Gebrauchtberatung Suzuki TL 1000 (Archivversion)

Gebrauchtberatung Suzuki TL 1000

Sie sollte ein echter Leckerbissen werden – doch beim Abschmecken hat Suzuki die TL 1000 verwürzt. Als Gebrauchte schmeckt sie dennoch einer Vielzahl von ZweizylinderGourmets.

Eigentlich ist Ducati schuld. Die Italiener brachten Mitte der Neunziger Motorradfahrer auf den Geschmack von appetitlichen Sport-Twins. Suzuki wollte deshalb 1997 mit der TL 1000 S ebenfalls leckere Kost anrichten. Und die Presse spickte dieses mutige Vorhaben mit dicken Vorschusslorbeeren. Überaus pikant: Die günstig angebotene TL sollte zum bezahlbaren Traum für alle werden, denen italienische Preise zu gesalzen waren.
Für Suzuki wurde sie zum Albtraum. Und das lag weder an Ducati noch an der vorschnellen Journaille, sondern am Hersteller selbst. Mehrmals musste die offensichtlich nicht ausgegorene Maschine zurück in die Werkstatt. Suzuki löffelte die selbst eingebrockte Suppe jedoch brav aus und behob Probleme wie etwa eine unheimliche
Ölverdünnung oder den extrem hohen Kupplungsverschleiß bei
über 3000 betroffenen Motorrädern anstandslos. Aber der Ruf des Zweizylinders war ruiniert. 1998 unterzeichneten nur noch rund 150 Unerschrockene einen Kaufvertrag, bis zum Produktionsstopp zwei Jahre später kamen knapp über 1000 hinzu.
Die ab 1998 angebotene supersportliche TL 1000 R scheiterte ebenfalls am selbst auferlegten Anspruch und verlor sogar das Pistenduell gegen die eigene Schwester. Der etablierten Konkurrenz war sie auf dem Rundkurs mit ähnlichen Fahrwerksschwächen wie die »S« (zu weiche Gabel und schlecht funktionierender Rotationsdämpfer) sowieso nicht gewachsen. Folge: 1999 verabschiedet sie sich schon wieder vom Markt.
Erstaunlicherweise ist die TL als Gebrauchte keineswegs ein Flop. Im Gegenteil: Zweizylinder-Fans suchen gezielt nach der mittlerweile preislich sehr interessanten, nach wie vor feurigen Maschine. Ein Lucky Loser mit treuem Freundeskreis.
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Marktsituation (Archivversion)

Sechs Jahre nach Produktionsstopp sind lediglich 3200 TL 1000 S zugelassen, bei der R-Version ist der ursprüngliche Bestand sogar um mehr als ein Drittel auf aktuell rund 650 Stück zusammengeschrumpft. Die »R« ist somit ein Exot auf dem Gebrauchtmarkt und nur durch sehr gezielte Suche zu finden. Die wenigen Interessenten, die dieses wirklich seltene Motorrad als Kulturerbe bewahren wollen, sind in der Regel gewillt, für ordentlich gepflegte Exemplare im Originalzustand bis über 4000 Euro zu zahlen. Umlackierte, zerkratzte oder gar auf der Rennstrecke zerstürzte Maschinen finden indes nur schwierig einen Käufer. Die als Gebrauchte deutlich populärere und häufiger angebotene S-Version hat ebenfalls Absatzschwierigkeiten, sofern sie lediglich regional offeriert wird oder es sich um ein Fahrzeug mit starken Gebrauchsspuren handelt. Ansonsten steht laut Händleraussagen eine scheckheftgepflegte »S« mit wenigen Kilometern (unter 20000) selten lange im Laden, weil Fans auch eine Anreise von mehreren hundert Kilometern zur Probefahrt in Kauf nehmen.

Modellpflege (Archivversion)

1997 Markteinführung der TL 1000 S zum Preis von 17790 Mark. Ab April diverse Rückrufaktionen: Lenkungsdämpfer nachgerüstet, im Herbst werden Steuergerät für Zündung und Einspritzung sowie der Thermostat getauscht, etwas später kostenloser Austausch des vibrationsbedingt zu Rissbildung neigenden Tanks. Die TL 1000 S ist bis zum Ende ihrer Bauzeit lediglich in Rot und Schwarz erhältlich
1998 Das Modell TL 1000 R wird als supersportliche, vollverkleidete Variante der »S« zur Seite gestellt. Preis inklusive Nebenkosten: 19650 Mark. Erhältlich in den Farben Blau/Weiß und Rot
1999 Modellpflege bei der TL 1000 S: Modifikationen an Einspritzanlage, Steuereinheit sowie Kupplung. Außerdem geänderte Ventilsteuerzeiten und verstärkter Rahmen. Leergewicht steigt von 212 auf 215 Kilogramm. Die R-Version wird außer in Blau/Weiß in Schwarz angeboten und nach nur zwei Baujahren wieder aus dem Programm genommen
2000 Ende der Baureihe. Letzter offizieller Listenpreis 2000: 19390 Mark. Abverkauf 2000, vereinzelte Exemplare bis 2002

Besichtigung (Archivversion)

Bei den am meisten verbreiteten Maschinen des Baujahrs 1997 wurden in der Regel alle damals monierten Mängel (Steuergerät, Kupplung, Tank) längst von Vertragshändlern behoben. Um sicher zu gehen, sollte man sich bei der Besichtigung Nachweise vorlegen lassen, die alle bei den Rückrufaktionen geforderten Umrüstarbeiten dokumentieren. Dennoch ist Vorsicht geboten, da etwa durch eine zu späte Umrüstaktion der fehlerhaften Steuereinheit und den damit verbundenen Ölverdünnungsproblemen Schäden an den Pleuellagern entstanden sein können. Zumindest die Ergebnisse des Langstreckentests in MOTORRAD 20/1998 legen diese Vermutung nahe. Bei der Probefahrt sollte man ohnehin auf mechanische Motorgeräusche achten, denn insbeson-
dere manche ungeduldige, sportliche Vorbesitzer können den eigentlich sehr robusten Zweizylinder mitunter durch zu kurze Warmfahrphasen über Gebühr strapaziert haben. Exemplare, die auf der Rennstrecke bewegt wurden, außerdem genau auf Kratzer, Risse und andere Sturzspuren untersuchen. Bei guter Pflege ist die TL hingegen eine sehr zuverlässige Partnerin, die anstandslos auch
Laufleistungen jenseits von 50000
Kilometern wegsteckt. Bei 98-PS-Maschinen:
Zirka 150 Euro kostet eine Entdrosslung.
Generell sollten sich TL-Interessenten vorab mit Kennern des Modells beraten. Technik-Ratschläge und brauchbare Schraubertipps sowie Hinweise zu Umbauten und Stammtischen finden sich auch im Internet unter www.tl1000.de.

MOTORRAD-Tests (Archivversion)

TL 1000 S:
5/1997 (T),
7/1997 (VT),
11/1997 (VT),
18/1997 (Optimierung),
20/1998 (LT),
23/1999 (VT)

TL 1000 R:
5/1998 (FB),
12/1998 (T),
13/1998 (VT),
21/1998 (VT)

Technische Daten Suzuki TL 1000 S (1999) (Archivversion)

DATEN
Suzuki TL 1000 S
(Modelljahr 1999)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, zwei oben liegende, zahnrad- und kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Ø 52 mm, keine Abgasreinigung, Lichtmaschine 375 Watt, Batterie 12 V/10 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 98 x 66 mm
Hubraum 996 cm³
Verdichtungsverhältnis 11,3:1
Nennleistung:
92 kW (125 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment:
104 Nm bei 7100/min

Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 190/50 ZR 17

Maße und Gewichte
Radstand 1415 mm, Lenkkopfwinkel 66,3 Grad, Nachlauf 93 mm, Federweg v/h 120/128 mm, Sitzhöhe* 840 mm, Gewicht vollgetankt* 216 kg, Zuladung* 184 kg, Tankinhalt 17 Liter.


messungen
(MOTORRAD 23/1999)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 252 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 3,0 sek
0–160 km/h 11,4 sek

Durchzug
60–100 km/h 4,6 sek

Verbrauch
5,8 l/100 km (bei 100 km/h)
7,9 l/100 km (bei 160 km/h)
Normalbenzin

Technische Daten Suzuki TL 1000 R (1998) (Archivversion)

DATEN
Suzuki TL 1000 R
(Modelljahr 1998)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, zwei oben liegende, zahnrad- und kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Ø 52 mm, keine Abgasreinigung, Lichtmaschine 380 Watt, Batterie 12 V/10 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.
Bohrung x Hub 98 x 66 mm
Hubraum 996 cm3
Verdichtungsverhältnis 11,7:1
Nennleistung:
99 kW (135 PS) bei 9500/min
Max. Drehmoment:
106 Nm bei 7500/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Aluminium, Upsidedown-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Fe-derbasis, Zug- und Druckstufendämp-fung, Zweiarmschwinge (mit Unterzug) aus Aluminium, Zentralfederbein mit
Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Dop-pelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Sechskolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 190/50 ZR 17

Maße und Gewichte
Radstand 1405 mm, Lenkkopfwinkel 66 Grad, Nachlauf 96 mm, Federweg v/h 115/125 mm, Sitzhöhe* 820 mm, Gewicht vollgetankt* 231 kg, Zuladung* 179 kg, Tankinhalt 17 Liter.


messungen
(MOTORRAD 21/1998)

Fahrleistungen
Höchstgeschwindigkeit 266 km/h

Beschleunigung
0–100 km/h 2,9 sek
0–200 km/h 10,4 sek

Durchzug
60–100 km/h 4,8 sek

Verbrauch
6,2/100 km (bei 100 km/h)
6,4 l/100 km (bei 160 km/h)
Normalbenzin

Wo das Herz sonst schlägt (Archivversion)

Das Herz der TL 1000: der schlanke und ultrapotente Motor. Die anfänglichen Kinderkrankheiten sind insofern verständlich, als Suzuki sich erstmalig, also ohne Erfahrungswerte an einen derart hochdrehenden 90-Grad-V2 mit Einspritzung heranwagte. Erstaunlich: Obwohl viele Triebwerke des 1997er-Modells wegen eines fehlerhaften Steuergeräts
mit durch Benzin verdünntem Motoröl etliche Kilometer herunterschrubbten, gab es nur wenige Kapitalschäden. Zeichen dafür, dass der Motor bei richtiger Einstellung und Wartung lange die Treue hält. Vergleichbare italienische Pendants haben da in der Regel mehr Probleme. Gründe genug, dieses gesunde Herz auch in andere Motorräder zu verpflanzen (siehe rechts). Diese Modelle fanden viele Freun-de, zu Topsellern avancierten sie allerdings nicht. Bisher schlug das Herz wohl noch nicht am rechten Fleck.

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