch kaum jemandem schmecken.
So gut wie jedem ist dagegen Yamahas MT-01 sofort reingelaufen. Ein exotisches Dunkel mit eleganter, fein abgestimmter, blubberiger Note. Trotz nur durchschnittlicher Stärke hat dieser Bock einen immens hohen Dröhnfaktor und darf getrost als ein Echtes unter den Trendböcken bezeichnet werden. Dazu gehört, dass er gerade nicht zur Maßlosigkeit zwingt, um dem Mittelmäßigen zu entkommen. Weil die Sensation sich garantiert und ohne Verzug einstellt: dritter Gang, Kurvenausgang und sich von den Kolben der MT-01 das Sitzfleisch durchmassieren lassen. Das hat was von Stammwürze, doppelter Stammwürze, mindestens 16 Prozent, denn die zeichnet den gelungenen Maibock aus. Das bringt ein Drehmoment, das einem durch den ganzen Körper fährt. So wie der Mai an sich ja auch. Und was macht man mit dem Mai? Man tanzt rein und begrüßt ihn, klar. Mit Maiböcken.
Maiböcke haben was Sakrales, nicht nur weil sie ursprünglich aus dem Kloster kommen. Anders als sonstige Böcke, mit denen die Mönche sich zur Winter- und Fastenzeit die nötigen Nährstoffe reingluckerten (Fasten kann echt spaßig sein!), diente und dient der Maibock allein dem kultigen Zweck, sich in einen Sinnesrausch zu begeben, um den Frühling zu begrüßen.
Genuss, kein Muss! Was den Maibock mit dem Motorrad als solchem und den Maiböcken unter den Motorrädern im
Besonderen verbindet. Das soll nun um
Himmels Willen nicht heißen, dass der Genuss selbst nicht ein legitimer, ein heiliger Zweck sein könnte. Im Gegenteil. Und wem das beim Anblick einer Palatina-
Triumph Rocket III nicht sofort wie ein Gewitterblitz ins Hirn fährt, der soll weiterhin labberige Fernsehbiere trinken.
Der Maibock hingegen steht für die Entscheidung gegen das Bequeme, gegen das Zeitgemäße, das Stromlinienförmige. Sich auf ihn einzulassen erfordert Mühe, Konzentration und auch die Bereitschaft sowie die Fähigkeit zu verzichten. Auf die dritte Maß. Oder auf Verkleidung, Griffheizung, Tempomat. Doch dieser Verzicht, er bringt letztendlich Gewinn: den besseren, den intensiveren, den nachhaltigeren Rausch. Den hingegen nur genießen und überhaupt verkraften kann, wer mit der Stärke des Bocks umzugehen weiß.
Ungestüm und ungehemmt entfaltet sich die der Palatina-Rocket. Hergestellt
in England, verfeinert und abgefüllt in Deutschland, in Landau/Pfalz. Nur allerbeste Ingredienzien, von kundiger Hand angesetzt und mit viel Ruhe und Erfahrung zur Reife gebracht. Eine ausgiebige Verkostung und Bewertung dieses Ausnahmebocks folgen in MOTORRAD 12/2005.
Längst verkostet sind hingegen die Maiböcke von Harley-Davidson. Und die zeigen, dass es beim ordentlichen Bock auf extreme Stärke nicht einmal ankommt. Verwöhnt doch etwa die Fat Boy den
Genießer mit ungebremstem, beständigem Schaum auf robustem Korpus. Da stört es nicht, dass sich die Blume nur leicht träge entfaltet. Denn das wiederum verschafft dem Genuss Dauer.
Wer indes nicht genug bekommen kann, bekommt Schmerzen. Wer zu viel Bock säuft, im Kopf. Wer zu lange auf der Fat Boy absitzt, woanders.
Eigentlich aber haben Maiböcke mit dem Kopf erst mal überhaupt nichts zu tun. Ohne Umweg fahren sie einem in die Eingeweide, docken direkt an den Schaltstellen des Zentralen Nervensystems an. Als mechanische Inkarnation des erotischen Schlüsselreizes. Wem das zu verquast, zu besoffen klingt: Sie sehen einfach geil aus. Aber auch das passt ja zum Frühling, wo vieles geil aussieht, Maiglöckchen etwa und Maikäfer, in welcher Form auch immer. Heißt für Maiböcke: ein Zylinder, zwei, drei, vier – egal, solange man sieht, was zu sehen ist, solange nicht
versteckt ist, was gezeigt werden soll. Und gezeigt werden sollte Archaisches, Brachiales, ja, gerne sogar Grobschlächtiges. Nichts Feinziseliertes. Bock trinkt man schließlich aus Krug oder Horn, nicht aus dünnwandiger Tulpe.

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