Gesucht: Der Motorradfahrer des Jahres 2003 (Archivversion) Eine ganz arg nette Familie

Finale am Nürburgring – das ist, wenn da einer vorzeitig die Party zu seinem 50. Geburtstag verlässt und Muttern, die das Motorradfahren hasst, einen Ausflug an die Nordschleife macht.

Frisch verheiratet, Baby unterwegs. Total normal also, dass Christian Daleiden selig lächelt. Obwohl er die theoretische Prüfung verhauen hat. »Die Fragen zum deutschen Führerscheinrecht kamen mir spanisch vor«, sagt der Luxemburger. Und auch bei der Geländeprüfung – »Ansonsten meine Stärke, ich fahre seit zehn Jahren Trial und noch länger Cross« – lief’s nicht bestens. »Musste absteigen.« Nicht als Einziger übrigens. Und dennoch freut er sich. »Es ist doch ein Traum, hier zu sein, am Nürburgring.« Bei altweiberlichem Sommer im goldenen September, zusammen mit seinen Freunden. »Ken Mousty, der sich ebenfalls für das Finale qualifiziert hat, kommt aus demselben Dorf wie ich. Und der dritte Luxemburger, der hier mitmischt, war mein Fahrlehrer.« Fürs Motorrad? »Nein, Traktor, den Schein brauche ich für meinen Job als Gemeindearbeiter.«Die 950 Adventure von KTM, sein Traummotorrad, hat er bereits abgeschrieben. Auf Suzukis GSX-R 1000 oder BMWs Rockster, die das Potpourri komplettieren, aus dem der finale Sieger sich seinen Preis abgreifen darf, wäre er eh nicht so richtig scharf gewesen. Aber »weil’s kaum noch was zu gewinnen gibt, gibt’s nichts mehr zu verlieren«, meint Christian und geht darob unglaublich relaxed die restlichen Übungen an. Knallt mit seiner enduresken Honda XR 650 R völlig nonchalant über den Grand-Prix-Kurs, scharwenzelt so elegant über den »Jägerparcours«, dass er im Rausch des Groovens zwischen den Pylonen glatt das Bremsen am Ziel vergisst. Null Punkte. Ärgerlich, aber was soll’s? Morgen, am Tag der Entscheidung, wird er von seiner Frau erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Und Christian lacht, zirkelt bei der »Hohen Acht«, der nächsten Herausforderung ans fahrerische Können, grandiose Kringel hin. »Respekt vor dem, was die Jungs hier leisten«, sagt Jürgen Fuchs, Grand-Prix-Star von gestern und MOTORRAD-Mitarbeiter von heute. »Bei so mancher dieser verzwirbelten Übungen müsste ich die Segel streichen.«Am Dienstag, dem letzten Finaltag, schlägt nicht nur das Wetter Kapriolen, da schlägt obendrein eine Abordnung aus Luxemburg ein. Noch mehr Kumpels, noch mehr Fans. Und als Höhepunkt des Wettbewerbs, als letzte der insgesamt 13 Herausforderungen, wartet die für die Gesamtwertung enorm wichtige Nordschleifenrunde auf Christian und seine neuen Freunde. Klar, Konkurrenten – das sind sie, doch nur unter ferner liefen. »Echt schade, dass der Jochen Raible gestürzt und ausgeschieden ist«, meint Christian. »Was der bis dahin gezeigt hat, war doch wirklich klasse.« So sind sie halt, die Motorradfahrer des Jahres: solidarisch, freundlich, nett und einem die gegenseitige Sympathie bekräftigenden abendlichen Kaltgetränk an der Hotelbar nie und nimmer abgeneigt.Was sie freilich nicht daran hindert, die eigenen Chancen realistisch einzuschätzen, auch im Vergleich zur lieben Mitbewerberschaft. »Natürlich habe ich wenig Erfahrung auf der Nordschleife«, sinniert Christian, »mag aber durchaus sein, dass es leichter ist, sich im Schlepptau eines Ringkenners die richtige Linie neu anzueignen, als von einer falschen Linie, die man seit Jahren praktiziert, wegzukommen.« Deshalb fasst Klaus Wolter einen Entschluss. »Ich melde mich zu einem Perfektionstraining vom ACTION TEAM am Nürburgring an.« Klaus hatte schon mal mitgemischt beim Finale zum Motorradfahrer des Jahres und trotz seines 16. Platzes – »diesmal will ich besser abschneiden« – ein Motorrad gewonnen, eine Aprilia RSV mille. Und das kam so: Den Coupon in MOTORRAD hatte er verlegt, woraufhin er einen Bekannten, der neben einer Aral-Tankstelle wohnt, bat: »Die sind doch Partner von der MOTORRAD-Aktion. Geh dort mal vorbei und bring mir einen Teilnahmeantrag mit!« Was der gute Mann dann treulich tat. Nun ja, der falsche Karton war’s, eine Kundenumfrage von Aral. Klaus hat ihn dennoch ausgefüllt. Lohn der Mühe: der erste Preis, die Mille. Seine Erfahrungen mit dem Twin – »so eine teure Maschine hätte ich mir als sparsamer Schwabe nie angeschafft« – schrieb er auf, schickte sie an MOTORRAD. Wegen des dort anstehenden Langstreckentests. Gewann, wie es der Zufall will, dabei einen Satz Reifen. »Meine Pneus waren gerade abgefahren.« Und als die neuen sich nicht mehr so recht zu profilieren wussten, qualifizierte er sich für die Endrunde von »Motorradfahrer des Jahres«. Und dafür spendiert bekanntermaßen Metzeler Gummi.In und um Rosenfeld, wo er wohnt und unterrichtet, ist der Lehrer mit dem distinguiert zotteligen Bart nicht nur als Glückspilz bekannt. Sondern obendrein als Kirchengemeinderat, Flieger und Sieger in Benzinsparwettbewerben für vierrädrige Vehikel. Grund genug für den »Schwarzwälder Boten«, einen Reporter an den Ring zu schicken, um über die neuesten Abenteuer des brillant kradelnden Pädagogen zu berichten.An einem ebenso romantischen Eck von Baden-Württemberg, in Uffenheim, nahe Rothenburg ob der Tauber, residiert Familie Reuter. Vater Willi motorradelte, Sohn Arnim tat’s ihm nach, und als Bernd, der jüngere Sprössling, ebenfalls dem zweirädrigen Vergnügen frönte, bekam er von Muttern zu hören: »Du bist ja nicht gescheiter als die andern!« Mutter hasst Motorradfahrer, liebt aber Willi, Arnim und Bernd, steht deshalb in aller Frühe auf, um mit der Familienkutsche an den Ring zu kariolen, ihrem Bernd die Daumen zu drücken. »Da geht es ja auch ums sichere Fahren, oder?« Logo. Sicher, das auch, vor allem jedoch: schön. Die Traumkurven der Nordschleife verlangen nun mal nach idealen Linien.Ebenfalls schön hat’s Werner Haberland. In seinem Forsthaus in Sachsen-Anhalt. Seinen 50. feiert er dort am Finalwochenende, verlässt die Party dann aber fluchtartig. Rauf auf die CBR 600, hin zum Ring. Zu Sohnemann Klaus. Der landet auf Platz 22. Eine Schnapszahl, das passt. Und Christian bräuchte eigentlich auch einen. Einen Schnaps. Dringend. Denn es passiert, was er nicht mehr für möglich gehalten hat. Er gewinnt. Mit seinen knapp 1,70 Metern hängt er auf der 950 Adventure irgendwo zwischen Himmel und Erde. »Was soll’s. Ich will damit fahren, nicht stehen.“

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