Generationsvergleich Suzuki GSX-R 750 (Archivversion) Besuch der alten Dame–––––

Die eine ist längst Legende, die andere zeitgemäßer Supersportler. Gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen der GSX-R von 1985 und dem aktuellen Modell?

Es gibt Tage, die vergißt man nicht. Der 29. August 1984 war so ein Tag. Was sich damals unauslöschlich ins Gedächtnis einbrannte, war eine simple Zeichnung auf dem Titel von MOTORRAD 18/1984: die der neuen GSX-R 750 von Suzuki. »Das gibt’s nicht« war die erste Reaktion, »brutal« die zweite. Alle, die ein bißchen Rennbenzin in den Adern hatten, lebten fortan mit einer neuen Zeitrechnung: vor und nach der GSX-R.Tatsächlich war die GSX-R wie kein anderes Modell ein Meilenstein in der jüngeren Motorradentwicklung. Die bis dahin nur wage bekannten Eckdaten sorgten für schlaflose Nächte. In Sachen Leistung hatte zwar die Yamaha FZ 750 bereits die sensationellen 100 PS vorgelegt. Doch spekuliert wurde bei der Suzuki mit 210 Kilogramm vollgetankt - möglich dank des neuen Doppelschleifenrahmen aus Aluminium -, was neue Dimensionen in Sachen Leistungsgewicht versprach.Was dann wirklich auf der IFMA stand, übertraf alle Erwartungen. Eine reinrassige Replika ihres Langstreckenrenners ließ Suzuki auf den Straßenverkehr los, noch aggressiver als auf den Zeichnungen, noch leichter (205 Kilogramm) als gemutmaßt - kurz: noch aufregender, als alle gedacht hatten.13 Jahre und 30000 allein in Deutschland verkaufte Einheiten später. Der Urahn der aktuellen Supersportler hat nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil, alt zu neu heißt 205 zu 207 Kilogramm, Alurahmen zu Alurahmen, Reihenvierzylinder zu Reihenvierzylinder. Hat sich nichts getan in der langen Zeit?Auf den ersten Blick nicht, die Alte steht da wie am ersten Tag: geduckt und zierlich, beinahe zerbrechlich, trotzdem durchtrainiert, zum Sprung bereit. Man begreift, warum sich die Fachpresse überschlug. Die alte Dame polarisierte: Über »Motorräder der Unvernunft« sinnierte der damalige MOTORRAD-Chefredakteur Karl Mauer, sein Nachfolger Hans Joachim Nowitzki fragte »Was fällt euch eigentlich ein?« und verglich die GSX-R mit einer »motorisierten Zwangsjacke«. Derweil überschlugen sich die Testredakteure vor Begeisterung: »Mit der GSX-R 750 setzt Suzuki neue Maßstäbe für konsequenten Leichtbau, kompromißlose Motorentechnik und exzellente Verarbeitung«, so das Fazit des ersten Fahrberichts von Franz Farkas. Was er wohl zum aktuellen Jahrgang sagen würde?Wahrscheinlich wäre er begeistert. Denn die GSX-R 750, Jahrgang 1998, hat das Erbgut der alten Lady weiterentwickelt, perfektioniert. Daß sie im Lauf ihrer Evolution (siehe Kasten) bessere Anlagen für den alltäglichen Umgang bekam, ist erfreulich.Daß im Lauf von 13 Jahren nicht nur Motorradkonzepte weiterentwickelt wurden, sondern sich dadurch auch Beurteilungskriterien veränderten, macht der direkte Vergleich deutlich. Gemessen an heutigen Maßstäben würde die Ur-GSX-R glatt durchfallen. Ihr Hochgeschwindigkeitspendeln ab 200 km/h sorgte zwar schon bei der ersten Präsentation auf der Suzuki-Teststrecke Ryuyo für betretene Gesichter, nicht jedoch für ernsthafte Empörung. Der deutliche Leistungseinbruch zwischen 5000 und 7000/min wurde zur Kenntnis genommen, aber nicht verdammt - ebenso die gelegentliche Weigerung der Gasschieber, sich beim Gaswegnehmen wieder in die Ausgangsstellung zu begeben. Anerkennung hingegen erhielt die auch heute noch vorbildliche Leichtigkeit, mit der sich die GSX-R von einer Schräglage in die andere werfen ließ, gar höchstes Lob die hervorragende Dosierbarkeit der Bremsen und ihre phänomenale Wirkung.Heute ist das Schnee von gestern. Die Neue kann alles besser. Sie läuft mit ihren nominell 135 PS selbst bei Geschwindigkeiten von über 260 km/h noch stur geradeaus, nimmt vorbildlich Gas an, bremst um Klassen besser und ist dabei nicht weniger zielgenau. Nicht ohne Grund ist sie Klassenprimus. Einen neuen Mythos schürt die GSX-R Jahrgang 1998 aber nicht. Evolution ist eben nicht Revolution. Dem gediegenen Gefühl des über Jahre Gewachsenen setzt die alte Dame auch heute noch eine Aufbruchstimmung entgegen, die aufregt. »Laß uns die Grenzen suchen«, scheint sie zu fauchen - und findet sie prompt. Sie eiert noch wie damals, sie läuft nach wie damals. Hart an der Grenze auch die Sitzposition: der Oberkörper aufrecht, die Beine aber derart stark angewinkelt, daß die Knie beinahe unter den Achselhöhlen stecken - so war das damals bei der GSX-R.Anders war vor 13 Jahren auch die Konkurrenz. Die die Kunden mit Motorrädern mit einem möglichst großen Einsatzbereich locken wollte. Die GSX-R machte Karriere, weil sie kompromißlos verdeutlichte, was sie sein wollte. Sie wurde legendär, weil aus ihrem Konzept das entstand, was wir heute »Supersportler« nennen. Darum ist die »Geschichte der R« noch nicht beendet, und der ersten »R« gebührt darin ein Ehrenplatz. Auch wenn sie auf den Rennstrecken nur noch Zaungast ist. Die Enkelin wird´s schon richten - weil die alte Dame den ersten Schritt tat.

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