Gebrauchtberatung Honda NTV 650 (Archivversion)

Blessur-Prüfung

Maximal 1500 Euro sind nicht gerade ein üppiges Budget, um eine Honda NTV 650 zu erstehen. Was erwartet Gebrauchtkäufer mit einem schmalen Geldbeutel? MOTORRAD machte die Probe aufs Exempel und fand tatsächlich zwei günstige Exemplare – mit fast schon typischen Blessuren.

Eine Honda NTV 650 von 1997 mit 15000 Kilometern auf dem Tacho für 2000 Euro – die Anzeige im Internet liest sich verlockend. Am Telefon relativiert der Besitzer jedoch die Angaben. Ohne Umschweife gesteht er, in seinem Inserat »ein paar Beulen und Kratzer« unterschlagen
zu haben. Allerdings lasse sich über den Preis reden, denn der sei nur »ein grober Anhaltspunkt«. Mit einer guten Verhandlungstaktik könnte sich der Ausflug ins Stuttgarter Umland also durchaus lohnen, obwohl nicht mehr als 1500 Euro ausgegeben werden sollen.
Zwei Stunden später stehen wir vor der schwarzen Honda. Die erwähnten Beulen auf beiden Seiten des Tanks sowie am Schalldämpfer sind nicht zu übersehen, ebenso wenig das bei einem Sturz
mehrfach gebrochene Tachogehäuse. Die nur marginal ausgeprägten Kratzer an den Lenkerenden sowie an den Fußrasten
lassen aber auf eher harmlose Umfaller
bei niedrigen Geschwindigkeiten schließen – typische Gebrauchsspuren eines An-
fängermotorrads. Tatsächlich haben die beiden Söhne des Besitzers nacheinander
mit der auf 34 PS gedrosselten NTV 650 ihre ersten Erfahrungen nach der Führerscheinprüfung gesammelt.
Bei den Verhandlungen signalisiert der Besitzer sofort seine Bereitschaft, den Preis zu reduzieren; um wie viel, lässt er allerdings offen. Stattdessen präsentiert
er das lückenlos gestempelte Scheckheft, betont den technisch sehr guten Zustand und fordert seinerseits zur Abgabe eines Angebots auf. Nun ja, technisch macht
die Honda wirklich einen guten Eindruck. Das kalte Triebwerk läuft sofort rund, Rost und versprödetete oder ausgebleichte Kunststoffteile, die auf lange Standzeiten im Freien schließen lassen, sind nirgends zu erkennen.
Dennoch, das Limit von 1500 Euro gilt. Zwar bekundet der Besitzer, dass hiermit für ihn »die Schmerzgrenze erreicht« sei, doch zu unserer Überraschung willigt er schließlich ein. Wer sich an den optischen Mängeln nicht stört oder sein Bike ohnehin individuell gestalten will, darf angesichts des günstigen Preises – Schwacke taxiert den Wert einer sturzfreien 1997er-NTV mit 65000 Kilometern auf rund 2100 Euro –
bei dieser NTV 650 getrost zugreifen.
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Honda NTV 650: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Motor: wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, Kurbelwelle quer liegend, je eine oben liegende, kettengetriebene Nockenwelle, drei Ventile pro Zylinder, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, zwei Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 36,5 mm, keine Abgas-
reinigung, Lichtmaschine 345 Watt, Batterie 12 V/8 Ah, mechanisch be-
tätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kardan.
Bohrung x Hub 79 x 66 mm
Hubraum 647 cm3
Verdichtungsverhältnis 9,2:1
Nennleistung
39 kW (53 PS) bei 7500/min
Max. Drehmoment
53 Nm bei 6500/min

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Stahlprofilen, Motor mittragend, Telegabel, Ø 41 mm, Einarmschwinge aus Alu-Guss, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 316 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 276 mm, Einkolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder 2.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen 110/80 H 17; 150/70 H 17


Maße und Gewichte: Radstand 1465 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Nachlauf 119 mm, Federweg v/h 130/120 mm, Sitzhöhe 785 mm, Gewicht vollgetankt 212 kg, Zuladung 188 kg, Tankinhalt 19 Liter.

Honda NTV 650: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Modellgeschichte
Ende der 80er Jahre demonstrierte Honda in
eindrucksvoller Manier, wie man gestärkt aus einer Krise hervorgeht. Zahlreiche Probleme mit den Vierzylinder-V-Motoren der ersten Generation hatten heftig am Image des Weltmarktführers gekratzt. Deshalb starteten die Japaner 1985
mit der Einführung der zweijährigen Garantie eine
beispielhafte Qualitätsoffensive, erteilten den Rotstiftakrobaten Hausverbot und fertigten in der Folge Motorräder, die in Sachen Verarbeitung und Dauerhaltbarkeit den Maßstab setzten.
Dazu zählt auch die NTV 650 Revere, der bis heute der Nimbus der Unzerstörbarkeit anhaftet. Dabei verlief der Start des V2-Tourers im Jahr 1988 zunächst alles andere als rosig. Der Grund waren vor allem zu weiche Federelemente. Heftig Schelte gab es außerdem für das Spiel im Antriebsstrang, den zu lang übersetzten ersten Gang sowie für die zu weich gepolsterte und sich rasch durchsitzende Sitzbank.
Honda reagierte prompt und präsentierte bereits im folgenden Jahr eine gründlich überarbeitete Revere (siehe Modellpflege), mit der alle wesent-
lichen Kritikpunkte beseitigt waren. Gebraucht-
käufer sollten ihre Auswahl deshalb auf Exemplare ab Modelljahr 1989 beschränken. Für Langbeinige taugt allerdings auch die verbesserte Version nur bedingt. Deren Sitzbank ist zwar höher aufgepolstert, der Schaumstoffkern indes immer noch zu weich, was in Kombination mit den zu hoch und weit hinten angebrachten Fußrasten einen sehr spitzen und auf Dauer unbequemen Kniewinkel zur Folge hat. Am besten passt die NTV Piloten mit einer Körpergröße bis zu 1,75 Metern.
Dennoch verkaufte sich der Mittelklasse-Tourer sehr ordentlich, insbesondere nach der kräftigen Preissenkung ab Modelljahr 1993, die mit einer abgespeckten Ausstattung und dem Verlust der Bezeichnung Revere einherging. Da sich bis zum Ende der Baureihe 1997 die Modellpflegemaß-
nahmen im Wesentlichen auf die Anpassung an
die immer restriktiveren Abgas- und Geräuschgrenzwerte beschränkten, können Gebraucht-
interessenten bei gepflegten älteren Exemplaren ebenfalls bedenkenlos zugreifen.

Die Chancen, mit der Honda einen dauerhaften Partner fürs Zweiradleben zu finden, stehen bei einer NTV höher als bei den meisten anderen Gebrauchtmotorrädern auf dem Markt. Voraus-gesetzt, man arrangiert sich mit dem etwas biederen Aussehen und den kleinen Macken
der 650er, insbesondere dem etwas kippeligen Einlenkverhalten und dem – je nach Bereifung – spürbaren Lenkerflattern.
Apropos bieder: Das rassigere Schwestermodell namens NT 650 Hawk GT mit Alu-Rahmen
und Kettenantrieb wurde hier zu Lande ab 1990
nur als Grauimport, vornehmlich aus den USA, angeboten. Wer sich für eine Hawk interessiert, muss derzeit nicht nur lange danach suchen, sondern auch mit vergleichsweise hohen Preisforderungen rechnen.

Marktsituation
Trotz der heftigen Kritik im ersten Modelljahr entwickelte sich die NTV 650 zu einem schönen Erfolg für Honda. Der deutsche Importeur brachte zwischen 1988 und 1997 fast 15500 Stück des Kardanmodells unters Volk, wovon der Löwenanteil auf die Leistungsvariante mit 50 PS entfällt. Insgesamt verzeichnet das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) noch einen erstaunlich hohen Bestand von rund 13000 NTV – ein weiterer Beleg für die herausragende Langlebigkeit.

Viele Besitzer sind anscheinend so zufrieden mit der Honda, dass sie sich nicht von ihr trennen wollen. Das Angebot an Gebrauchten ist daher nicht übermäßig groß und hält sich mit der
derzeit eher verhaltenen Nachfrage die Waage. Die meisten Exemplare finden ohnehin auf dem Privatmarkt einen neuen Besitzer, während die gezielte Suche nach einer NTV im Handel mittlerweile selten geworden ist.
Trotzdem wird eine NTV gerne in Zahlung ge-
nommen, weil ein gepflegtes und sturzfreies Exempar nie lange stehen bleibt. Als typische Käuferklientel gelten vor allem Wiedereinstei-
ger und Vielfahrer, die sich ein wartungsarmes
Gefährt wünschen. Das Preisniveau orientiert
sich bei jüngeren Exemplaren an den Schwacke-
Werten, ältere Revere-Modelle mit moderaten
Laufleistungen liegen jedoch zum Teil deutlich darüber. Hier zum Vergleich einige von Schwacke ermittelte Händlerverkaufspreise, deren Kilometerangaben allerdings unrealistisch erscheinen: 1550 Euro (Modell 1995 mit 82000 Kilometern); 2100 Euro (Modell 1997 mit 65000 Kilometern).

Besichtigung
Modellspezifische Schwächen kennt die NTV
650 nicht, weshalb man sich bei der Besichtigung
auf die üblichen Checks von Pflegezustand
(Wartungsheft!), Verschleißteilen und möglicherweise vorhandenen Sturzspuren beschränken kann. Dabei spielt die Leistungsvariante keine große Rolle, weil eine Änderung mit dem Austausch der beiden Ansaugstutzen (Kosten für Material und Einbau zirka 100 Euro) günstig zu bewerkstelligen ist.

Honda NTV 650: Gebrauchtberatung (Archivversion)

1988 Markteinführung der NTV 650 Revere (Modellcode RC 33), wahlweise erhältlich mit 27,
50 oder 60 PS für 9130 Mark
1989 Umfangreiche Änderungen kennzeich-
nen den neuen Jahrgang (ab Fahrgestell-Nummer RC33-2100001). Motor: geänderte Getrieberäder
mit verbreiterten Mitnehmern zur Reduktion des
Lastwechselspiels, Endantrieb mit zusätzlichem Ruckdämpfer, Reduktion der Kupplungsreibfläche
zur Minimierung des Kupplungsklebens bei kaltem Motor, geänderte Vergaserabstimmung für eine spontanere Gasannahme. Fahrwerk: um zehn
Millimeter verlängerte Gabelstandrohre, längere,
progressive Gabelfedern; straffere Dämpfung; län-
geres Federbein mit hydraulischer Verstellung der Federbasis und einstellbarer Zugstufendämpfung. Ausstattung: drei Zentimeter höher aufgepolsterte Sitzbank; Preis auf 9830 Mark erhöht
1990 Freie Importeure bieten die NT 650 Hawk GT, das sportliche Schwestermodell der Revere mit Kettenantrieb, auch in Deutschland an; der Preis liegt rund 2000 Mark unter dem der NTV 650
1991 Neue Geräusch- und Abgasgrenzwerte
machen Modifikationen an der Vergaserabstimmung sowie am Auspuff nötig, dadurch reduziert sich die Spitzenleistung auf 57 PS (42 kW); geänderte
Getriebe-abstufung (Gänge eins bis drei) mit deutlich verkürztem ersten Gang; Preis auf 10545 Mark angehoben
1993 Eine abgespeckte Ausstattung führt
zur Preissenkung auf 9265 Mark. Die Änderungen
im Detail: verchromter Stahlrohrlenker anstatt
zweiteiliger Alu-Stummel, neues Cockpit, die
Zusatzbezeichnung »Revere« entfällt ebenso wie
die Metallic-Lackierung und der Hauptständer, der fortan nur noch gegen Aufpreis erhältlich ist
1995 Nochmals verschärfte Geräuschgrenzwerte erfordern einen neuen, deutlich längeren End-
schalldämpfer und eine geänderte Getriebeübersetzung; Spitzenleistung nur noch 53 PS (39 kW); Listenpreis mittlerweile wieder auf 10775 Mark gestiegen
1997 Letztes offizielles Verkaufsjahr der
NTV 650 (Listenpreis immer noch 10775 Mark)
Tests in MOTORRAD*
Honda NTV 650: 10/1988 (FB); 12/1988 (VT); 1/1989 (KT mit 27 PS); 11/1989 (KT); 25/1989 (LT); 7/1990 (VT); 2/1992 (VT); 17/1992 (VT); 13/1993 (T mit 34 PS); 14/1995 (VT)
Honda NT 650 Hawk GT: 14/1990 (T); 16/1993 (T mit 34 PS)

Honda NTV 650: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Auf den ersten Blick macht die weiße NTV, Baujahr 1988, einen ordentlichen Eindruck. Im Gegensatz zur nebenstehenden 650er weist sie weder Beulen noch auffällige Kratzer auf. Die Rostansätze an Schalt- und Bremshebel sind lediglich ein kosmetisches Manko, und der Farbunterschied zwischen Tank und den Kunststoffteilen ist nach 16 Jahren nichts Ungewöhnliches.
Bei näherer Betrachtung ändert sich das Bild
indes nachhaltig. So wurden Kratzer am Cockpit
von einem der fünf Vorbesitzer überschliffen. Ein untrügliches Indiz für einen Sturz ist zudem der geschweißte Lenkanschlag auf der linken Seite.
Des Weiteren sind praktisch am ganzen Motor Ölspuren zu erkennen, die nur notdürftig weggewischt wurden. Vermutlich ist die eine oder andere Dichtung nach einer neunjährigen Stilllegung austauschreif. Dass lange Standzeiten den meisten Motorrädern nicht gut bekommen, beweist einmal mehr die Kontrolle des Tankinneren: Statt blanken Stahlblechs ist dort nur noch eine rostig-braune Kraterlandschaft zu entdecken.
Trotz neuer Reifen, frischem Vollgutachten sowie einem kompletten Gepäcksystem mit zwei Koffern und Topcase scheint der ausgehandelte Preis von 1150 Euro für diese Honda nicht gerechtfertigt, zumal der Verkäufer keinerlei Nachweise zur
Laufleistung von 23000 Kilometern laut Tacho erbringen kann und es sich um ein Modell der weniger empfehlenswerten ersten Serie handelt.

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