Gebrauchtkauf Honda GL 1500/6 (Archivversion)

Ein Schiff wird kommen

Die große Gold Wing als ideales Vehikel, das Fernweh zu mildern? Gebraucht, weil eh nichts kaputtgeht? Mal sehn.

Gold Wing-Fahrer, speziell die mit der Sechszylinder, müßten den Schlager von Nana Mouskouri eigentlich im Reisegepäck, in diesem Fall: im Kassettendeck haben. Entspricht doch das sehnsüchtige Lied der griechischen Sängerin ziemlich genau der Stimmung, die der gigantische Reisedampfer bei interessierten Laien hervorruft. Und Laie ist, zumindestens nach der einhelligen Meinung der Gold Wing-Family, jeder, der dieses Trumm von rund acht Zentnern noch nicht selbst bewegt hat.Die Honda GL 1500/6 hatte hierzulande 1988 ihr Debüt. Die offizielle Verkaufszahl von Honda Deutschland: 1400 Maschinen bis Juli 1996. Diese Zahl gibt aber die wirkliche Verbreitung des Sechszylinder-Reisedampfers nur sehr ungenau wieder. Einer der größten offiziellen Gold Wing-Spezialisten in Deutschland, die Firma Christoph in Herbertzheim am Rande des Schwarzwalds gibt das Verhältnis von offiziellem zu privatem und grauem Import mit ungefähr 25 zu 75 Prozent an. Der Grund: der günstige Dollarkurs und die rigiden Auflagen des TÜV. Auch im aktuellen Honda-Prospekt wird die Gold Wing GL 1500 SE mit hohem US-Topcase und hoher Scheibe abgebildet, Accessoires, die das Gesetz hierzulande strenggenommen nicht zuläßt. Laut der Firma Christoph wird allerdings im Zuge der EU-Norm ab der Saison 1997 auch in Deutschland das amerikanische Outfit erlaubt sein.In den USA, wo die Sechszylinder in Marysville,Ohio, gebaut werden, unterscheidet man seit 1990 die drei Modelle Interstate, Aspencade und SE, letzteres wird hierzulande ab 1990 offiziell als einziges angeboten. Es ist das Spitzennmodell, sozusagen der Fulldresser. Neben obligatorischem Rückwärtsgang, Tempomat, Radio und Kassettendeck kommen noch verstellbare Trittbretter für den Beifahrer, Scheibenbelüftung, eine Zusatzbeleuchtung beim Abbiegen, ein Heckspoiler mit integrierter Bremsleuchte und andere, mehr oder minder vernachlässigbare Gimmicks hinzu. Trotz des hohen Gewichts und der imposanten Abmessungen, hat Honda es verstanden, den Schwerpunkt der Gold Wing konstruktiv so optimal zu wählen, daß neben hervorragendem Geradeauslauf überraschenderweise auch Handlichkeit und Manövrierbarkeit nicht zu kurz kommen.Keinen Grund zur Kritik gibt auch das Integral-Bremssystem, das die Massen durchaus effektiv verzögert. Und begeistert sind alle Fahrer vom seidenweich laufenden Sechzylindermotor, dessen Durchzugskraft schon ab 2000/min und dessen Solidität auch bei Kilometerleistungen über 100 000 Kilometer über jeden Zweifel erhaben sind. Lediglich beim ersten Modelljahrgang 1988/1989 moserten einige Piloten über den mangelnden Komfort der Sitzbank, heute gibt es sicherlich kein zweites Motorradmodell, das eine ähnlich hohe Bequemlichkeit für das Fahren zu zweit bieten kann. Auch der Schluckauf der Vergaserabstimmung wurden kritisiert, ebenfalls die Qualität des Zündschlosses, das anfangs schon mal zu marodem Innenleben neigte. Noch ärgerlicher aber war in den ersten beiden Jahren die Schwäche der Lichtmaschine. Abrieb von Kohlepartikeln legte häufiger die gesamte Stromquelle lahm. Als Folgeschaden gab dann auch manche Batterie den Geist auf. Doch das ist lange her. Heute gehört der Sechszylinder bei regelmäßiger Inspektion zur absoluten Spitzenklasse. Weniger Spitze ist, wenn, je nach Fahrweise zwischen 10 000 und 20 000 Kilometer ein Reifenwechsel anliegt.. Allein für den Aus- und Einbau des Hinterrads benötigen Reifenhändler ohne das spezielle Know-how viele Stunden. Darauf eingespielte Honda-Händler wechseln den Pneu zwar schneller, aber ein arbeitsintensiver Aufwand für so eine Routineangelegenheit bleibt es allemal. Deshalb sollte dem Reifenkauf auf jeden Fall ein Preis für die Montagekosten ausgemacht werden, um hinterher nicht volle vier Stunden Arbeitszeit erstatten zu müssen. Als Durchschnittswert ist für einen Reifenwechsel von Vorder- und Hinterrad inklusive Montage mit zirka 550 bis 600 Mark zu rechnen.Wer eine Gold Wing in der kastrierten deutschen Version gebraucht kauft, aber das US-Outfit haben will, muß ungefähr noch einmal 3500 Mark draufzahlen. TÜV und DEKRA sind mittlerweile häufig willig, das Sonderzubehör zu legalisieren.Preiswerter ist die sinnvolle Drosselung auf versicherungsgünstige 98 PS. Dazu bedarf es nämlich lediglich einer modifizierten Luftfilter-Gehäusedichtung. Und die kostet keine zehn Mark. Der Umbau ist allerdings eintragungspflichtig.Da die Neupreise für Gold Wing in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind - in den neun Jahren ihrer Produktion um nahezu 10 000 auf heute knapp 33 000 Mark -, fahren Verkäufer von drei bis vier Jahre alten 1500/6 kaum Wertverluste ein. Andererseits müssen Käufer mindestens 11 000 bis 13 000 Mark für die Jahrgänge 1988 und 1989 hinblättern. Die Baujahre 1990 und 1991 schlagen mit bis zu 16 000 Mark zu Buche, ab 1992 kostet bis zu 20 000, 1993 bis 22 000 Mark. Und die neueren Modelle sind nicht unter 25 000, häufig erst ab 27 000 Mark zu haben. Die Preise sind natürlich nur Richtwerte, das jeweilige Zubehör kostet extra. Und das ist bei den meisten Eignern dieser Spezies Luxusliner beinahe wichtiger als die zurückgelegte Distanz. Wie die Besitzer von Schiffen hätten sie sicher nichts dagegen, wenn das Alter ihrer Fahrzeuge in Betriebsstunden deklariert würde.
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Honda GL 1500 Gold Wing (GK) (Archivversion)

Die Klientel der großen Gold Wing tickt anders.. Aufsehenerregendes, neues Zubehör ist allemal interessanter als die Technik ihres Fahrzeugs. Wen wundert’s bei der Solidität ihres Untersatzes.
Im April 1993 habe ich mir von einem Freund eine neue GL 1500 SE aus Florida mitbringen lasssen. Bis jetzt hat die Maschine 58 000 Kilometer zurüchgelegt. Abgesehen von den relativ teuren Luftfiltern und Original-Bremsbelägen ist der Unterhalt der Maschine recht günstig. Beim Modell 1988/89 treten Probleme mit den Zündschlössern auf. Da hilft nur zeitiger Wechsel. Die Zahnriemen sollten bei den Inspektionen nicht einfach vergessen werden. Wir haben bei verschiedenen Modellen einseitige Verschleißspuren schon weit vor 100 000 Kilometern festgestellt. So allmählich könnte Honda allerdings den ‘Sanften Riesen’ technisch mal auf Vordermann bringen: ABS und Katalysator sollten bei einem halben Cabrio serienmäßig sein, und für ein Automatik-Getriebe ließe sich wahrscheinlich so mancher begeistern.Uwe Daut, Braunschweig1994 kaufte ich meine Gold Wing, Baujahr 1988, mit 40 000 Kilometern. Heute steht der Zähler bei 63 000. Dank des Rückwärtsgangs und des ideal gewählten Schwerpunkts läßt sich dieser Maschinengigant auch von einer Frau bewegen. Sowohl langsames Dahinbummeln als auch flotte Fahrt auf der Autobahn sind dank der großen Verkleidung, der Musikanlage und der Rücklehne pure Erholung. Dieser sanfte Hubraumriese ist die ultimative Antwort auf Fernweh.Anja van Aken, OldenburgMeine GL 1500 habe ich 1992 als Graue neu gekauft, mittlerweile stehen 30 000 Kilometer auf dem Tacho. Die viel zu weiche Sitzbank wurde gegen eine Bank von Corbin getauscht. Damit lassen sich auch größere Touren ohne Rückenschmerzen meistern. Nach 24 000 Kilometern war die Batterie am Ende. Mit dem Einbau längerer Polkabel aus dem Zubehör konnte eine Batterie deutscher Herkunft eingebaut werden, die im Vergleich zu dem US-Original wesentlich billiger ist. Von der Verwendung synthetischen Öls ist abzuraten, weil dann bei hohen Öltemperaturen die Kupplung nicht mehr sauber trennt.Bernd Deutsch, JockgrimIm Oktober 1994 erstand ich eine Aspencade, US-Modell, 12 000 Meilen gelaufen und mit 22 000 Mark nicht zu teuer. Der seidenweich laufende Sechszylinder hat zwar ein bombastisches Drehmoment, in der Praxis bleiben jedoch nur die Fahrleistungen einer 50-PS-Maschine übrig, der Rest bleibt im Gewicht stecken. An herkömmlichen Motorrädern gemessen, ist auch der Klang des Motors nicht berauschend: Das Durcheilen des Drehzahlbands hat etwas vom Aufdrehen eines Staubsaugers. Eine vergleichsweise gefahrene, gut klingende Wing mit offenener Auspuffanlage machte aber schnell klar, daß leise besser ist: Man hört das Radio wesentlich schlechter. Unverzeihlich: Bis heute ist kein G-Kat lieferbar. Das Getriebe ist leicht und präzise schaltbar, die Stufung der Gänge paßt, auch wenn der als Overdrive bezeichnete Fünfte durchaus länger übersetzt sein könnte. Nachdem meine Freundin diese Maschine zunächst verabscheute, hat sie ihre Meinung inzwischen grundlegend revidiert. Sie möchte die Wing gegen kein anderes Motorrad mehr eintauschen, genießt den unübertroffenen Sessel und fällt des öfteren in einen erholsamen Schlaf...Frank Eberhart, Balingen

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