Gebrauchtberatung Kawasaki GPZ 500 S (Archivversion) Verkehrte Welt

Oft steht ein Motorrad schlechter da als annonciert, und der Verkäufer ist froh, wenn er es los ist. Hier kam alles anders.

Der erste Kontakt am Telefon verlief ernüchternd. Auf die Standardfrage des angeblichen Interessenten nach der Zahl der Vorbesitzer folgte die ausweichende Antwort: »So zirka sechs, aber ganz genau weiß ich das auch nicht.« Das verhieß schon nichts Gutes. Ist die GPZ denn unfallfrei? Nach einer kurzen, aber verdächtigen Sendepause: »Nein, die ist schon mal vom Ständer gekippt.« Oh je. Wenigstens ehrlich ist der Mann, und Anschauen kostet ja nichts. Für einen sehr guten Zustand der GPZ 500 S mit einer Laufleistung von rund 32000 Kilometern wären 1700 Euro gerade noch tragbar, und außerdem fand sich ja der erfreuliche Hinweis »Verhandlungsbasis« in der Annonce.Zwei Stunden später, es ist ein brütend heißer Sonntagnachmittag, schwitzen wir gemeinsam mit dem Verkäufer unter einem Vordach im Garten eines Einfamilienhauses. Was uns dort, liebevoll von der schützenden Abdeckhaube befreit, entgegenblinkt, überrascht: So gepflegt sehen zehn Jahre alte Motorräder im Allgemeinen nicht aus. Und noch bevor wir den Mund aufmachen können, um preismindernd das defekte Blinkergehäuse vorn links zur Sprache zu bringen, zaubert der Verkäufer bereits ein Klarsicht-Tütchen aus einer Nische. Inhalt: ein neuer Blinker.Okay, irgendeine andere Macke wird sich schon finden lassen. Also raus mit der GPZ durch den Garten auf die Straße. Der Motor ist kalt, springt aber einwandfrei an und klingt völlig normal. Der Hinterreifen ist tatsächlich neu, der Kettensatz in gutem Zustand und die Kettenspannung in Ordnung. Bei einer GPZ 500 S ist das ein besonders ernst zu nehmender Kontrollpunkt, denn bei stets zu straff eingestellter Kette kann sich der Außenring des Getriebeausgangslagers im Motorgehäuse mitdrehen und so auf Dauer seinen eigenen Sitz zerstören.Ein Blick unter die Sitzbank unterstreicht den Eindruck des guten Allgemeinzustands: Die Batterie wirkt gepflegt, das Bordwerkzeug erfreut mit seiner kompletten Anwesenheit. Der Motorspoiler weist auch von unten keine Macken auf, obwohl bei diesem tief liegenden GPZ-Kunststoffteil oft Bordsteinkanten zerstörerisch wirken. Die Lackteile sehen aus wie neu, das Motorgehäuse ebenso. Bis auf die kleine Stelle, an der das Bremspedal beim Umkippen gegen das Gehäuse geschlagen hat.Die hohe Zahl der Vorbesitzer relativiert sich beim Blick in die Fahrzeugpapiere: Die ersten drei haben den gleichen Nachnamen – offenbar wurde das Motorrad munter durch eine einzige Familie hin- und hergemeldet. Wo soll man bei solchen Kleinigkeiten vernünftig zum Verhandeln ansetzen? Uns fällt nichts ein. Wir versuchen es trotzdem, beginnen ohne Angabe von Gründen mit 1500 Euro – und werden sofort handelseinig. Es wäre ein guter Preis – wenn wir das Motorrad wirklich kaufen würden.Nachdem wir gestanden haben, dass wir undercover für einen Gebrauchtkauf in MOTORRAD ermitteln, gesellt sich die Schwester des Verkäufers dazu, die erst vor einigen Monaten den Motorradführerschein gemacht hat. Ja, sie sei schuld an dem kleinen Malheur mit dem Bremspedal, ihr sei die Kawasaki, die sie sich mit ihrem Bruder teilte, vom Ständer gekippt. Und auch der Blinker gehe auf ihr Konto – die Kawasaki ist ihr einfach zu hoch. Wir leisten Beratungsarbeit: Viel niedriger als bei der GPZ 500 S geht’s außer bei einem Chopper kaum – und außerdem kann man eine Sitzbank abpolstern oder ein Motorrad mittels geänderter Umlenkhebel tiefer legen. Das Gespräch zeigt Wirkung: Jetzt wird die GPZ doch in der Familie bleiben. Mit zwei verschieden hoch gepolsterten Sitzbänken.

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