Gebrauchtberatung BMW F 650 (Archivversion)

Mono-Kultur

Gebrauchtkäufer mit einem Faible für kultivierte Einzylinder landen fast zwangsläufig
bei der BMW F 650, dem bayrisch-italienischen Single mit österreichischem Herzschlag.
Dabei muss Gutes nicht teuer sein, wie MOTORRAD feststellte.

Die zwickende Bandscheibe sei’s, die ihn zur Aufgabe seines Hobbys zwinge, erklärt der Besitzer der limonengrünen BMW F 650. Die Trennung von seinem Untersatz fällt ihm offensichtlich schwer. Schließlich hat er die BMW erst im März aus privatem Vorbesitz erstanden.
»Trotz der Vorbehalte der Ärzte war ich überzeugt, dass mit dem lädierten Rücken ab und an mal eine kleine Tour möglich
sei, aber es geht einfach nicht«, erzählt er
resigniert, während er die 650er mit großer Mühe vom Ständer hievt und aus der Garage schiebt. Man glaubt ihm, dass gesundheitliche Gründe ausschlaggebend für den Verkauf sind. Zudem räumt auch der gründliche Check der Maschine die leichten Zweifel wegen der sehr kurzen Haltedauer aus – es könnte sich ja um eine
defektanfällige Montagsmaschine handeln, die man rasch wieder los werden möchte.
Die immerhin neun Jahre alte, aber nicht einmal 15000 Kilometer gelaufene BMW präsentiert sich trotz der insgesamt vier Haltereintragungen in einem hervorragenden Pflegezustand. Laut Verkäufer hat die Vorbesitzerin erst vor einem Jahr die hohe Verkleidungsscheibe sowie das originale BMW-Topcase montieren lassen und die einstmals blaue Sitzbank gegen ein neues, schwarzes Exemplar getauscht. Passend dazu glänzt der makellose Lack im milden Abendlicht. Sturzspuren, Rost oder Gammel in schlecht zugänglichen Ecken sind nirgendwo zu finden. Selbst
die häufig vernachlässigte Rückseite des Edelstahlauspuffs zeigt kaum Spuren von eingebranntem Schmutz.
Technisch scheint ebenfalls alles in Ordnung zu sein. Der kalte Motor springt prompt an und läuft sofort rund. Der
Kettensatz ist noch für einige tausend
Kilometer gut, und die Bremsscheiben sind frei von Riefen. Einziges Manko ist der ausgehärtete Reifensatz mit dem Produktionsdatum 1997, der insbesondere bei Regen zum Risiko wird. Dennoch ginge der ausgehandelte Preis von 2650 Euro für diese F 650 absolut in Ordnung.
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BMW F 650 (Archivversion)

Motor: wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile, Tassenstößel, Trockensumpfschmierung, zwei Mikuni-Gleichdruckvergaser, Ø 33 mm, ungeregelter Katalysator, Lichtmaschine 280 Watt, Batterie 12 V/
12 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 100 x 83 mm
Hubraum 652 cm3
Verdichtungsverhältnis 9,7:1
Nennleistung 35 kW (48 PS) bei 6500/min
Max. Drehmoment 57 Nm bei 5200/min

Fahrwerk: Einschleifenrahmen aus Stahlprofilen, geschraubte Unterzüge, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahlprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel.
Speichenräder 2.15 x 19; 3.00 x 17
Reifen 100/90 S 19; 130/80 S 17

Maße und Gewichte: Radstand 1480 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Nachlauf 116 mm, Federweg v/h 170/
165 mm, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht vollgetankt 199 kg, Zuladung 172 kg, Tankinhalt 17,5 Liter.

messungen
(MOTORRAD 12/1999)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 164 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 5,2 sek
0–140 km/h 11,7 sek

Durchzug
60–100 km/h 7,3 sek
100–140 km/h 8,9 sek

Verbrauch
4,1 bis 5,6 l/100 km, Normalbenzin

BMW F 650 (Archivversion)

Modellgeschichte
»Ciao, Servus, Hallo« hieß es im Herbst 1993 auf dem Titel des ersten F-650-Prospekts, in welchem die BMW-Werbetexter die Entstehung der F 650 als Akt der Völkerverständigung feierten. In den Hän-
den der Bayern lagen demnach Idee, Konzept und Qualitätssicherung des »ersten Europäers auf zwei Rädern«, während der österreichische Hersteller Rotax den Vierventil-Einzylinder beisteuerte und Aprilia für die Endfertigung in Noale verantwortlich zeichnete.
Wirkte der Multikulti-Single mit seinem Sekundärantrieb via Kette auf viele Traditionalisten der Marke zunächst wie ein Kulturschock, erfreute sich die
F 650 bei unvoreingenommenen Bikern – darunter viele Führerscheinneulinge und Wiedereinsteiger – von Beginn an großer Beliebtheit. Zu Recht, denn die von BMW auch als »Funduro« bezeichnete Maschine überzeugte nicht nur mit ihrer hervorragenden Verarbeitungsqualität, sondern ebenso mit einem hohen Fahrkomfort, dem spritzigen Triebwerk, einem prima Fahrverhalten sowie der für einen Einzylinder beispielhaften Zuverlässigkeit.
Den 50000-Kilometer-Marathon des MOTORRAD-Langstreckentests absolvierte die 650er nahezu
ohne Probleme. Kritisiert wurden lediglich der bei Drehzahlen unterhalb von 3000/min rappelige Motor, die relativ früh ermüdeten Kupplungsfedern sowie mehrere Vibrationsrisse an der Edelstahl-Auspuffanlage. Und auch nach der Zerlegung des Triebwerks zeigte sich nur minimaler Verschleiß an einigen Stellen (undichte Auslassventile, ungleichmäßiges Tragbild der Kurbelwellenlager, Pitting an Nockenwelle). Zahlreiche Leser bestätigten die Standfestigkeit, weshalb man die BMW F 650 heute zweifelsohne zu den empfehlenswertesten Offerten unter den gebrauchten Einzylinder-Maschinen zählen darf.
Zum Modelljahr 1997 stellten die Münchner der dezent überarbeiteten Funduro (besserer Windschutz, ungeregelter Kat ab Werk) die Straßenvariante F 650 ST zur Seite, die sich zwar lediglich
in einigen Details vom Basismodell unterschied (siehe Modellpflege), aber bei weitem nicht dessen Beliebtheit erreichte. Als im Februar 2000 die Produktion der F 650 GS mit Einspritzung im Berliner Stammwerk anlief, verabschiedete sich die italienische F 650 mit einer silberfarbenen Sonderserie aus den Verkaufsräumen der Händler.
Marktsituation
Während bei den japanischen Motorradherstellern die Nachfrage nach Einzylindern im straßentauglichen, gemäßigten Enduro-Outfit ab Mitte der 90er Jahre stetig abnahm, verkaufte sich die BMW F 650 wie
geschnitten Brot. Zwischen 1993 und 2000 brachten die Bayern sage und schreibe 19200 Funduros
sowie zirka 5700 Stück des Straßenablegers F 650
ST unters Volk. Bei einem derzeitigen Bestand von stolzen 22000 Exemplaren (beide Varianten) haben Gebrauchtinteressenten also reichlich Auswahl.
Weil die Preise zum Teil kräftig differieren, ist ein gründlicher Vergleich der Angebote bei der F 650
geboten. Im Vertrauen auf die einst traditionelle Wertbeständigkeit der Maschinen mit dem weißblauen Propeller-Logo schießt so mancher F-650-
Besitzer mit seinen finanziellen Forderungen übers Ziel hinaus. Die weite Verbreitung des Singles sorgt insgesamt jedoch für ein durchaus moderates Preisniveau. Hinzu kommt, dass eine gebrauchte F 650
im Wettbewerb mit attraktiven, oftmals deutlich
leistungsstärkeren Mehrzylinder-Bikes steht, die bei vergleichbaren Laufleistungen häufig sogar preisgünstiger angeboten werden. Und diesem Argument können sich viele Gebrauchtkäufer in Zeiten knapper Kassen schwer entziehen.
Das Gros der Gebrauchtangebote liegt bei der F 650 in der Regel zwischen 2000 Euro für Maschinen der ersten Baujahre mit Laufleistungen zwischen 30000 und 50000 Kilometern sowie rund 3500 Euro für wenig gefahrene Facelift-Exemplare ab 1997. Geringfügig höher wird lediglich das ab 1999 gebaute
silberne Sondermodell gehandelt, das aber selbst
mit weniger als 10000 Kilometern auf dem Tacho einen Preis von 4000 Euro nicht übersteigen sollte. Echte Schnäppchen sind bei der F 650 rar gesät und
betreffen meist die weniger beliebten Farbvarianten wie Mintgrün und Weiß. Oder die bereits als Neufahrzeug nicht so gefragte Straßenversion F 650 ST, deren Gebrauchtpreise doch spürbar unter denen der Funduro liegen.
Zum Vergleich einige Händlerverkaufspreise nach Schwacke: Danach soll eine F 650 von 1994 mit 86000 Kilometern noch knapp 2100 Euro bringen, der Wert einer F 650 von 1997 (61000 Kilometer) wird mit 2700 Euro (F 650 ST: 3000 Euro) beziffert, während die Taxierungen für das Sondermodell aus dem letzten Baujahr 2000 mit 35000 Kilometern von 4100 Euro ausgehen. Diese Preise dürften allerdings nur zu realisieren sein, wenn die Kilometerleistungen deutlich unter den genannten Angaben liegen. Auch eine als zuverlässig geltende BMW ist nämlich kaum noch zu vernünftigen Preisen zu verkaufen, sobald sie die für Motorräder magische Grenze von 50000 Kilometern überschritten hat.
Besichtigung
Die F 650 kennt keine gravierenden typspezifischen Schwächen. Das wassergekühlte Triebwerk gilt als überaus standfest. Neben den üblichen, verschleißbedingten Checkpunkten, insbesondere von Kettensatz, Kettengleitschiene und -umlenkrolle empfiehlt sich eine genaue Kontrolle des Lenkkopflagers, das bei frühen Modellen nicht von höchster Güte war. Außerdem sollte man sich vergewissern, ob die Ölleitungen der Trockensumpfschmierung dicht halten oder die Ansaugstutzen möglicherweise porös sind. Weiter-
hin sind Vibrationsrisse am Auspuff nicht selten, ebenso überlaufende Vergaser durch klemmende Schwimmernadeln.

BMW F 650 (Archivversion)

1993 Vorstellung und Markteinführung der F 650
im Spätherbst des Jahres zum Preis von 11400 Mark; Hauptständer und ungeregelter Kat als aufpreispflichtige Sonderausstattung
1995 Der Hauptständer gehört ab Herbst 1995
zum Serienumfang
1996 Ab Herbst des Jahres Markteinführung der Straßenvariante F 650 ST (Preis: 12400 Mark), die
sich von der Funduro wie folgt unterscheidet: Straßenbereifung, Vorderradgröße 18 statt 19 Zoll, schmalerer, nach vorn gekröpfter Lenker, verringerter Federweg hinten (120 statt 165 Millimeter), niedrigere Sitzhöhe, reduzierter Radstand (1465 statt 1480 Millimeter)
und Nachlauf (110 statt 116 Millimeter), Verzicht
auf Verkleidungsscheibe, schmalerer Kotflügel vorn, Motorschutz mit angedeutetem Spoiler
Parallel zum Erscheinen der ST-Variante erhält
die Funduro F 650 ein leichtes Facelift. Neu sind die modifizierte Verkleidung mit höherem Windschild,
der nunmehr klappbare Tankdeckel, die nicht mehr
in die Verkleidung integrierten Blinker sowie der
nur in Deutschland zur Serienausstattung gehörende
ungeregelte Katalysator
1997 Änderungen am Triebwerk erlauben das Tanken von Normalbenzin
1999 Sondermodell in Silber, serienmäßig mit
heizbaren Griffen, Kofferhaltern und Topcase zum Preis von 12850 Mark
2000 Präsentation der F 650 GS mit Einspritzung und G-Kat (Februar); Abverkauf der letzten Exemplare von F 650 und F 650 ST

Serviceanweisungen
1995 Montage einer Abdeckung am Lenkkopflager, um Spritzwassereintritt zu verhindern
1995 Einbau einer Stützfeder am Ölschlauch der
Trockensumpfschmierung, um ein eventuelles Abknicken zu verhindern
1996 Änderung des Anzugsmoments der Zylinderkopfverschraubung

BMW F 650 (Archivversion)

Als typisches Einsteiger-Motorrad entpuppt sich diese blaue BMW. Sie besitzt das tiefer gelegte Fahrwerk sowie Haupt- und Seitenständer in gekürzter Ausführung. Nach den Haltereintragungen im Brief befand sich die F 650 seit der Erstzulassung im Januar 1996 ausschließlich in weiblicher Hand. Die aktuelle Besitzerin ist die Nummer drei und hat das Bike im Jahr 2000 beim Vertragshändler gekauft. Damals besaß die ursprünglich grüne 650er bereits das dunkelblaue Metallic-Kleid. Die nachträgliche Lackierung ist jedoch
das Werk eines Profis und wurde handwerklich sehr sauber ausgeführt. Weitere Sonderausstattungen sind Heizgriffe, eine Steckdose sowie die höhere Verkleidungsscheibe und das Topcase aus dem Zubehör.
Die BMW, deren Tacho eine Laufleistung von knapp 19000 Kilometern ausweist, ist augenscheinlich zwar gepflegt, bietet Perfektionisten aber noch genügend Spielraum für ausgiebige Putzorgien an schlecht zugänglichen Stellen wie zum Beispiel im Bereich der Schwingenlage-
rung sowie der Federbeinaufnahme. Die letzte
Inspektion erfolgte laut Rechnung im Herbst 2003. Leider ist das Service-Scheckheft nicht mehr vorhanden. Zudem sind der Kettensatz sowie der Vorderreifen austauschreif. Deshalb fällt die Mindest-Preisforderung der Besitzerin von 3300 Euro – die anfängliche Vorstellung lag bei 3900 Euro – deutlich zu hoch aus, insbesondere im Vergleich zum zuvor besichtigten Exemplar im serienmäßigen Topzustand.

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