Gebrauchtkauf Yamaha XJ 900 S Diversion (Archivversion) Es geht doch

Mit potentem Motor und Kardanantrieb macht die Yamaha XJ 900 S Tourenfahrer-Träume wahr. Allerdings erst, wenn sie ihr flatterhaftes Wesen in der Lenkpartie bei Geschwindigkeiten unter 100 km/h mit der richtigen Reifenwahl abgelegt hat.

Mit der Konzeption eines neuen Modells ausschließlich an die Vernunft zu appellieren kann zum Bumerang, sprich Verkaufsflop, werden. So gesehen war die Entscheidung von Yamaha überraschend, den Youngtimer XJ 900 F zwölf Jahre später in Form der XJ 900 S wieder aufleben zu lassen. Ein technisches Highlight war die neue XJ 1994 bestimmt nicht, von der Vorgängerin hatte sie das Motorkonzept mit luftgekühltem Zweiventil-Vierzylinder geerbt. Immerhin paßte Yamaha das Fahrwerk den technischen Entwicklungen an, ein Zentralfederbein ersetzt die beiden Federbeine des alten Modells. Einstellungsmöglichkeiten bietet die Gabel keine, am Federbein läßt sich nur die schwer zugängliche Federbasis variieren. Ein großer Tank, eine bequeme Sitzposition auf der komfortablen Sitzbank auch für den Sozius und eine Halbverkleidung ermöglichen lange, streßfreie Reiseintervalle. Dazu noch ein wartungsfreier Kardanantrieb - damit konnte Yamaha die Tourernfahrer tatsächlich überzeugen. Drei Jahre nach dem Debüt der XJ 900 S Diversion laufen bereits mehr als 6000 Exemplare auf Deutschlands Straßen. Weniger gut zum »Vernunfts«-Konzept paßt allerdings der zu kurze fünfte Gang, der bei schneller Autobahnfahrt den Verbrauch auf über zehn Liter auf 100 Kilometer treibt. Kritik erntete die XJ 900 außerdem für ihre Pendelneigung in schnellen Kurven sowie die zu weiche Telegabel, die beim Bremsen ohne großen Widerstand auf Block geht. 1996 modifizierte Yamaha die Gabel durch Gabelstopfen mit variabler Federbasis. Allerdings hilft das bloße Hineindrehen wenig. Die Federrate bleibt dabei unverändert, durch den größeren Federweg geht die Gabel lediglich etwas später auf Block. Die bei den ersten Modellen eher zu straffe Hinterhand wurde in der Dämpfung geändert. Das Zentralfederbein spricht seitdem sensibler an.Wem die Fahrwerkseinstellung grundsätzlich nicht paßt, kommt um die Mehrausgabe für eine Umrüstung nicht herum. MOTORRAD hat im Rahmen des 100000-Kilometer-Langstreckentests verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Bei der Gabel bringt der Einbau von Öhlins-Federn (189 Mark) in Verbindung mit zäherem Gabelöl (Motul 15 W 30) spürbare Verbesserung. Hinten zeigt ein voll einstellbares Federbein von Öhlins (Zupin Motor-Sport, Telefon 0 86 69/ 85 76 0) den größten Erfolg. Die Rührbewegungen in schnellen Kurven sind damit beseitigt. Mit 1200 nicht ganz billig, aber eine lohneswerte Investition. Alternative: White Power-Dämpfer mit einstellbarer Zugstufe für 800 Mark (Firma Wilbers,Telefon 05921/6057).Praktisch unbeschadet überstand der in Sachen Drehfreude, Durchzugsstärke und Laufkultur überzeugende Motor die 100000-Kilometer-Distanz: Er erhielt beste Noten und hätte seine Part anstandslos weitergespielt. Lediglich der Auspuffanlage setzen die Vibrationen des in Gummi gelagerten Triebwerks mehr zu als der Besatzung, feine Risse im Sammler und durchgeblasene Dichtungen sind die Folge. Ab Mitte 1996 hat Yamaha übrigens die Blechstärke der Auspuffanlage im kritischen Bereich am Sammler und den Endrohren verstärkt. Empfindlich reagiert die große Diversion auf die Bereifung. Mit den Originalpneus, Dunlop K 505, konnte die XJ 900 zwar Pluspunkte beim Geradauslauf und beim Handling sammeln, aber mit ihnen trat das modelleigene Phänomen des Lenkerflatterns (Shimmy) bei Tempo 50 bis 80 km/h besonders unangenehm auf. Von allen freigegebenen Reifen erwiesen sich diesbezüglich die Metzeler (ME 33/ME 55 A) und Bridgestone (BT 54 F/BT 54 R) als die beste Wahl. Nach Händler-Erfahrung liegt die Schmerzgrenze bei gebrauchten XJ für die meisten Interessenten bei rund 8000 Mark (Schwacke-Preise siehe Datenkasten). Bei teuren Exemplaren wird offensichtlich eher gleich ein Neukauf für 15600 Mark geplant.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote