FZ6 gegen FZ1 (Archivversion) Ein Hauch von Macho – Yamaha Fazer

Was Suzuki mit den V-Strom-Modellen treibt und Honda mit den beiden CBF perfektioniert, lässt Yamaha kalt. Die billige Einheitshaube über die Motoren der R6 und der R1 zu stülpen, das kommt bei einer Marke, die einen gewissen Herrn Rossi auf der Gehaltsliste stehen hat, nicht in die Tüte. Und zumindest optisch hat sich’s gelohnt. Mit der FZ6 und der FZ1 Fazer lässt sich auch Valentino gern mal vor der Bar in seinem Heimat-
dörfchen Tavullia blicken. Schön geschwun-
gene Alu-Brücken schmiegen sich elegant um
die Motoren, bei der FZ1 ergänzt zudem
eine liebevoll gestylte Alu-Gussschwinge mit
Oberzügen das Arrangement. Selbst die Auspuff-
anlagen differenzieren und charakterisieren das Duo
individuell. Sportiv die Underseat-Anlage der 600er-Fazer, bullig-aggressiv der unten liegende Stummelauspuff der 1000er.
Gelohnt hat sich’s nur teilweise. Zwar brachte Yamaha seit der Saison 2004 von der FZ6 Fazer immerhin 9000 Stück unter die Leute, von der zu Jahresbeginn vorgestellten 1000er sind’s bislang allerdings erst 1200. Bei mehr als 3000 Euro Differenz sicher auch eine Frage des Preises. Oder doch nicht?
Denn weichgespülte Massen-Motorräder wollen beide nicht sein. 99 PS für die 600er (R6: 122 PS) und satte 144 Pferde für die FZ1 Fazer (R1: 168) signalisieren: Der Sport ist immer noch mit uns. Und dort hat man’s eben nicht so mit der Gemütlichkeit. Am leichtesten lässt sich das noch auf der 6er-Fazer verschmerzen. Unter 8000/min tut sich nicht viel, erst danach schiebt sie mit Mumm, aber linear und gut beherrschbar an, so dass das Aggregat selbst auf der Landstraße öfters mal
bei 13200/min in den Begrenzer rasselt. Ohne eine gewisse Vorliebe für Radau wird’s nie zur harmonischen Partnerschaft reichen.
Wen Erfahrung, Hoffnung und Pietät deshalb zur ruhigen 1000er leiten, wird befremdet sein. Zunächst brabbelt die FZ1 harmlos vor sich hin, um bei Schlag 7000/min loszubrüllen: Ich bin eine 1000er! Legt los wie eine Bestie – auch wenn’s oft zu spät ist. Denn was das Macho-Bike oben raus gewinnt, hat es vorher bereits verloren. Die extreme Motorcharakteristik und die ellenlange Übersetzung lassen die
FZ1 beim Sprint auf 100 km/h nicht einmal die kleine Schwester abhängen – die brave 1000er-V-Strom übrigens auch nicht. Dass die 600er dafür mit ABS bremsen darf, geht schon beinahe als Belohnung der Tüchtigen durch – selbst wenn die Bremsen der 1000er superb sind.
Noch prekärer: Die nicht einstellbaren Federelemente der 600er vermitteln mehr Komfort und Sensibilität als die justierbaren der FZ1 Fazer. Wagt es unter diesen Umständen überhaupt noch jemand, die entspanntere Sitz-
position, das durch den schmaleren Hinterreifen bessere Handling und den um sieben Zentimeter schmaleren Knieschluss der 600er zu preisen?
Immerhin, mit »keep the old one« – bleibt bei der alten, dem radikalen Urteil des englischen Fachmagazins Motor Cycle News über die Nachfolgerin der Fazer 1000 muss man ja nicht gleich ins Haus fallen. Es würde schon reichen: »Take the small one« – nimm die 600er.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote