Harley-Davidson Wide Glide Am coolsten ist Harley-Fahren, wenn niemand zusieht...

Rollende Ikonen: die Chopper
aus dem Film »Easy Rider“

Harley-Davidson. Schon der Name ist ein Mythos und vermutlich nur Coca-Cola weltweit noch bekannter. Den amerikanischen Traum, ihn stilisiert und zelebriert der Hersteller aus Milwaukee patriotisch wie kein anderer. Mit allen Reizen
und Widersprüchen. Männer, Mythen und
Motoren. Und so ist auch diese Dyna Wide Glide ein Motorrad wie ein Monument. Massiv und gewaltig. Jedes Detail wirkt wie für die Ewigkeit gebaut. Alles hat
XXL-Format. Turmhohe Zylinder, gefühlte
Länge: 2,80 Meter, gefühlte Schwere: zwölf Zentner. Nun, es sind bloß sechs.
Harleys zehren bis heute vom Nimbus, der 1969 im Biker-Kultfilm »Easy Rider« geboren wurde – gegen den Willen der
Company. Leben als Road-Movie, Freiheit erfahren statt Biederkeit und Spießertum. Das Rezept: Fort mit allem unnützen Gelump, Reduktion aufs Wesentliche. Bei der Lebenseinstellung und bei den Maschinen: Chopper, von englisch to chop für »abhacken«. Räder, Motor, Lenker, that’s it.
Was sich Individualisten, Underdogs und Outlaws mühsam selbst zurechtfeilen mussten, gab’s 1971 ab Werk: Factory-Customizing. Willie G. Davidson erschuf die FX Super Glide. In deren Tradition
steht nun 30 Jahre später die Dyna Wide Glide, ein 2002er-Sondermodell. Ihr Zungenbrecher-Typkürzel FXDWG3 ist rechtlich geschützt. Spießig, oder?
Kawumm! Mit sattem Langhub-Beat erwacht der dicke Stoßstangen-V2, von Anfang an voll präsent. Selbst dann, wenn der Choke am (japanischen!) Vergaser noch gezogen ist. Der Twin-Cam-88-Motor läuft nicht nur, er stampft und bebt. Schwingt im Leerlauf wie wild um das
Epizentrum Kurbelwelle. Lebendige Mechanik, Motorrad und Fahrer erzittern bei
45 Grad. Zylinderwinkel, nicht Celsius.
Kalonk. Der erste Gang sitzt. Exakt rastet das Getriebe trotz ellenlangen Schaltgestänges. Mördermäßig fordert die Kupplung den ganzen Unterarm. Alles geben. Volltönend trompeten die Sidepipes ihr »Potato-potato«, nehmen es mit der
Legalität nicht ganz genau. Wenig lastwechselt der wartungsarme Zahnriemenantrieb. Der riesige Primärtrieb-Kasten könnte zu einem Schiffsdiesel gehören.
In Quadratmetern misst sich der Chromschmuck. Ohne Sonnenbrille droht akute Netzhautablösung. Sehen und gesehen werden, bei jedem Stopp, vor jeder Ampel. Hohes Selbstinszenierungspotenzial. Dafür muss man sogar gebraucht gut und gerne 20000 Euro hinlegen. Man gönnt sich ja sonst alles. Peinlich: das Flammendesign an Tank und Heckbürzel. Aber da kann das Motorrad nichts für. Ebenso
wenig für penetrant angebotenes Zubehör und Bekleidung mit dem »Bars&shields«-Logo oder für überzogene Werbetexte. Vom Mythos zum bloßen Fetisch.
Raus aus der Stadt, rein in eine andere Welt. Am coolsten ist Harley-Fahren nicht beim Flanieren von Eisdiele zu Straßencafé. Sondern wenn keiner zusieht. The
lonesome rider auf dem endlosen Highway. Zu sich selber finden, beim Gleiten mit 70, höchstens 90 Sachen. Das ist der Mythos! Ein Original bewegen, die Arme lang gezogen, die Beine weit vorgestreckt. The boss is coming!
Durchzug ohne Ende? Bloß Legende.
Zu schwer, zu lang übersetzt. Jede 600er kann das besser. Immerhin, einmal in Fahrt, pulsiert das 1449-cm3-Aggregat nur noch sanft. Elastische Aufhängung heißt das Zauberwort. Bockig gebärden sich
dagegen die Federbeine. Erstaunlich leicht fällt das 300-Kilogramm-Eisen in Schräglage. Trotz aberwitzig flacher und zu
weicher Gabel. Der Riesentrennscheibe von Vorderrad sei Dank. Ganze 80 Millimeter breit, misst es 21 Zoll im Durchmesser.
Einen guten Job erledigen die Metzeler Marathon. Anders die Bremsen. Hohe Handkraft verquickt die vordere Einzelscheibe mit mieser Wirkung.
Höher als erwartet ist die Schräglagenfreiheit, doch in allzu schnellen Kurven
verwindet sich das gesamte Chassis. Aber das Feeling stimmt. Wie von allein reiht sich nach einem langen Arbeitstag Umweg an Ehrenrunde. Bei Nacht zurückkommen ist eh am schönsten. Die (Neon-)Lichter der Großstadt tauchen die Dyna Wide
Glide in ein schimmerndes Bad. Ihr Chrom leuchtet in allen Farben. Ride free!

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