Gebrauchtkauf Moto Guzzi Mille GT (Archivversion) Die Schöne, das Biest

Die Mille GT darf getrost zu den klassischen Motorrädern gezählt werden. Nett anzusehen und mit einem urigen Motor ausgestattet, verlangt sie aber auch nach einer gehörigen Portion Zuwendung.

Ursprünglich sollten nur 250 Mille GT ab 1987 für den deutschen Markt gebaut werden. Letztlich wurden es dann doch mehr als fünfmal so viele - das Interesse an der schönen Mille war unerwartet hoch. Noch heute sind über 1300 Stück unterwegs. Drei Viertel davon entfallen auf die erste, 67 PS starke Version mit der Typen-Bezeichnung VH-49 KW. Ab 1990 kam der Typ VH-52 KW hinzu, den es wahlweise auch mit Kat zu kaufen gab - auf Kosten von drei der 71 PS. Eine Motorleistung allerdings, die in keinem MOTORAD-Test je erreicht wurde. Doch statt mit Spitzenleistung glänzte der V2-Motor mit Drehmoment satt - und das schon unter 3000/min.Nicht zuletzt deshalb ist die Mille GT ein ideales Reisemotorrad. Unabhängig vom Beladungszustand schiebt sie aus tiefsten Drehzahlen bullig voran, bei einem Spritverbrauch von meist deutlich unter sechs Litern auf 100 Kilometer. Und außer dem Fahrer freut sich auch der Beifahrer über eine tourentaugliche Sitzposition. Eine lange, bequeme Sitzbank und niedrige Fußrasten schonen Hintern und Kniegelenke des Reise-Duos. So lassen sich lange Etappen schadlos überstehen - solange man sich weder im Hochgeschwindigkeitsbereich auf Autobahnen noch allzu flott auf holprigen Landstraßen fortbewegt. Dann nämlich kommt das Fahrwerk an seine Grenzen: Die etwas zu harte Gabel vorn und der zu geringe Federweg von nur 75 Millimetern hinten sind überfordert. Mit einem Lenkungsdämpfer von Bitubo für knapp 300 Mark verringert sich zumindest die Pendelneigung - unverzichtbar bei Guzzis mit Windschild. Dämpfer, Windschild und kostenlosen Katalog gibt es bei Moto Spezial, Telefon 07385/1516.Unter den zahlreichen Leserzuschriften fanden sich noch eine ganze Reihe weiterer sinnvoller Verbesserungsmaßnahmen. Viele Besitzer der ersten Baureihe ließen die Zylinderköpfe ihrer Mille GT bearbeiten, um bleifreies Benzin fahren zu können. Im Originalzustand verlangen die ersten Guzzis nach verbleitem Superbenzin oder wenigstens nach Bleizusatz im Sprit. Unabhängig vom Modell gilt beim Thema Sprit: Wild blinkende Reserveleuchten trotz halbvollen Tanks nerven die meisten Mille GT-Fahrer derart, daß sie auf Benzinhähne mit Reservestellung (zum Beispiel der Moto Guzzi V 65) umrüsten.Ebenfalls sehr nervig ist die Angewohnheit der Mille GT, Tacho- und Drehzahlmesserwellen sowie Gaszüge in ungebührlich kurzen Intervallen zu verschlingen. Ersatzteile dieser Art sollten griffbereit unter der Sitzbank verstaut werden, um bei keiner Ausfahrt zu fehlen. Im Zubehörkatalog der Firma Stein und Dinse, Telefon 0531/210210, finden sich praktisch alle der glücklicherweise recht günstigen Verschleißteile.Weitere Kritikpunkte sind das anfällige Kreuzgelenk des Kardans und die nässeempfindliche Bordelektrik. Mit Kontaktspray, Silikon und griffbereiten Ersatz-Kerzensteckern ist letzteres Problem meist schon behoben. Und wer nicht alle 30000 Kilometer das Kreuzgelenk wechseln will, sollte sich ein abschmierbares Pendant zulegen - das gibt’s für 385 Mark mit lebenslanger Garantie bei der Firma Hökenschnieder, Telefon 0521/452445. Rücksicht übende Fahrer tauschen außerdem die Originalspiegel am besten gleich gegen welche mit längeren Auslegern aus dem Zubehörhandel.Empfehlenswert ist auch ein kleiner chirurgischer Eingriff am Seitenständer. An der richtigen Stelle ein Stück abflexen oder die störende Lasche hochbiegen, und schon muß das Motorrad nicht mehr zuerst auf die falsche Seite gekippt werden, bevor sich der Ständer ganz ausklappen läßt - die Anzahl ungewollter Umfaller sinkt dadurch beträchtlich.Ohne talentierte Schrauberhand wird man also mit der Mille GT kaum glücklich werden, doch Vorsicht vor übertriebener Pflege - Leser Gernot Hilger warnt: »Eine Guzzi, die nicht mehr klappert, tickt, scheppert oder sonstige Lebensäußerungen von sich gibt, ist vermutlich tot.«Die echten Guzzisti versammeln sich übrigens am 13. und 14 September in Mandello del Lario zum alljährlichen »Moto Guzzi Day«. Infos bei Moto Guzzi Italien, Telefon 0039/341/709231. Wer also mit einer Mille GT dabei sein will, muß sich beeilen. Allerdings ist es nicht so leicht auf dem Gebrauchtmarkt eine aufzutreiben. Mille GT-Fahrer trennen sich höchst ungern von ihrem Liebling - wer soviel Zeit und Arbeit in sein Fahrzeug investiert hat, verkauft es nicht so einfach. Interessenten, die dennoch fündig werden, müssen für eine gepflegte VH-49 KW rund 6000 Mark und für eine VH-52 KW je nach Baujahr etwa 8000 Mark hinblättern.Aber wie gesagt, viel Zeit und Freude am Basteln sind Voraussetzung, sonst wird aus der schönen Mille GT im Handumdrehen ein kleines Biest.

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