Gebrauchtkauf BMW R 1100 RS (Archivversion) Schwamm drüber

Im ersten Modelljahr ließ der BMW-Boxer schon mal die Ohren hängen. Doch viel Kulanz seitens des Werks machte die Kinderkrankheiten vergessen.

50 000 Kilometer dann zwar ohne große Unterbrechung abgespult werden (siehe MOTORRAD 16/1995), doch die Mängelliste blieb erschreckend lang. Hat die BMW R 1100 RS die Unzulänglichkeiten der ersten Modelle abgelegt?Im Prinzip ja. Aufgrund zahlreicher Modifikationen ist der Vierventil-Boxer kaum noch mit den Kinderkrankheiten behaftet, die im Jahr 1993 auftraten. 1994 allerdings mußte die 1100 RS noch einmal außerplanmäßig in die Vertragswerkstätten. Im Rahmen einer Rückrufaktion tauschte BMW die bruchgefährdeten Lenkerhälften aus. Auf diverse Klagen im ersten Baujahr hatten die Bayern beim 1994er Modell reagiert. So sollte die Installation von O-Ringen die lauten Klappergeräusche des Getriebes beseitigen. Ferner wurden verbesserte Ventildeckel-Dichtungen verwendet, um die im ersten Jahr aufgetretenen Öllecks zu verhindern. Und für die bei konstant schneller Fahrweise überforderte Motorentlüftung - beachtliche Mengen des Schmierstoffs verabschiedeten sich Richtung Luftfilterkasten - hatten die Techniker eine effektivere Rotationsentlüftung entworfen. Das seit 1994 serienmäßige Ergonomie-Paket ermöglicht dem Fahrer, die Scheibe der Verkleidung, den Lenker und die Höhe der Sitzbank nach eigenem Gusto zu verstellen. Ein Fahrer-Informations-Display, das den Benzinstand, die Öltemperatur sowie den eingelegten Gang und die Uhrzeit anzeigt, sowie eine Warnblinkanlage komplettieren das High-Tech-Angebot.Seit 1995 wird ein verstärkter Keilriemen zum Lichtmaschinenantrieb verwendet. Ab Mai des Jahres ist der vorher nur auf Wunsch erhältliche Drei-Wege-Kat serienmäßig. Soweit zu den offiziellen Modellpflege-Maßnahmen.Weil beim mittels O-Ringen beruhigten Getriebe die Gänge nur schwer einrasteten, baute BMW in der RS seit dem Debüt des R 1100 RT-Modells Ende 1995 eine noch einmal modifizierte Schalteinheit ein. Neu gestaltete Schaltklauen sollten den Gangwechsel erleichtern. Seitdem beklagen sich RS-Fahrer, daß ab und zu Gänge (speziell der zweite) herausspringen. Jetzt wartet die BMW-Fahrgemeinschaft sehnsüchtig auf die völlig neu konstruierte Schalteinheit der KS 1200. Die könnte vielleicht die bisherigen Mängel des Getriebes beim Vierventil-Boxers ein für alle Mal beseitigen.Klagen gibt’s auch über die Kupplung. Die Mitnehmerscheibe der Trockenkupplung, 1995 ebenfalls geändert, verschleißt schnell. Dann rutscht die Kupplung im fünften Gang beim Gasgeben deutlich durch.Ein Phänomen der Einspritzung, das sensible Fahrer stört, ist das Konstantfahrt-Ruckeln. Es tritt auf, wenn die Stellung der beiden Drosselklappen bei konstanter Gasgriff-Stellung nicht mehr völlig synchron ist. Die beiden Klappen werden von einem Seilzug betätigt. Dessen penible Einstellung ist Voraussetzung für synchrones Ansprechen der Einspritzanlage. BMW beschichtete aufgrund der Kritik die Bowdenzüge mit Teflon. Dennoch tritt das Phänomen auch nach aktueller Inspektion immer wieder sehr schnell auf. Eine narrensichere Verbindung zur Synchronisation der Drosselklapppen-Stellung in Form eines Gestänges verhindert der dazwischenliegende Motorblock.Fahrer, die die 90 PS des Boxers zu sportlicher Gangart aktivieren, monieren die Durchzugsschwäche des Triebwerks um die 6000/min.Einhelliges Lob dagegen erfährt das Fahrwerk mit der Telelever-Gabel vorn, die beim Bremsnickausgleich, dem sogenannten Anti-Dive-Effekt, jeder konventionellen Telegabel überlegen ist. In Verbindung mit dem Paralever-System hinten - die Doppelgelenk-Einarmschwinge wird über ein zentrales Gasdruck-Federbein abgestützt - hat BMW ein Fahrwerk ein Fahrwerk konstruiert, das bei der Kundschaft in Sachen Tourentauglichkeit, ABS-Einsatz und individueller Justierung der Federelemente zu überzeugen weiß.Lediglich die Bremsanlage vorn, unabhängig vom ABS, muß sich einen wandernden Druckpunkt vorwerfen lassen, weil die ungleichmäßige Rückstellung der Bremskolben unterschiedlichen Bremshebelweg provoziert. Zerlegen der Bremssättel und Nachfetten der Flächen bringt vorübergehende Besserung.Von der BMW R 1100 RS sind heute mehr als 8000 Stück auf der Straße unterwegs. Die Preise für gebrauchte Exemplare hängen weniger von der Kilometerzahl als vom Zubehör ab. Maschinen mit Kat und ABS sind rund 2500 Mark teurer als ohne. Die Basispreise bewegen sich zwischen 14000 Mark (Jahrgang 1993) und 20000 Mark (1996).Bemerkenswert, wie es BMW gelungen ist, nach einem ziemlich verhauenen Start 1993 binnen eines Jahres den größten Teil der anfänglichen Mängel auf dem kleinen Dienstweg über die Vertragswerkstätten zu beheben. Noch bemerkenswerter: wie die Kundschaft das Bemühen des bayerischen Werks mit uneingeschränkter Kauflust honoriert..

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