Gebrauchtkauf: Yamaha FZR 600/FZR 600 R (Archivversion)

Modellgeschichte
Als Yamaha die FZR 600 im Frühjahr 1989 ins
Rennen um Marktanteile bei den populären 600ern schickte, hatte sie gegenüber dem Klassenprimus, der Honda CBR 600 F, bereits zwei Jahre Verspätung. Um die ins Honda-Lager abgewanderten Kunden zurückzuholen, verpassten die Japaner der FZR ein sehr sportliches Outfit, das sich stark am Design der erfolgreichen FZR 1000 Genesis orientierte und sich von der Plastik-Einheitskluft der Honda sowie der
Suzuki GSX 600 F distanzierte. Allerdings war bei der Entwicklung der FZR 600 Sparsamkeit angesagt. So kamen bei der kleinen Genesis weder Aluminium für Rahmen und Schwinge noch voll einstellbare Federelemente zum Einsatz.
Was die sportlich ambitionierte Klientel wenig kümmerte. Obwohl die FZR nie einen Vergleichstest gewann, verkaufte sie sich so gut, dass ihr bis 1993 nur eine milde Modellpflege vergönnt war. Stand die FZR 600 auf der Rennstrecke mangels ausreichen-
der Einstellmöglichkeiten des Fahrwerks sowie der schmalen Bereifung im Schatten der Konkurrenz, sammelte sie mit ihrem vergleichsweise durchzugsstarken und robusten Triebwerk sowie dem leichtfüßigen Handling im Alltag Sympathien bei all jenen, die mit den sportlich tief angeklemmten Lenkerstummeln sowie dem ausgeprägten Lastwechselspiel keine Probleme hatten.

Mit etwas Feinschliff in Gestalt progressiver Gabelfedern und einem voll einstellbaren Zubehörfederbein sowie modernen Reifen taugt die bis 1993 gebaute FZR 600 auch heute noch als preisgünstiger Landstraßenfeger, zumal es um die Zuverlässigkeit gut
bestellt ist. Empfehlenswert sind allerdings nur die mittlerweile selten gewordenen Exemplare in sturzfreiem Originalzustand.
Bessere Chancen, ein serienmäßiges Exemplar zu ergattern, haben Gebrauchtkäufer beim ab 1994 verkauften Nachfolger, der FZR 600 R. Die komplett neu konstruierte Maschine, endlich mit standesgemäßen 98 PS statt 91, zog gegen die stetig weiter ver-
besserte Konkurrenz von Honda und Kawasaki zwar erneut knapp den Kürzeren, ist aber mit optimierten Federelementen nach wie vor eine empfehlens-
werte Alternative für Alltagssportler mit begrenztem Budget.

Marktsituation
Knapp 10000 Stück brachte Yamaha von der ersten Modellgeneration der FZR 600 an die Kundschaft, während von der nur zwei Jahre lang angebotenen FZR 600 R exakt 3229 Exemplare einen Käufer fanden. Dementsprechend groß ist die Auswahl an älteren Modellen. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) weist derzeit immerhin einen Bestand von knapp 7000 FZR 600 aus.
Wobei der Anteil geschundener Bastelbuden sehr hoch sein dürfte. Solche Exemplare wechseln auf dem Privatmarkt überwiegend zu Preisen zwischen 800 und 1800 Euro den Besitzer. Selbst sturzfreie Maschinen in gepflegtem Originalzustand mit Laufleistungen bis 30000 Kilometer sollten die Grenze von 2000 Euro nicht überschreiten. Vorsicht bei
Modellen mit werksseitiger Drosselung auf 27 PS: Aufgrund der extrem hohen Kosten für die Entdrosselung sollten Einsteiger nur bei einem nochmals deutlich reduzierten Preis einschlagen, weil solche Maschinen in Deutschland mittlerweile als nahezu unverkäuflich gelten.
Wesentlich besser sind die Verkaufsaussichten bei der FZR 600 R, von denen beim KBA noch ungefähr 2500 Stück gemeldet sind. Gleichwohl gilt – wie
bereits bei der ersten Generation – auch bei den
gebrauchten R-Modellen, dass die Preise spürbar unter jenen vergleichbarer Honda CBR 600 F oder Kawasaki ZX-6R liegen. Nach der Schwacke-Liste beläuft sich der Händler-Verkaufspreis für eine Yamaha FZR 600 R von 1995 mit rund 82000 Kilometern auf etwa 2300 Euro, ältere Maschinen werden nicht mehr gelistet.
Die genannten Preise sind jedoch lediglich als grobe Orientierungshilfe zu verstehen, weil die tatsächlichen Laufleistungen meist deutlich niedriger liegen und Exemplare mit so vielen Kilometern kaum verkäuflich sind. Zum Vergleich: Ein befragter Händler bot während des Recherche-Zeitraums eine gepflegte, unfallfreie FZR 600 R aus erster Hand mit lediglich 14000 Kilometern Laufleistung für 3200 Euro an.
Besichtigung
Wie bei allen gebrauchten Sportmotorrädern gilt bei der Besichtigung von Yamahas FZR-Modellen die Aufmerksamkeit vor allem verräterischen Sturzspuren, erkennbar zum Beispiel an verkratzten Motordeckeln, Lenkerenden oder einem verbogenen Lenkanschlag. Dabei auch die Verkleidung gründlich untersuchen und per Klopfprobe nach Rissen oder abgebroche-
nen Haltern fahnden, insbesondere bei nachträglich lackierten Bikes. Weiterhin auf verschlissene Kettensätze, Bremsscheiben und -beläge achten.

Während bei den ab 1994 verkauften Exemplaren keine typischen Schwachpunkte bekannt sind, sollten Interessenten bei Modellen der ersten FZR-Gene-
ration auf der rechten Motorseite im Bereich von Zylinderkopf- und Fußdichtung eventuellen Ölaustritt kontrollieren, von dem mehrere befragte Händler berichteten. Relativ häufig macht auch der Anlasserfreilauf Probleme, ebenso der Regler der Lichtmaschine. Nichts Ungewöhnliches sind darüber hinaus verzogene Bremsscheiben sowie typische Standschäden wie verstopfte Vergaser oder Rost im Tankinneren. Von einer FZR 600 mit werksseitiger Leistungsreduzierung auf 27 PS sollten Nicht-Einsteiger die Finger lassen, weil die Kosten für die Entdrosselung auf 91 PS den Zeitwert bei weitem überschreiten. Sind breitere Reifen als original aufgezogen, müssen diese in den Papieren eingetragen sein.

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