Geplatzte WM-Feier (Archivversion) Die größte Party, die es nie gab

Was könnte besser sein, als in Rossis Heimatort Tavullia mitzuerleben, wie Valentino im letzten Rennen der Saison seinen achten Weltmeistertitel klarmacht? Vielleicht zu sehen, wie er es nicht schafft.

Die Fireblade im Nastro-Azzuro-Design ist infernalisch laut. Kein Zweifel, dieser Lärm kommt schnurstracks aus den Tiefen der Hölle. Statt eines Endtopfs ragt ein offener Trichter in die Höhe, knallgelb, riesengroß. Sieht komisch aus, ist es aber nicht. Der Vierzylinder kreischt am Begrenzer, haut seine Ventile schier aus dem Kopf. Jeder, der nicht schnell genug die Hände auf den Ohren hat, ist die nächsten Stunden taub. Die Honda rollt neben einer haushohen Fernsehleinwand aus, und als der Motor verstummt, jubelt die Menge los,
aus vollem Hals. Dies sind die Fanfaren, die einen einzigartigen, einen unvergesslichen Tag herbeitrompeten sollen.
Über 10000 Leute sind nach Tavullia geströmt, um zu
sehen, wie der berühmteste Sohn des Ortes seinen achten Titel holt, wie er, nach einer zum Teil echt verkorksten Saison, am Ende doch triumphiert. Und alle wollen mit ihm triumphieren, wollen mit ihm feiern, wollen ihn feiern, Rossi, den Meister, den achtfachen Champion.
Zur Saisonmitte hatte es noch überhaupt nicht danach ausgesehen. Während Rossi sich mit Motorproblemen herumärgerte und mit seinen Reifen haderte, sammelte Nicky Hayden so fleißig Punkte, dass die Sache schon fast gelaufen war. Und sie wäre auch gelaufen gewesen, wenn, ja wenn nicht Dani Pedrosa seinen Teamkollegen im vorletzten Rennen abgeräumt hätte. Plötzlich war Rossi doch wieder vorn in der Weltmeisterschaft.
Um halb zehn platzt Tavullia bereits aus allen Nähten. Gelbe Fahnen, gelbe Perücken, gelbe T-Shirts, gelbe Schminke. Selbst die Hunde laufen entsprechend ausstaffiert umher, Hunderte Fans schwenken Papptafeln mit der obligatorischen 46 darauf, und der Priester verkürzt sogar die Sonntagsmesse, um einem anderen Herrn die Ehre zu erweisen.
Ein paar wenige Minuten nur noch bis zur Einführungsrunde, da erscheint auf der Fernsehleinwand der Held des
Tages: In Gelb und übers ganze Gesicht grinsend lehnt er sich der Kamera entgegen und winkt. Wem? Keine Frage: Tavullia, er winkt seinen Fans in Tavullia.
Die winken zurück, schreien, schwenken die Fahnen, halten die Tafeln mit der 46 in die Höhe – und fiebern dem Start entgegen. Den Rossi versemmelt. Doch das sollte kein Problem sein. Es ist nie ein Problem gewesen. Dann rollt er das Feld eben auf und drückt sich später an die Spitze. Diesmal steckt er allerdings Ewigkeiten hinter Casey Stoner fest, während einer vorne auf die Tube drückt: Hayden. Erste Unruhe unter den Fans. So langsam müsste er doch aus dem Quark kommen, müsste vorbeikommen und müsste nach vorn fahren, wie sie es kennen von ihm und wie sie es lieben: so, als gäbe es die ganzen Konkurrenten überhaupt nicht. Just in dem Moment, als es
so aussieht, als nähme dieses Unvermeidliche seinen Lauf, da sieht die Menge, wie das Unmögliche geschieht. Rossi rutscht raus. »Mamma mia, porca miseria!« Fassungslos sehen die 10000, wie ihr Star aufspringt, bevor noch das Rutschen ein Ende hat, wie er sich wieder auf die Maschine setzt und dem Feld hinterherjagt. Als Letzter.
Es bleiben ihm 23 Runden, um an die Spitze zu gelangen, und es gibt kaum einen in seinem Heimatort, der nicht glaubt, dass er es schaffen kann. Als er Garry McCoy auf der Ilmor-Maschine überholt, tönen die Presslufthörner, und der Mann an der Hupe murmelt: »Ich wünschte, Pedrosa könnte noch mal tun, was er beim letzten Lauf getan hat.«
Aber er tut es nicht. Die Regie schwenkt um auf die beiden führenden Ducatis – müdes Geklatsche. Alex Hofmann rollt aus – einer weniger zu überholen, Pedrosa lässt Melandri und Stoner durchschlüpfen – Jubel. Vermeulen scheidet aus – wieder einer weniger, Rossi ist Vierzehnter. Und Hayden komfortabler Dritter. Was bedeutet, dass Vale mindestens Achter werden müsste. Noch 17 Runden.
Und nichts passiert. Obwohl Rossi Runde um Runde den Rückstand aufzuholen versucht. Doch der Kampf gegen die Uhr ist vergebens. Allenfalls höflich der Beifall, wenn er durchs Bild fährt, die meisten vor der riesigen Leinwand stehen
einfach nur noch da, lassen den Kopf hängen und gucken bedröppelt auf ihre Füße. Irgendwie ist die Luft raus und
die Stimmung sonst wohin entschwunden. Vermutlich nach Owensboro, Kentucky, Hayden-Town, wo sie vielleicht alle in Orange vor einer Leinwand stehen und Fahnen schwenken, nicht mit der 46, sondern mit einer 69 drauf. In Tavullia hin-
gegen fließen die ersten Tränen, bei den Frauen wie bei den Männern, und die Hörner, die vorher noch zum Angriff geblasen haben, tuten eine traurige Melodie, quäken wie sterbende Enten. Die ersten wandern geschlagen ab, als Hayden ganz locker die letzte Runde auf Platz drei nach Hause fährt.
Dessen Mutter taucht auf dem Riesenbildschirm auf und wird von ein paar restlos Enttäuschten ausgebuht. Die beiden siegreichen Ducatis können den Frust ebenfalls nicht lindern. Hätte Rossi den Titel geholt, man hätte die italienischen Maschinen gleich mitgefeiert. So aber klatschen nur die wenigsten, anstandshalber. Einmal noch schwillt der Lärmpegel an, als Rossi den Zielstrich passiert, als Dreizehnter, gleichsam als müsse das Unglück in diesem Resultat besonders deutlich werden. Fairer Sportsmann, der er ist, lässt es Rossi sich nicht nehmen, seinem Nachfolger zu gratulieren, und wenigstens das erkennt die Menge an. Applaus für die Geste. Dann Grabesstille. Es ist nicht nur Rossi, der an diesem Tag verloren hat. Fünf kleine Pünktchen hätten der Auslöser sein können für die größte, die beste Party überhaupt. Sie fehlten Vale am Ende, und sie fehlten Tavullia noch viel mehr.

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