Gebrauchtberatung Honda CB 1000 (Archivversion)

Edel-Stahl

Groß und mächtig – die Honda CB 1000 macht als Gebrauchtmaschine nicht nur mit ihrer Top-Verarbeitung eine prima Figur.

Als Honda Anfang der 90er Jahre einem kleinen Projektteam die
Entwicklungsarbeit für ein unverkleidetes
Big Bike übertrug, hatten die Ingenieure
absolute Handlungsfreiheit. Es existierten weder Zielvorgaben von Marketingstrategen noch Beschränkungen durch Rotstiftakrobaten. So konnten die Konstrukteure aus dem Vollen schöpfen. Es verwundert daher nicht, dass die im Herbst 1992 präsentierte CB 1000 mit einer Ver-
arbeitungsqualität aufwartete, die unter den japanischen Naked Bikes konkurrenz-
los war – und bis heute ist. Selbst die
CB 1300, die legitime Nachfolgerin, zieht in dieser Hinsicht den Kürzeren. Wo das aktuelle Modell mit routinierter Großserienfertigung glänzt, überstrahlt die CB 1000 sie mit ihrer detailverliebten Wertigkeit. Beispielsweise mit blitzsauberen Rahmen-schweißnähten bis ins hinterste Eck. Oder den zahlreichen gebürsteten Alu-Teilen, die dem Auge schmeicheln. Hinzu kommen geschmiedete Gabelbrücken und Fußrasten. Nicht zu vergessen natürlich die Schnellverschlüsse an der Vorderachse à la RC 30, die in Chrom gefassten Kontrolllämpchen im Cockpit oder der satte Lackauftrag am Fahrgestell.
Dennoch war der nackten Honda hier zu Lande mit knapp 1100 Zulassungen kein großer Erfolg beschieden. Traditiona-listen kritisierten das Erscheinungsbild des glattflächigen Motorblocks, der ohne Kühlrippen auskommen musste. Tourenfreunde mokierten sich über die zu hoch an-
gebrachten Fußrasten für den Beifahrer. Die meisten aber störten sich am hohen Preis, der bei der Markteinführung 1993 mit 17880 Mark rund 3000 Mark über der direkten Konkurrenz, beispielsweise der Kawasaki Zephyr 1100, lag.
Käufer der bis 1996 offiziell angebotenen Honda dürften ihre Investition indes nie bereut haben. Trotz des wuchtigen Erscheinungsbilds im Stil eines Muscle-Bikes ist die CB 1000 nämlich ein hervorragender Allrounder, insbesondere für Großgewachsene. Das prima abgestimmte, weitgehend ohne Verstellmöglichkeiten auskommende Fahrwerk zeigt sich allen Situationen gewachsen. Zudem fällt das Handling trotz des langen Radstands
und der 18-Zoll-Räder überraschend gut aus. Dem kultivierten und recht spar-samen Triebwerk kann man darüber hin-aus eine tolle Standfestigkeit attestieren. Dass die Leistungsentfaltung, speziell im unteren Drehzahlbereich, aus heutiger Sicht niemanden mehr vom Hocker
reißt, ist den Fans der »Superfour« ebenso egal wie die ausgeprägten Lastwechselreaktionen sowie der zu lang übersetzte fünfte Gang.
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Honda CB 1000: Gebrauchtberatung (Archivversion)

DATEN
(Modell SC 30, Baujahr 1993)

Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, Kurbelwelle quer liegend, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Schlepphebel, Nasssumpfschmierung, vier Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 34 mm, keine
Abgasreinigung, Lichtmaschine 420 Watt, Batterie 12 V/10 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.

Bohrung x Hub 77 x 53,6 mm
Hubraum 998 cm3
Verdichtungsverhältnis 10:1

Nennleistung 72 kW (98 PS) bei 8500/min

Max. Drehmoment 87 Nm bei 6000/min

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 310 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 276 mm, Einkolben-Schwimmsattel.

Alu-Gussräder 3.50 x 18; 5.50 x 18
Reifen 120/70 ZR 18; 170/60 ZR 18

Maße und Gewichte: Radstand 1540 mm, Lenkkopfwinkel 63 Grad, Nachlauf 111 mm, Federweg v/h 130/110 mm, Sitzhöhe 800 mm, Gewicht vollgetankt 263 kg, Zuladung 187 kg, Tankinhalt 22 Liter.

messungen
(MOTORRAD 4/1993)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 217 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 4,1 sek
0–180 km/h 13,7 sek

Durchzug
60–140 km/h 12,1 sek
60–160 km/h 15,8 sek

Verbrauch
4,7 bis 9,6 l/100 km, Normal

Modellpflege (Archivversion)

1993 Markteinführung der CB 1000 mit
50 oder 98 PS zum Preis von 17820 Mark; erhältliche Farbvarianten: Schwarz/Anthrazit und Weiß/Rot

1994 Listenpreis auf 18880 Mark
angehoben; keine technischen Änderungen;
Farben: Schwarz/Silber und Gelb/Silber

1995 Keine technischen Änderungen;
Triebwerk mattschwarz lackiert, die polierten Motordeckel entfallen, ebenso die Zweifarblackierungen;
neue Farben: Weinrot oder Schwarz

1996 Keine Änderungen; Abverkauf der
Restexemplare zu deutlich reduzierten Preisen
zwischen 15000 und 16000 Mark

Marktsituation und Besichtigung (Archivversion)

Marktsituation
Als Neufahrzeug verkaufte sich die CB 1000 zwischen 1993 und 1996 insgesamt nur 1088-mal. Damit zählt die große Nackte des weltgrößten Motorradherstellers fast schon zu den Exoten auf dem Gebrauchtmarkt. Dennoch scheint das Naked Bike eine treue Fangemeinde zu haben. Denn neun Jahre nach dem Abverkauf der letzten Exemplare vermeldet das Kraftfahrt-Bundesamt noch einen Bestand von 998 Stück (Stand Januar 2005). Die außergewöhnlich geringe Verlustrate von unter zehn Prozent spricht einerseits für die Langzeit-
qualität der Honda, andererseits auch für unge-
brochenen Besitzerstolz. Tatsächlich finden sich unter den nicht gerade alltäglichen Gebraucht-
offerten überdurchschnittlich viele CB 1000, die noch aus erster oder zweiter Hand stammen. Je nach Pflegezustand wechseln solche Exemplare mit Laufleistungen zwischen 30000 und 50000 Kilometern zu Preisen zwischen 2500 und 3800 Euro den Besitzer. Bei deutlich günstigeren Offerten lohnt die Anfahrt zur Besichtigung im Fall der
CB 1000 erfahrungsgemäß kaum. Gleiches gilt für Umbauten im Streetfighter-Stil.

Demgegenüber werden für Sahneschnittchen in neuwertigem Zustand mit Laufleistungen unter 20000 Kilometern zum Teil Preise von über 5000 Euro gefordert, was trotz der wertigen Ausstrahlung der CB überzogen ist. Schließlich wurde die 1000er als Neumaschine praktisch nur mit satten Nachlässen losgeschlagen, die speziell in den letzten beiden Verkaufsjahren durchaus mehr als 3000 Mark ausmachen konnten. Außerdem sollten Verkäufer einer CB 1000 bedenken, dass sie mit einer überteuerten Offerte im Bereich um 5000 Euro mit deutlich jüngeren Kontrahenten wie der Kawasaki ZRX 1100/1200, der unverkleideten Suzuki 1200er-Bandit oder den Yamaha-XJR-Modellen konkurrieren, die ebenfalls ordentlich verarbeitet sind, der Honda leistungsmäßig jedoch locker davonfahren. Soll es partout eine neuwertige CB 1000 sein, lohnt der Blick in die einschlägigen Verkaufs-
börsen des Internets, denn ab und an werden sogar noch fabrikfrische CB 1000 mit Tageszulassung zu Preisen um 6500 Euro angeboten. Dabei handelt
es sich meist um Parallelimporte aus den EU-Nachbarländern.
Wer nach einer gebrauchten CB 1000 sucht, wird bei Händlern indes nur selten fündig. Aufgrund der Gewährleistungspflicht dealen diese kaum noch mit Motorrädern, die älter als sechs bis acht Jahre sind. Eine CB wechselt daher in aller Regel von privat
an privat den Besitzer. Interessenten sollten
sich dabei von überhöhten Preisforderungen nicht
abschrecken lassen. Angesichts der mittlerweile starken Konkurrenzsituation bei gebrauchten Big Bikes, dem (noch) nicht vorhandenen Liebhaberstatus der CB 1000 sowie der überschaubaren Nachfrage sind die ernsthaft zum Verkauf entschlossenen Anbieter oftmals bereit, sich auf ein akzeptables Niveau herunterhandeln zu lassen.

Besichtigung
Honda und Reihen-Vierzylinder, das steht bereits seit Jahrzehnten für Zuverlässigkeit und Langlebigkeit. Da macht die CB 1000 keine Ausnahme. Deren wassergekühlter Vierzylinder besitzt ohnehin noch Reserven hinsichtlich der Dauerhaltbarkeit, handelt es sich doch um die Drosselvariante des in der vollverkleideten CBR 1000 bis zu 135 PS leistenden Triebwerks. Über 100000 Kilometer ohne Überholung bewältigt der Motor normalerweise ohne Probleme, sofern er das notwendige Minimum
an Pflege (regelmäßige Ölwechsel und Ventilspielkorrekturen) erhält. Vom soliden Fahrwerk sind ebenfalls keine Schwächen bekannt. Bei höheren Laufleistungen sind allenfalls verzogene Bremsscheiben und leckende Gabeldichtringe auffällige Punkte. Rost sollte aufgrund der soliden Verarbeitung bei einer gepflegten CB 1000 überhaupt kein Thema sein. Ganz im Gegensatz zur Reifenfrage: Für die mittlerweile exotisch anmutenden
18-Zoll-Räder im Breitformat gibt es derzeit leider keine modernen Reifenpaare auf dem Markt. Dank der Yamaha TDM 900 sind mittlerweile zwar
aktuelle 18-Zoll-Vorderreifen lieferbar, aber bei den wenigen freigegebenen 170er-Hinterreifen handelt es sich durchweg um betagtere Konstruktionen.
Zuletzt gilt noch zu bedenken, dass gebrauchte
Ersatzteile für diese Honda ebenfalls rar sind.

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