Gebrauchtkauf Yamaha XT 550 (Archivversion) Schnee von gestern

Die XT 500 war ein Meilenstein, die XT 550 sollte einer werden. Wurde es aber nicht, denn schon bei ihrem Debüt 19832 war sie nicht auf der Höhe der zeit. Heute hat der wendige, leichte Vierventiler Sammlerwert - zu kleinen Preisen.

Das Leben der Yamaha XT 550 war - aus produktionstechnischer Sicht - kurz. Bereits ein Jahr nach ihrem Erscheinen kam die Ténéré mit auf volle 600 cm³ aufgebohrtem Motor und dem Riesentank, 1984 löste die normale XT 600 die 550er endgültig ab. Mit Abverkäufen bis 1989 brachte es die XT 550 auf 2777 Exemplare in Deutschland, von denen heute immerhin noch rund 2000 Stück zugelassen sind.Gegenüber der konventionellen XT 500 hatte Yamaha den Nachfolger sowohl motorisch als auch fahrwerkseitig kräftig aufgerüstet. Das Einzylinder-Triebwerk erhielt einen Vierventil-Zyinderkopf mit - erstmals bei Yamaha - zwei Vergasern in Registeranordung. Links sorgt ein Schiebervergaser mit Kaltstartanreicherung für Elastizität bis zum mittleren Drehzahlbereich, dann schaltet sich gleichdruckgesteuert das zweite Exemplar zu. Eine Ausgleichswelle minimierte die typische Einzylinder-Ruppigkeit auf ein Minimum. Das Fahrwerk mit der Cantilever genannten Dreiecksschwinge mit direkt angelenktem Federbein im Heck aus den Geländewettbewerbs-Modellen bot nicht nur deutlich mehr Federweg, sondern sparte auch Gewicht: Die XT 550 wog zehn Kilogramm weniger als die XT 500.Doch leider hatten es die Yamaha-Designer verpaßt, diesem Urmodell der ungeheuer erfolgreichen Nachfolgerin XT 600 ein entsprechendes Äußeres mit auf den Weg zu geben. Mit der in Deutschland ausschließlich angebotenen weißen Lackierung und dem filigran wirkenden Cantilever-Dreieck wirkte die neue Kreation eher wie ein noch nicht ganz fertiger Eigenbau. Crosser hatten zur gleichen Zeit bereits Hinterradfederungen mit progressiven Hebelsystemen.Wie fährt sich die 145 Kilogramm leichte Maschine heute? MOTORRAD konnte ein Exemplar mit 63000 Kilometer auf dem Tacho probefahren. Trotz eines halben Jahres Standzeit springt der Motor auf den dritten Tritt an, nimmt spontan Gas an und läuft sofort rund. Der erste Gang rastet überraschend leise ein. Schon auf den ersten Metern fällt auf, daß der montierte Metzeler Enduro 1-Reifen sich in Kurven anfühlt, als habe er zu wenig Luft. Auch beim Abbremsen bis zum Stand sind das Abrollgeräusch des moderaten Geländeprofils und die leicht unruhig werdenden Lenkerenden zunächst gewöhnungsbedürtig. Der Motor zieht ruckfrei auch schon unter 2000/min los, benimmt sich ziviler als das 600er Triebwerk in der Enduro- oder Straßenversion (SRX 6) und wirkt elastischer. Obenraus dreht der 550er zwar willig, doch über Tempo 120 km/h im fünften Gang legt er nur noch zögerlich zu. Das Fahrwerk wirkt bei hohen Geschwindigkeiten einigermaßen flattrig, die Bewegungen der Federelemente hektisch, aber immerhin für den Straßenbetrieb ausreichend gedämpft. Weniger ausreichend ist dagegen die winzige Trommelbremse im Vorderrad, die zwar sensibel anspricht, aber auch gegenüber älteren Scheibenbremsen-Konstruktionen in Sachen Standfestigkeit und Verzögerung nicht mehr Stand der Technik ist. Ebenfalls antiquiert wirken die winzigen Instrumente für Tempo- und Drehzahlanzeige, irritierend auch die ausgeprägte Pendelneigung der Tachonadel.Überraschend vom heutigen Standpunkt ist die Handlichkeit und Wendigkeit des Fahrwerks, und der (in den ersten vier Gängen) ungemein lebendige Motor macht einen soliden, standfesten Eindruck. Zumal der Besitzer vertrauenerweckend bestätigt, daß Kolben, Zylinder und Getriebe im Originalzustand sind.Auch im Gelände wußte die leichte, wendige Maschine durchaus zu überzeugen. Als Reise-Enduro allerdings war sie weniger geeignet. Mit ihrem nur knapp über elf Liter fassendem Tank zwingt einen die XT 550 trotz geringen Verbrauchs von knapp fünf Litern auf 100 Kilometer alle 200 Kilometer zum Stopp. Ein Rucksack findet auf der zerklüfteten Tankoberfläche kaum Platz, ohne den Fahrer zu stören. Und das Reisen zu zweit wird wegen der direkt an der Schwinge befestigten Sozius-Fußrasten und der kurzen Sitzbank schnell zur Tortur. Größtes Manko der XT 550 ist aber zweifelsohne die völlig ungenügende Wirkung der Trommelbremse vorn. Umbauten auf den kompletten Vorderbau der XT 600 mit Scheibenbremse (Vorderrad, Standrohre, Gabelbrücken) sind möglich, lohnen aber wohl nur dann, wenn man auf günstige Gebrauchtteile zurückgreifen und den Umbau selbst durchführen kann. Vorsicht: Eintragungspflicht.Das Federbein der Cantilever-Konstruktion, das der abstrahlenden Hitze des Motor ausgesetzt ist, macht im Gelände schnell schlapp. Die Firma Wunderlich (Telefon 02641/97900), auf XT-Verbesserungen spezialisiert, bietet für 800 Mark soliden Ersatz von White Power. Auch Austauschfedern für die Telegabel sind dort für zirka 160 Mark erhältlich. Mit diesen Maßnahmen wird vor allen Dingen die fürs Gelände zu weiche Serienabstimmung gestrafft. Außerdem verringert sich das lästige Eintauchen der Telegabel beim Bremsen. Wenn sich die Prallbleche im Original-Auspufftopf losgeschüttelt haben und Ersatz fällig ist, greifen preisbewußte Fahrer zu Sebring (zirka 360 Mark mit Gutachten) statt zum Original ( 471 Mark).Motoraussetzer bei 4000/min bei den ersten XT 550 waren auf eine zu kleine Hauptdüse im rechten Vergaser zurückzuführen. Yamaha modifizierte das Schwimmergehäuse und die Düsengröße im Rahmen der Garantie. Bei ähnlichen Symptomen heute ist die CDI-Einheit für die Zündung verantwortlich. Vibrationen und wenig Kühlung zerstörten das Teil auch an der Langstreckenmaschine (MOTORRAD 9/1983). Kosten: 596 Mark.Führerscheinneulinge, die nur die gedrosselte Version mit 27 PS fahren dürfen, sollten sich gleich nach dieser umschauen. Denn eine Leistungsreduzierung ist nur mit einer anderen Nockenwelle möglich, die allein schon 180 Mark kostet. Mit anderen Düsen und einem Umbau (und Eintragung) beim Händler kommen gut und gerne noch mal mindestens 350 Mark hinzu. In der Schwacke-Liste werden XT 550-Gebrauchtpreise gar nicht mehr aufgeführt. Wer eine sucht, muß je nach Zustand und Tachostand (zwischen 30000 und 50000 Kilometer) mit Preisen zwischen 1000 und 1500 Mark rechnen. Denn obwohl die XT 550 äußerlich nicht der große Bringer war, hängen ihre Besitzer wie die Kletten an ihr.

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