Harley-Davidson XR 1200 Harley goes Europe

Klar, Bill Davidson, Urenkel eines der beiden Harley-Davidson-Gründer, erzählte mit wahrer Begeisterung in der Stimme von der Faszination der Flat-Track-Rennen. Auch stand der Inbegriff einer Flat-Track-Rennmaschine, die XR 750, mit auf der Bühne und präsentierte sich als Inspirationsquelle für das Design der neuen XR 1200. Eine echt amerikanische Szenerie also.
Und trotzdem konnte sich kein Beobach-ter des Eindrucks erwehren, die XR 1200 sei in erster Linie für das alte Europa bestimmt. Mit vergleichsweise steil stehender Gabel, weit hinten liegenden Fußrasten und hochgezogener Auspuffanlage repräsentiert sie den Typus des klassischen Naked Bikes, das in aufrechter Sitzposition mit guter Spielübersicht auf vorwiegend kurvigen Straßen gefahren wird. Reinste europäische Motorradkultur, nur eben mit einem typischen Harley-Motor. Der jedoch nicht einfach übernommen, sondern als Konzession an hiesige Maßstäbe durch tief greifende Überarbeitung auf 85 bis 90 PS hochgekitzelt wurde. Das passt ins Bild; nach Jahren langsamen, aber stetigen Anstiegs betrug der Anteil europäischer Kunden an den gesamten Absatzzahlen von Harley-Davidson erstmals über zehn Prozent, und die XR 1200 ist als ein ebenso geschickter wie formal gelungener Schachzug zu sehen, diesen Anteil künftig etwas rascher zu steigern.
Insofern muss niemand die Zurückhaltung der Harley-Mitarbeiter bezüglich der Serienfertigung der XR 1200, die von jedem brav wiederholte Bezeichnung des Motorrads als Prototyp, allzu ernst nehmen. Das Ding wird gebaut, und wenn daran tatsächlich noch Zweifel bestanden hatten, so wurden sie durch die positive Resonanz auf der Intermot ausgeräumt. Auch zeigten die dort vorgestellten XR-Exemplare in der Qualität der Gussteile, der Elektroinstallation, ja selbst in kleinen Details einen Reifegrad, der über das Prototypenstadium weit hinausgeht. Hintergrund der Prototypen-Sprachregelung dürfte also die Tatsache sein, dass Harley entgegen sonstiger Gepflogenheiten die XR 1200 nicht sofort liefern kann, son-dern noch einige Zeit bis zur Produktion braucht und deshalb keine falschen Erwartungen wecken wollte. Angesichts der zu Ende gehenden Motorradsaison in
»old europe« tut das nicht viel zur Sache, und ein ungewöhnliches Motorrad darf ruhig gelegentlich aus der Reihe tanzen.

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