Gebrauchtkauf Kawasaki Zephyr 1100 (Archivversion) Denkmalpflege

Mit geschickter Traditionspflege bei der Zephyr-Modellreihe rannte Kawasaki bei der Kundschaft offene Türen ein. Wer dem Meilenstein Z 1000 schon als Heranwachsender verfallen war, kann sich heute den Traum mit der Zephyr 1100 erfüllen.

Der milde Südwestwind Zephyr bläst immer noch. In der kleinen und gehobenen Mittelklasse mit 550 und 750 cm³ frisch und munter, bei der 1100er immerhin noch nachhaltig auf dem Gebrauchtsektor. Von den während 1992 bis 1997 rund 5600 Stück verkauften großen Zephyr in Deutschland sind nämlich noch rund 5200 Exemplare unterwegs. Und weil einige Treiber der 1100er auf das Nachfolgemodell und neuen Star unter den nackten Big Bikes, die ZRX 1100, scharf sind, gibt es durchaus überlegenswerte Angebote auf dem Gebrauchtmarkt.Kurioserweise glänzte das Retro-Bike in Vergleichstests mit der Konkurrenz nie mit Podestplätzen. Modelle der japanischen Wettbewerber sammelten regelmäßig mehr Punkte. Aber die Schau um das klassischste Outfit hat sich die Zephyr 1100 nie nehmen lassen. Offensichtlich ist Kawasaki, die Anfang der neunziger Jahre als erste die unverkleidete Big Bike-Welle hierzulande wieder losgetreten haben, die deutliche Anlehnung an die eigene Tradition aus den Siebzigern überzeugend gelungen.Heck, Scheinwerfer, Motor-Layout, kurz: die gesamte Linienführung ist unübersehbar von den Modellen Z 900 und Z 1000 aus den siebziger Jahren übernommen, so dass die Zephyr 1100 eindeutig polarisiert. Wer das Aussehen der fülligen Stars von damals mag, ist ästhetisch elektrisiert, Cruiser- und Sport-Freaks winken selbstverständlich gelangweilt ab.Doch sollte man sich von dem bewusst klassisch gehaltenen Design nicht täuschen lassen. Die Zephyr 1100 hat mit den alten Vorbildern sonst nichts gemein. Das große Doppelnocken-Triebwerk gibt seine 93 PS äußeerst elastisch ab. Und die starken Fahrwerksunruhen mit sich verwindender Gabel und nachgiebiger Hinterradsschwinge bei »Frankensteins Tochter«, der Z 900, gehört dank moderner 43 Millimeter starker Teleskopgabel, der stabilen Kastenschwinge und zeitgemäßer Bereifung der Vergangenheit an.Am beeindruckensten wird der Unterschied zwischen diesen beiden Motorrad-Generationen bei den Bremsen. Hervorragende Verzögerungswerte der Zephyr bei geringer Handkraft und guter Dosierbarkeit verleiten bei flotter Landstraßenfahrt zu immer ausgelasseneren Bremsmanövern. Kein Wunder, die große Doppelscheiben-Stopper vorn arbeiten mit Vierkolben-Bremssätteln, wie sie schon im Sportler ZXR 750 eingebaut waren. Die hintere Scheibe unterstützt die Verzögerungsarbeit unauffällig und wirksam.Natürlich wirkt der luftgekühlte Zweiventil-Motor gegenüber der Vierventil-Konkurrenz eine Spur behäbiger und kann deren Durchzugswerte nicht mehr erreichen. Doch das sind für das typische Revier der Zephyr, die Landstraße, rein akademische Unterschiede, die in der Praxis kaum spürbar sind. Und ausgereizten kleineren Motoren ist das Triebwerk in Sachen Elastizität sowieso überlegen.Das Thema landstraße spielt bei einem unverkleideten Motorrad natürlich eine besonders gewichtige Rolle. Denn längere Etappen auf der Autobahn sind zäh. Wegen des enormen Fahrtwinds, dem sich der Pilot aufrecht auf der Maschine hockend und mit breitem Lenker entgegenstemmen muss, bleiben Tempi jenseits 160 km/h Wunschdenken. Außerdem registriert das Fahrwerk Geschwindigkeiten über 170 km/h im Serienzustand mit einem Anflug von Unwillen. Das Zusammenspiel von zu weicher Gabel und unkomfortablen Federbeinen hinten harmoniert nicht mehr. Die bis dahin untadeligen Geradeauslaufeigenschaften schwinden, das Motorrad wird unruhig, beginnt zu pendeln.Zephyr-Treiber, die auch in diesem Geschwindigkeitsbereich noch ihre Ruhe haben wollen, montieren in der Telegabel und in den Federbeinen progressive Federn. Einige Fahrer beseitigen das Spiel zwischen Schwinge und Rahmen mit Distanzscheiben.Werksseitig hat es während der fünfjährigen Laufzeit der Zephyr 1100 nur wenige Modifikationen gegeben. Für Anhänger des Retro-Stils kam die Umstellung von gegossenen Leichtmetallfelgen auf die beliebten Speichenräder für das Modelljahr 1996 natürlich viel zu spät. Aufgrund strengerer Geräuschbestimmungen gab es ab 1995 Änderungen an Schalldämpfer, Luftfilter und Vergaser.Der Motor gilt als Säufer, auch wenn er im Tourenbetrieb die meiste Zeit nur im Teillastbereich arbeiten muss. Unter sechs Litern auf 100 Kilometer ist bei der Zephyr nichts zu machen, bei heftigerem Gasgeben auf der Autobahn fließen bis zu zehn Liter durch die Vergaserdüsen. Kawasaki änderte zwar 19XX die Düsennadel, was aber wenig brachte. Versuche, mittels Dynojet-Kit, Stufe 1, im Vergaser in Verbindung mit einem K& N-Luftfilter die Trinksitten der Kawasaki zu verbessern, bringen kaum etwas. Der Motor gibt sich noch lebendiger und nimmt eher Gas an. Was insofern keine spritschonende Maßnahme ist, da der Fahrer bei dem lebendigeren Triebwerk lustvoller am Gasgriff dreht. Abgesehen davon ist die Legalisierung beim TÜV nicht möglich, weil die notwendige Schadstoffanalyse für eine Eintragung nicht bezahlbar ist.Beim großen Zephyr-Triebwerk scheint – jedenfalls, was den Durst anbelangt – eine Verwandtschaft mit den großen amerikanischen V8-Motoren zu bestehen. Die haben aber zumindest den Vorteil eines größeren Spritvorrats. Beim nur 19 Liter fassenden Tank der Zephyr ist der Aktionsradius bei einer großen Tour allerdings nur für starke Raucher tolerabel. Auf der anderen Seite scheint dieser Motor bei minimaler Pflege nahezu unzerstörbar. Jedenfalls ist das der Tenor der Vertragswerkstätten und der Zephyr 1100-Treiber. Wer vor seiner Kaufentscheidung weitere Erfahrungen in der gesamten Zephyr-Szene sucht, kann sich an die Interessengemeinschaft, Zephyr IG, Telefon 0228/ 44 28 44, wenden. Das Angebot auf dem Gebrauchtmarkt ist akzeptabel. Die Preise der Schwacke-Liste sind vor allem bei den älteren Baujahren eindeutig zu hoch angesetzt. Wer sich auf dem Markt umschaut, wird schnell feststelen, dass Maschinen mit hoher Kilometerleistung sowohl privat als auch von Händlern deutlich billiger angeboten werden. Für Denkmalpflege nicht mehr als recht und billig.

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