Gebrauchtkauf: Honda XRV 650/750 Africa Twin (Archivversion)

Modellgeschichte1986 nannte man sie respektvoll »Queen of Africa«, die legendäre, mehrfache Paris-Dakar-Siegermaschine Honda NXR 750. Zur Legende wurde auch der straßenzugelassene Ableger XRV seit dem ersten Verkaufsjahr 1988. Die Africa Twin XRV 650 mit Herstellercode RD03 ähnelte dem Werks-Rallye-Racer in vielen Details. Das kam an. Bezahlbare 10570 Mark kostete die Africa Twin damals; mit den serienmäßigen Aufklebern der Honda Racing Corporation (HRC) trug sie stolz die familiäre Verbindung zur sündhaft teuren NXR zur Schau. Die 650er-Honda gewann Vergleichstests und, dank ihrer Zuverlässigkeit, gleichzeitig die Herzen vieler Fernreisenden und Alltags-Motorradfahrer. Das formidable, stabile Fahrwerk setzte neue Maßstäbe in der Enduro-Welt, denn die rund 220 Kilogramm schwere Maschine ließ sich sowohl auf der Straße als auch im Gelände überraschend flott bewegen. 1990 kam die XRV 750 mit Modellbezeichung RD04. Mit 95 cm3 mehr Hubraum leistete sie 59 statt 57 PS, wog jedoch stattliche 238 Kilo. Dafür hatte sie eine Doppelscheibenbremse, eine etwas längere Schwinge und eine geänderte Frontverkleidung. 1992 kam noch ein Tripmaster hinzu. Die meisten hielten das so genannte Mäusekino allerdings für überflüssig, weil es wenig mit dem rallyetauglichen Bordcomputer der NXR gemein hatte. Wie die RD03 glänzte auch die RD04 durch Zuverlässigkeit. Bis auf Verschleißteile ging an diesen Motorrädern kaum etwas kaputt.Honda ruhte sich nicht auf dem Verkaufserfolg aus und lancierte 1993 den nächsten Modellwechsel. Bei der XRV 750 RD07 nahmen die Konstrukteure die umfangreichsten Änderungen während der gesamten Bauzeit vor. Neuer Rahmen, tieferer Schwerpunkt, leichterer Endschalldämpfer, das Gewicht sank auf rund 230 Kilogramm vollgetankt. Geänderte Vergaser und ein wartungsfreundlich vor dem Tank installierter Luftfilter sorgten jetzt für 60 PS. Das entsprach zwar nicht ganz den Erwartungen der meisten Africa-Twin-Fans, aber Hondas Philosophie, ein ausgewogenes Motorrad mit sinnvollen Detailverbesserungen statt Spitzenleistungen auf die Stollenreifen zu stellen, ging auf. Die RD07 avancierte erneut zum Siegertyp, denn sie ist die Africa Twin mit den besten Fahreigenschaften. Der Rallye-Look wich indes einem modernen Flammendesign, insgesamt wirkt das Modell wegen der komplett geänderten Verkleidung runder.Mittlerweile hatte der robuste Zweizylinder besonders unter Tourenfahrern begeisterte Anhänger gewonnen. Das in der Druckstufendämpfung verstellbare Federbein und die mit Luftdruck unterstützte Gabel ließen sich für den Fahrbetrieb mit Sozius und voller Beladung gut justieren. Ab Modell 1996 (RD07a) sparte Honda diese Einstellmöglichkeiten jedoch ein. Ansonsten blieb die XRV bis auf kleinere Änderungen der Verkleidungsmaske und des Schalldämpfers ab 1993 unverändert. Presse und Fangemeinde diskutierten lange über ein Nachfolgemodell XRV 850 mit rund 80 PS und etwa 200 Kilo Lebendgewicht. Honda selbst setzte mit dem Modelljahr 2003 allen Spekulationen ein Ende und verkündete den Produktionsstopp der Africa Twin. MarktsituationAlle mögen die Africa Twin. Nur Honda nicht. Jedenfalls mag der Hersteller sie 2004 offiziell nicht mehr neu verkaufen. Nicht mal ein Sondermodell legten die Japaner auf, um den Abschied eines Geschichte schreibenden Motorrads zu feiern. Auf das Preisniveau für Gebrauchtmaschinen hat sich der Produktionsstopp kaum ausgewirkt: Der Preis war, ist und bleibt hoch. Ein Ansturm auf gebrauchte XRV ist nicht zu erkennen, lediglich einige Händler berichten von einer leicht gestiegenen Nachfrage. Besonders gut verkaufen sich neuwertige Modelle mit wenigen Kilometern. Ältere RD07 oder gar 04er stehen wegen meist hoher Laufleistungen selten beim Händler. Ein Großteil der Maschinen wird also von privat an privat verkauft. Wenige Motorräder besitzen einen derart guten Ruf, so dass viele Käufer einen Privatkauf ohne Gewährleistungspflicht wagen. Gute Angebote tauchen zumeist in den regionalen Anzeigenblättern auf.Ab 2000 Euro finden sich vereinzelte RD03 und RD04 mit mehreren Vorbesitzern und Laufleistungen jenseits von 50000 Kilometern. Gepflegte RD03 mit wenig Kilometern sind indes schon Liebhaberstücke und äußerst selten. Sie werden selten unter 3000 Euro verkauft. Eine RD07 mit 30000 bis 40000 Kilometern liegt – sturzfrei und ordentlich gewartet – bei 3500 bis 5000 Euro. Generell gilt: Laufleistung und Gesamteindruck bestimmen den Preis stärker als das Baujahr. Neuwertige Fahrzeuge (ab Baujahr 2000) mit einer Laufleistung um die 10000 Kilometer sind unter 6000 Euro kaum zu bekommen. Gegenüber den vergleichsweise geringen Stückzahlen der RD03 (rund 1500) und des Nachfolgermodells RD04 (rund 4200) ist die RD07 mit über 15000 verkauften Exemplaren die populärste Africa Twin und auf dem Gebrauchtmarkt am gefragtesten.BesichtigungTrotz der fast schon sagenumwobenen Robustheit sollte man das begehrte Stück nicht mit verklärtem Blick begutachten. Ein wichtiger Punkt kann schon am Telefon geklärt werden: die Zahl der Vorbesitzer. Gerade bei älteren Modellen ist es ein großes Plus, wenn der Verkäufer gleichzeitig Erstbesitzer der Maschine ist. Oder sie zumindest lange gefahren hat, denn das lässt auf eine gute Pflege schließen. Vielleicht ist er sogar in einer der vielen Fangemeinden aktiv, die wertvolle Tipps im Internet handeln (zum Beispiel unter www.atic.org oder www.africatwin.de). Dort diskutieren Africa-Twin-Anhänger über Schwächen der einzelnen Modelle. Die ungüns-tig unter der Sitzbank positionierte Transistorzündung der RD03 etwa fiel wegen durchgescheuerter Lötstellen gelegentlich aus. Der Gleichrichter der RD04 soll in einigen Fällen zu starker Erhitzung von Batterieflüssigkeit und in Einzelfällen sogar zu Bränden im Kabelbaum geführt haben.Die Benzinpumpe der RD07 ist eine der bekannteren Schwachstellen. Eingefleischte Fans ersetzen sie durch Austauschprodukte von Pierburg (Telefon 02133/267167) oder Mikuni (über African Queens, Telefon 08441/18442). In Notfällen überbrücken sie die Pumpe komplett. Einig in der Kritik sind sich beinahe alle Besitzer über die unbequeme Sitzbank sämtlicher Modelle. Pluspunkte gibt’s dementsprechend, wenn die Sitzbank gegen ein Produkt aus dem Zubehörhandel (Touratech, Telefon 07728/92790, African Queens, Corbin, Telefon 06371/18637) getauscht oder die Sitzbank professionell aufgepolstert wurde. Außerdem erfragen: Wie, von wem und wo ist das Motorrad hauptsächlich gefahren worden. Bei Wüstenaben-teurern und Ganzjahresfahrern genau hinschauen. Besonders auf Federelemente (kein Ölaustritt), Kratzer und die Lackqualität achten. Bei Garagenparkern, Scheckheftpflegern und Sommer-Touristen ist weniger Vorsicht geboten. Läuft der Motor bei der Probefahrt rund, hat der Käufer in der Africa Twin vermutlich für viele Jahre und Kilometer eine perfekte Partnernin gefunden.Tests in MOTORRAD*RD03: 6/1988 (VT); 23/1988 (VT); 10/1989 (VT). RD04: 3/1990 (T); 14/1990 (VT); 14/1992 (VT). RD07: 6/1993 (T); 13/1993 (VT); 22/1993 (KV); 8/1994 (VT); 16/1995 (VT); RD07a: 18/1997 (VT); 14/1999 (VT)

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote