Harley-Davidson-Werksteam (Archivversion)

Tollkühne Männer und ihre fliegenden Kisten

MOTORRAD begleitete das Harley-Davidson-Werksteam durch die Daytona Bike Week.

Als käme ein propellergetriebener Jagdbomber im Tiefflug daher, so klingt es in der Boxenstraße, wenn die Werksfahrer Chris Carr oder Thomas Wilson auf ihren VR 1000 die Zielgerade heraufpfeilen. Die Betonung liegt auf »wenn«, denn bei der Standfestigkeit des Harley-Superbikes hat dieses Spektakel eher Seltenheitswert.Entsprechend mager fiel die Daytona-Bilanz bisher aus: Miguel DuHamel blieb 1994 bei der Premiere der VR 1000 in Runde 20 mit gebrochenem Pleuel liegen. 1995 stürzte Doug Chandler in der zweiten Runde und brach sich das Schlüsselbein, drei Runden vor Schluß mußte Chris Carr, der damals sein erstes Straßenrennen bestritt, wegen einer gerissenen Steuerkette die Segel streichen. Sowohl DuHamel als auch Chandler verließen nach einem Jahr das Team.Der ehemalige Dirt Track-Champion Chris Carr eroberte in der vergangenen Saison immerhin den zwölften Platz in der amerikanischen Superbike-Meisterschaft und wurde mit seinen 28 Jahren noch der Rookie des Jahres. Trotzdem waren seine Ziele vor dem Saisonstart in Daytona bescheiden: »Hauptsache wir kommen diesmal ins Ziel. Die Zuverlässigkeit liegt in den Händen der Ingenieure, ich kann nichts dazu tun.«Doch die vierköpfige Truppe um den technischen Leiter Steve Scheibe hatte, so schien es, ihre Hausaufgaben gemacht: Das erste freie Training am Mittwoch überstanden beide Werksrenner fast schadlos, lediglich ein vorderer Kotflügel ging irgendwo im Oval verloren. Erst im zweiten Training kamen endlich die Mechaniker zum Zug: Zunächst mußte eine verklemmte Vorderradachse bei Carrs Motorrad mit einer zum Hammer umfunktionierten Ratsche durch die Nabe getrieben werden, anschließend Wilsons Motorrad, der per Pickup-Truck an die Box kam, zerlegt werden. Vielleicht etwas unorthodox, aber in unglaublicher Geschwindigkeit, verteilen sich bei einer solchen Aktion Werkzeug, Meßgeäte, Laptop und diverse Kleinteile auf dem Asphalt rund um die angeschlagene VR 1000. Als Ausfallursache hatte sich nach einigen Minuten die Benzinpumpe herauskristallisiert, was sich später jedoch als Trugschluß entpuppte. Jedenfalls versuchte man in den verbleibenden 40 Minuten des Trainings mit einer Zange irgend etwas im Tank zu erwischen - vergebens.Auf die Frage, warum Harley nicht wie alle anderen Werksteams zwei Motorräder für jeden Fahrer mitgebracht hatte, winkte Scheibe ab: »Für DuHamel und Chandler hatten wir immer zwei Bikes dabei, doch ich bin überzeugt, daß wir mit nur einer Maschine pro Fahrer größere Fortschritte machen.« Scheibe war 1990 vom Konstrukteursbüro Roush in Detroit zu Harley-Davidson gekommen. Er hatte bei Roush seit 1987 einen Großteil der konstruktiven Arbeiten an dem wassergekühlten 60-Grad-V-Twin geleistet.Neuer Tag, neues Glück - zumindest die ersten 20 Minuten des freien Donnerstagstrainings. Dann kam Carr mit gebrochener Kupplung an die Box, zehn Minuten nach ihm Wilson mit dem noch ungelösten Problem vom Vortag. Während an Carrs VR 1000 zielführend Bauteile demontiert und ersetzt wurden - nach einer Weile flog er wieder ums Oval -, verteilten sich um den zweiten Werksrenner noch viel mehr Teile als tags zuvor. Einer drehte die Schrauben des Ventildeckels locker, ein anderer zog sie wieder fest - Rätselraten. Da es etwas mühsam gewesen wäre, die ganzen Teile einzeln in die rund 200 Meter entfernte Boxengarage zu schaffen, wurde schließlich alles wieder zusammengesteckt und zum Erstaunen aller sprang die Harley plötzlich an. Wilson blieben noch ganze fünf Minuten Training.Thomas Wilson kam 1996 neu ins Harley-Team, nachdem er im Vorjahr als Privatfahrer in den Supersportklassen 600 und 750 cm³ jeweils den dritten Rang in der US-Meisterschaft erreicht hatte. Kurz vor dem ersten Qualifying befragt, ob er mit seiner Harley denn zufrieden sei, meinte er: »Das Bike ist o.k., ich muß es nur noch härter rannehmen.«Etwas pessimistischer sah Team-Koordinator Tom Bodenbach die Lage. Auf die Frage, ob das Team für das Qualifying bereit sei, meinte er nur: »Schwer zu sagen.« Dabei war ein gutes Abschneiden bei diesem erste Zeittraining wichtig, den seit Tagen war Regen vorhergesagt, der am Freitag keine Verbesserung der Startposition zugelassen hätte. Sicherheitshalber wurde schon dieses Zeittraining um eine Stunde vorgezogen. Ebenfalls früher als geplant, nämlich nach vier Runden, kam Wilson an die Box - diesmal zu Fuß. Der Trick mit dem Zerlegen und wieder Zusammenbauen, der am Vormittag noch so gut funktionierte, brachte diesmal nichts: Wilson fuhr zwar noch einmal los, kam aber nur wenige Meter weit. Chris Carrs Maschine hielt durch, am Ende trennten ihn knapp fünf Sekunden und 17 Startplätze vom Trainingsschnellsten Troy Corser auf Ducati.Am Freitag morgen - allen Vorhersagen zum Trotz bei strahlendem Sonnenschein - bestritt Carr das freie Training ohne seinen Teamkollegen. Dessen Motor wurde nämlich in der Boxengarage einer gründlichen Inspektion unterzogen, wozu sämtliche Innereien gleichmäßig über den Boden verteilt werden mußten. Knapp fünfzehn Minuten nach Trainingsende trudelte auch Carr dort ein, nachdem er während des Trainings plötzlich als verschollen galt: Ein Kabel hatte sich von einem Drosselklappensensor gelöst.In Anbetracht der herumliegenden Motorteile und der genüßlich Pasta verzehrenden Mechaniker mochte eine Stunde vor dem zweiten Zeittraining niemand ernsthaft glauben, daß Wilsons Motorrad noch rechtzeitig fertig werden würde. Doch gestärkt und auf dem Boden rollend und robbend gelang den Mechanikern das Kunststück: 20 Minuten vor dem letzten Qualifying liefen beide Bikes warm. Anschließend spulten Wilson und Carr wie ein Uhrwerk je 24 Runden herunter. Willie G. und Billy Davidson, die zum ersten Mal in dieser Woche auf den Speedway kamen, waren begeistert. Carr konnte seinen 18. Startplatz behaupten, Wilson schob sich auf den 19. nach vorn, Scheibe war zufrieden: »Im Gegensatz zu vielen anderen Teams haben wir keine Qualifikationsreifen verwendet, da die Startposition bei einem solch langen Rennen nicht so entscheidend ist. Wir haben unser Ziel erreicht.« Und es gab noch einen Grund zur Freude: auf den Startplätzen zwischen 23 und 27 waren drei der insgesamt vier privaten VR 1000 gelandet.Am Samstag war Ruhetag und am Rennsonntag erreichten endlich die seit Tagen angekündigten Regenwolken Daytona. Doch zumindest am Vormittag konnten sie ihr Wasser noch halten und somit das Warm Up gefahren werden. Und bis auf ein kleines Stück, das aus Carrs Nockenwelle herausbrach, lief alles glatt. Als das Stück nach einer groß angelegten Suchaktion endlich in der Ölwanne wieder auftauchte, hatte der Regen bereits alles überflutet und das Rennen war längst vertagt. Irgendwie sahen alle in der Boxengarage erleichtert aus: Tom Bodenbach konnte sich endlich dem Computerspiel auf dem Datarecording-Laptop widmen, Billy Davidson schaute ihm zu und PR-Manager Art Gompper spielte einen Blues auf seiner Mundharmonika.Am Samstag darauf wurde das Rennen über die 200 Meilen endlich gestartet und Chris Carr belegte einen hervorragenden zehnten Platz, Thomas Wilson stürzte in Runde 52 auf einem Ölfleck. Gewonnen hat der ehemalige Harley-Werksfahrer Miguel DuHamel - auf Honda.
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HARLEY-DAVIDSON VR 1000 (Archivversion)

MotorWassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-60-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, eine Ausgleichswelle, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier über Tassenstößel betätigte Ventile pro Zylinder, Trockensumpfschmierung, elektronische Weber/Marelli-Saugrohreinspritzung, Saugrohrdurchmesser 54 mm, kontaktlose Transistorzündung, Motormanagement.Bohrung x Hub 98 x 66 mmHubraum 996 cm³Leistung keine AngabeKraftübertragungPrimärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Trockenkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.FahrwerkBrückenrahmen aus Alu-Profilen, Öhlins-Upside-down-Gabel, Gleitrohrdurchmesser 46 mm, mit verstellbarer Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Alu-Profilen, Öhlins-Zentralfederbein, über Hebelsystem angelenkt, mit verstellbarer Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Willwood-Doppelscheibenbremse vorn mit Sechskolbensätteln und schwimmend gelagerten Bremsscheiben, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten mit Zweikolbensattel, Ø 210 mm, Marchesini-Alu-Gußräder. Felgengröße vorn 3.50 x 17 hinten 6.00 x 17Reifengröße vorn 125/70 - 17 hinten 180/55 - 17 Maße und GewichteRadstand 1410 mmLenkkopwinkel 66 GradNachlauf 96 mmGewicht 165 kgFarbe Orange/SchwarzEigentlich sollte die VR 1000 das »All American Superbike« werden, doch inzwischen stammen Federelemente, Einspritzanlage, Räder und diverse Kleinteile aus Europa. Zumindest japanische Teile wollte man so gut es geht vermeiden, einzig die Antriebskette von D.I.D. konnte MOTORRAD entdecken.

Interview (Archivversion) - «Wir wollen natürlich gewinnen“

Vor der Bike Week sprach MOTORRAD mit Art Gompper, dem Pressesprecher des Harley-Davidson-Racing-Teams.
Art Gompper, warum kehrte Harley-Davidson in den Straßenrennsport zurück?Es gibt viele Gründe. Zunächst war Harley-Davidson schon immer eng mit dem Rennsport verbunden, wir hatten schon 1913 ein Werksteam. Es gibt unseren Kunden die Möglichkeit, mit ihren Harleys zu den Rennen zu fahren und ihre Marke in den Traditionsfarben Orange und Schwarz zu sehen. Wir lernen viel, um die Technik unserer Straßenmodelle zu verbessern und wir lernen etwas über den Sportmotorradmarkt und seine Kunden. Natürlich wollen wir auch gewinnen.Für 1996 konntet ihr aber keinen Topfahrer für die VR 1000 mehr finden. Welche Resultate sind von Chris Carr und Thomas Wilson zu erwarten?Nach Daytona kommen die besten Teams aus der ganzen Welt. Nirgends in den USA sind die Gegner so stark. Chris Carr ist enorm motiviert und Thomas Wilson ist für mich ein Topfahrer. Er hat vergangenes Jahr die harte Schule der US-amerikanischen Supersportklassen durchgemacht und kann ein Motorrad am Limit bewegen. Ich denke, beide können unter die ersten Zehn in Daytona fahren. Immerhin verloren die beiden während der Dunlop-Tests zu Anfang des Jahres 3,5 Sekunden auf die Schnellsten.Bei den Reifentests verschwenden wir kein Geld in Qualifikationsreifen wie die anderen Teams. Wir fahren sämtliche Trainings mit Rennreifen, daher unser Rückstand.1996 wurde die Rennabteilung neu strukturiert. Was hat sich geändert?Die größte Veränderung ist, daß wir umgezogen sind, das wurde in der Presse ziemlich hochgespielt. Im alten Gebäude waren wir hauptsächlich damit beschäftigt, die Motorräder mit dem Aufzug in den zweiten Stock zu bringen und wieder herunter, jetzt können wir vernünftig arbeiten. Außerdem wurde dieses Jahr ein spezielles Motorenentwicklungsprogramm gestartet. Wir haben jetzt einen Prüfstand und können dort zum Beispiel unsere Auspuffanlage abstimmen. Das konnten wir bisher nicht.Wenn ihr 1996 erfolgreich seit, besteht dann die Möglichkeit, daß Harley-Davidson im nächsten Jahr in die WM einsteigt?Ich zweifle, daß es schon nächstes Jahr sein wird. Wenn wir an der WM teilnehmen wollen, müssen wir 200 Motorräder bauen, ich weiß nicht, ob wir das momentan könnten. Außerdem müssen wir noch einige Details verbessern. Aber Schritt für Schritt schnüren wir ein konkurrenzfähiges Paket. Ich denke, in drei oder vier Jahren werden wir soweit sein.

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