Gebrauchtberatung Honda VTR-1000-Modelle (Archivversion)

Anti-Diva

90-Grad-V2, rassig und unglaublich zuverlässig. Nüchternheit gepaart mit Temperament. Wer eine unkapriziöse 1000er-Zweizylindermaschine sucht, findet unter gebrauchten VTR-Modellen ganz bestimmt die Richtige.

Sie säuft zu viel. Stattliche 7,3 Liter Durchschnittsverbrauch bescheinigte 1998 der MOTORRAD-Langstreckentest der ein Jahr zuvor erschienenen VTR 1000 F Firestorm. Im Extremfall, etwa bei stram-
mer Autobahnfahrt, wollte der lediglich
16 Liter fassende Tank alle 45 Minuten neu befüllt werden. Hondas Stellungnahme damals: »Unsere Entwicklungsingenieure hatten bei der Motorabstimmung aller-
größtes Augenmerk auf kraftvolles Beschleunigen aus niedrigen und mittleren Drehzahlbereichen gerichtet.« Eine italie-nische Maschine bräuchte vermutlich kei-
ne derartigen Rechtfertigungen, passionierte Italo-Fans wiegen Fahrdynamik in der Regel nicht mit Unterhaltskosten auf. Ducatisti ließen sich von der eher komfortabel abgestimmten Honda mit ihrem sehr kultivierten Zweizylinder jedoch kaum abwerben. Und die Honda-Klientel wünschte sich von der Japanerin wie gewohnt:
Perfektion in allen Bereichen.
Die VTR 1000 traf folglich das schwere Schicksal, mit zweierlei Maß gemessen zu werden: zu stumpf als Waffe im Kampf innerhalb des von Ducati dominierten Marktsegments leistungsstarker V2-Sportmaschinen. Und zu scharf für Sporttourer-Fahrer, die eine zweifelsohne vernünftigere, weil sparsamere und vielseitigere VFR vorzogen. Ein echter Hit war die Firestorm trotz einer größeren Modellpflege 2001 (unter anderem größere Reichweite durch größeren Tank und modifizierte Vergaserab-
stimmung) jedenfalls nicht, genauso wenig wie ihre supersportlichen Ableger SP-1 sowie SP-2, die im Jahr 2000 beziehungsweise 2003 die Bühne betraten (siehe Seite 67) und die im direkten Vergleich mit den Rennern aus Bologna ebenfalls eher enttäuschten. Dabei sind die VTR-1000-Modelle gute Motorräder.
Herzensgute sogar, denn der 90-Grad-Zweizylinder schlägt am rechten Fleck
und lässt einen nicht im Stich. Den zuver-
lässigen Maschinen ihr dennoch vorhan-
denes Temperament abzusprechen wäre ein großer Fehler. Kein Fehler indes: die wegen ihrer nur mittelmäßigen Popularität preislich sehr attraktive 1000er als Gebrauchtangebot ins Auge zu fassen.
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MOTORRAD-Checkpoint (Archivversion)

Marktsituation
In einem sind sich alle bundesweit befragten Händler einig: Die Firestorm ist technisch einwandfrei und läuft in der Regel auch nach Jahren ohne Probleme. Dennoch ist sie als Gebrauchte wenig gefragt. Bei
einigen Händlern steht die VTR trotz eines ange-
messenen Preises teilweise mehrere Monate erfolglos zum Verkauf. Warum, weiß keiner genau. Verbindliche Aussagen gibt es lediglich zu Farben und
Baujahren: Gelb geht gar nicht, und Fahrzeuge, die vor dem Modellwechsel 2001 gebaut wurden, lassen sich nur zum Dumping-Preis losschlagen.
Interessenten haben dementsprechend gute Karten, denn die Auswahl an Second-Hand-VTR ist groß
und teilt sich ungefähr zu gleichen Teilen in private und gewerbliche Offerten. Die Händler liegen trotz zugesicherter Gewährleistung preislich auf einem Niveau mit Privatanbietern.
Zwischen 4000 und 4500 Euro, also etwa für die Hälfte des Neupreises, werden die meisten VTR 1000 F inseriert. In dieser Preisklasse finden sich über-
wiegend Maschinen der Baujahre 1998 bis 2000
mit für das Alter geringen Laufleistungen zwischen 15000 und 20000 Kilometern. Außerdem sind einige VTR von 1997/1998 schon ab 3000 Euro im Angebot. Diese haben dann meist über 30000 Kilometer auf dem Buckel und sind hauptsächlich wegen des niedrigen Preises sehr attraktiv.
Deutlich teurer sind, scheckheftgepflegte Exemplare ab Baujahr 2001 mit Laufleistungen um die 10000 Kilometer. Mit etwas Glück sind sie knapp unter 5000 Euro zu bekommen. Wer noch ein paar Hun-
derter mehr anlegt, kann sich auf die Jagd nach gerade mal zwei Jahre alten Maschinen machen.
Da einige Händler Neufahrzeuge, Vorjahresmodelle
sowie neuwertige Vorführer schon unter 7500 Euro, also bis zu 20 Prozent unter Neupreis verkaufen, sind Gebrauchte zwischen 5500 und 7000 Euro wenig attraktiv und praktisch unverkäuflich.
Auffällig ist, dass von der fast 9000-mal verkauften Firestorm nur wenige Exemplare mit hohen Lauf-
leistungen über 40000 Kilometer angeboten werden. Die meisten zum Verkauf stehenden Gebrauchten weisen eine Jahresfahrleistung von unter 5000 Kilometern auf. Entweder wollen zufriedene Vielfahrer ihre Maschine einfach nicht verkaufen, oder im
Falle der Firestorm gibt es gar keine Vielfahrer. Die Schwacke-Preise basieren für die meisten Angebote auf nicht realistischen Kilometerleistungen, liegen verglichen mit den tatsächlich geforderten Preisen viel zu hoch. Als Orientierungshilfe dienen sie deshalb bei der Zweizylinder-Honda kaum.

Besichtigung
Die VTR 1000 F gehört zu den soliden Motorrädern. Gute Pflege und regelmäßige Wartung vorausge-
setzt, ist deshalb kaum mit bösen Überraschungen zu rechnen. Bei der Besichtigung und Probefahrt
unbedingt auf ein lückenloses Serviceheft achten und die Maschine penibel nach Sturzspuren untersuchen. Sind weder Kratzer noch Risse aufzuspüren: perfekt. Da keine Schwachpunkte bekannt sind, kann eine intakte Maschine bedenkenlos gekauft werden. Allerdings sollte nicht unbedingt in naher Zukunft der nächste Inspektionstermin oder Reifenwechsel anstehen. Darüber hinaus checken, ob sinnvolles Zubehör vorhanden ist.
Da die Firestorm weniger fürs reisende Volk ge-
baut wurde, zählen Koffersysteme, Tankrucksäcke oder Tourenscheiben eher selten zum Angebot. Wesentlich häufiger haben sich die Vorbesitzer um eine Optimierung des Fahrwerks bemüht und in
der Vergangenheit Geld in Nachrüstteile wie pro-
gressive Gabelfedern oder im Vergleich zum Original
vielseitiger einstellbare Federbeine (zum Beispiel
von Wilbers, Telefon 05921/727170, oder Öhlins,
Telefon 08669/848-0) sowie in eine Heckhöherlegung investiert – professionell gemachte Tune-ups, welche die bei sportlichem Einsatz häufig bemängelten Fahrwerksschwächen der Firestorm ausmerzen, machen die Gebrauchte für Hobby-Racer in jedem Fall noch interessanter.

Tests in MOTORRAD*
7/2004 (VT), 8/2003 (VT), 25/2002 (TT), 15/2001 (VT), 15/2000 (VT), 23/1999 7/1998 (LT), 12/1997 (VT), 7/1997 (VT), 6/1997 (T)

Modellpflege: HONDA VTR 100 F FIRESTORM (Archivversion)

1997 Die VTR 1000 F kommt in den Farben Schwarz, Rot und
Gelb auf den Markt. Preis: 18320 Mark
1998 Die Farbvariante Silber kommt hinzu. Außerdem erhält die
VTR einen ungeregelten Katalysator
2000 Gewichtsreduzierte Bremsscheiben mit acht statt bisher
zehn Aufnahmen

Modellpflege: HONDA VTR 100 F FIRESTORM (Archivversion)

2001 Größerer Tank, nun mit 19 statt 16 Liter Fassungsvermögen; modifizierte Motorabstimmung für geringeren Verbrauch sowie Einführung eines Sekundärluftsystems (SLS); Lenkerposition um 15,3 Millimeter höher; kleinere Blinker; neues, leichteres Instrumentencockpit; Wegfahrsperre
2005 Sitzbankabdeckung nur noch optional, integrierte Ausgleichs-
behälter für Brems- und Kupplungshebelei

Technische Daten: HONDA VTR 100 F FIRESTORM (Archivversion)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Vier-
takt-90-Grad-V-Motor, zwei oben lie-
gende, kettengetriebene Nockenwel-
len, vier Ventile pro Zylinder, Tassen-
stößel, Nasssumpfschmierung, Gleich-
druckvergaser, Ø 48 mm, ungeregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 280 Watt, Batterie
12 V/10 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechs-
ganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 98 x 66 mm
Hubraum 996 cm3
Verdichtungsverhältnis 9,4:1
Nennleistung
72 kW (98 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment
90 Nm bei 6500/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Aluminium, Tele-
gabel, Ø 41 mm, verstellbare Feder-
basis, Zugstufendämpfung, Zweiarm-
schwinge aus Aluminium, Zentral-
federbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 296 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheiben-
bremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel.

Alu-Gussräder 3.50-17; 5.50-17

Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewichte
Radstand 1430 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 97 mm, Federweg v/h 109/124 mm, Sitzhöhe* 790 mm, Gewicht vollgetankt* 220 kg, Zula-
dung* 186 kg, Tankinhalt/Reserve 19/
2,5 Liter.
Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 241 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 3,3 sek
0–140 km/h 5,6 sek

Durchzug
60–100 km/h 4,7 sek
100–140 km/h 4,7 sek

Verbrauch
Landstraße 6,0 l/100 km,
Normalbenzin

Sportfreunde: HONDA VTR 1000 SP-1 (Archivversion)

Exklusive Superbikes mit Straßenzulassung: die SP-Reihe der VTR 1000. Gebraucht
auch ohne Sponsoren-Vertrag durchaus erschwinglich.
Sie kam und siegte. Weltmeister-Titel 2000 mit Colin Edwards als Jockey. Die Honda VTR 1000 SP-1 erfüllte damals ihre Mission: Ducati die Superbike-Krone zu entreißen. Für 26460 Mark konnten Sportfans seinerzeit das Basismodell der Superbike-WM-Siegermaschine erwerben. Ein stolzer Preis, aber im Vergleich mit einer sündhaft teuren, in der gleichen Liga startenden Ducati 996 SPS (Preis 2000: 44340 Mark) fast ein Schnäppchen. Den-
noch haben sich nur wenige Käufer für die SP-1 interessiert.
Der Preis war jedoch nicht der Hauptgrund, warum die straßenzugelassene, vollgetankt 221 Kilogramm schwere SP-1 nicht zum Siegertyp avancierte. Die eher enttäuschenden Ergebnisse nach ersten Vergleichstests trugen stärker dazu bei: zu wenig radikal, zu zahm für schnelle Rundenzeiten. Die attestierten Landstraßenqualitäten, fußend auf einem komfortablen Fahrwerk und einem sehr kultivierten Zweizylinder, gerieten in Vergessenheit.
Die um vier Kilogramm abgespeckte SP-2 löste 2002 die SP-1 ab und bekam für die extremen Belastungen auf der Piste ein steiferes, dennoch leichteres Chassis und drei PS mehr Leistung verpasst. Preis: 14590 Euro. Honda betont, dass die SP-2 weniger mit der Vorgängerin als vielmehr direkt mit den HRC-Superbike-Rennma-
schinen verglichen werden sollte. Imposan-
te, 62 Millimeter messende Drosselklappen der Einspritzanlage oder eine von HRC speziell für die Werksrenner geschmiedete Alu-Schwinge unterstreichen den Anspruch auf volle Leistungssport-Tauglichkeit.
Insgesamt ist das Angebot gebrauch-
ter SP-Modelle sehr überschaubar, am ehesten wird man bei Vertragshändlern fündig, denn viele Vorbesitzer geben ihre Maschine vorzugsweise dort für einen
anderen Sportler in Zahlung. VTR 1000 SP-1 gibt’s ab 6000 Euro, die Laufleistungen der angebotenen Fahrzeuge übersteigen selten 20000 Kilometer. Die günstigsten SP-2 kosten rund 7500 Euro und sind in der Regel um die 10000 Kilometer gelaufen. Wichtig ist, dass die offerierte Maschine sturzfrei und in einem gepflegten Originalzustand ist – dann steht Liebhabern beim Kauf ihrer Traum-Honda eigentlich nichts im Weg.

Technische Daten: HONDA VTR 1000 SP-1 (Archivversion)

Motor: wassergekühlter Zweizylin-
der-Viertakt-90-Grad-V-Motor, zwei oben liegende, zahnradgetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylin-
der, Tassenstößel, Nasssumpfschmie-
rung, Einspritzung, Ø 54 [62] mm, Sekundärluftsystem, Sechsgangge-
triebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 100 x 63,6 mm
Hubraum 999 cm3
Nennleistung
97 kW (132 PS) bei 9500/min
[99 kW (135 PS) bei 10000/min]
Max. Drehmoment 102 Nm bei
8500/min [102 Nm bei 8000/min]

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, Zweiarmschwinge aus Alumi-
nium, Zentralfederbein mit Hebel-
system, Doppelscheibenbremse vorn,
Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten,
Ø 220 mm, Reifen 120/70 ZR 17 vorn, 190/50 ZR 17 hinten.
Maße und Gewichte: Radstand 1410 [1420] mm, Lenkkopfwinkel 65,5 [66,7] Grad, Nachlauf 101 [95] mm, Federweg v/h 130/120 mm, Sitzhöhe* 790 [820] mm, Gewicht vollgetankt* 221 [217] kg, Tankinhalt/Reserve 18/2,5 Liter.

Messwerte
(MOTORRAD 20/2000)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit
269 km/h [278 km/h]
Beschleunigung
0–100 km/h 3,2 [3,1] sek
0–140 km/h 5,0 [5,0] sek
Durchzug
60–100 km/h 4,7 [4,4] sek
100–140 km/h 5,1 [5,7] sek

Verbrauch
Landstraße 7,8 l [nicht ermittelt]/
100 km, Superbenzin

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