Hinter den GP-Kulissen (Archivversion) Vierversuch

Das Kenny Roberts-Team brachte eine neue Vierzylindermaschine mit Swissauto-Motor zum Brünn-Grand Prix. Doch der Premiere des Halbliter-Renners fehlte jeder Glanz.

Zur neuen Modenas KR 4, die beim Brünn-Grand Prix in der Box des Roberts-Teams zusammengeschraubt wurde, hat Urs Wenger einen besonderen Bezug. »Ich war immer ein Roberts-Fan, auch bei seinem großen Duell gegen Freddie Spencer 1983. Dass da jetzt ein von uns gebauter Motor drinhängt, ist schon ein sehr spezielles Gefühl«, merkte der Swissauto-Konstrukteur an. Doch ob die neueste Maschine aus der Ingenieursfirma, als die Roberts seinen Rennstall gern bezeichnet, je an die legendären Erfolge der Vergangenheit anknüpfen wird, steht in den Sternen. Die Techniker bemühten sich zwar auf vorbildliche Weise, eine eigenständige Basis zu schaffen, die sich klar von der ebenfalls mit dem Swissauto-V4-Motor ausgerüsteten MuZ-Weber unterscheidet. Die KR 4 ist im Lenkkopfbereich voluminöser, bei der Hinterradschwinge dagegen filigraner als das Schweizer Produkt. Insgesamt bleibt das Motorrad der Linie der eigenen Dreizylindermodelle treu, wirkt dabei aber keineswegs größer. Das Swissauto-Triebwerk versteckt sich im Vergleich zu dem massiven Dreizylinder-Modenas-Motor derart kompakt im Chassis, dass man verwundert die Zahl der Auspuffrohre zu zählen beginnt. Trotzdem fehlt dem Projekt jener Glanz, den beispielsweise noch die Premiere der ersten Modenas KR 3 vor zweieinhalb Jahren verbreitete. Denn der Swissauto-Motor, der in den ersten Prototyp eingebaut wurde, ist, so Wenger, »steinaltes Zeug« von Anfang letzten Jahres, als der Motor noch rund 15 PS weniger hatte und deutliche Dellen in der Drehmomentkurve aufwies. Weil Marlboro längst abgesprungen ist und sich zum Jahresende auch Modenas als Sponsor zurückzieht, sind die goldenen Zeiten im Roberts-Team vorerst vorbei und Sparzwänge offenkundig. Ob je aktuelle Motoren zum Einsatz kommen, hängt von den langfristigen Perspektiven ab. Um dem zaghaften Projekt vollen Schwung zu geben, müsste ein neuer, zahlungskräftiger Sponsor gefunden werden. Der wiederum findet sich nur, wenn es auch erfolgversprechende Fahrer gibt. Doch die Piloten des Roberts-Umfelds wurden von einer Unfallserie dahingerafft. Erst brach sich Testfahrer Randy Mamola das Bein und humpelt immer noch mit einem Fixateur durch die Gegend. Anfang August erwischte es dann Jean-Michel Bayle beim Mountain Bike-Fahren derart schlimm, dass er bis zum Saisonende ausfällt und womöglich endgültig keine Lust mehr hat. In Brünn kam der Unfall von Jamie Whitham hinzu. Bleibt der Texaner Mike Hale, der im Training knapp vier Sekunden auf die Bestzeit verlor. Ein Desaster, das Teambesitzer Kenny Roberts davon abhielt, persönlich in Brünn zu erscheinen. Statt mit dem neuen Vierzylinder kurzfristige Erfolge zu feiern, sieht es eher danach aus, als werde der Schlingerkurs des Teams mit der Dreizylindervariante fortgesetzt. »Die nächste Generation wird wieder eine Stufe leichter und stärker. Wir wissen genau, was wir zu tun haben«, hält Roberts-Teammanager Chuck Aksland fest. Vor allem gibt es für das vergleichsweise preisgünstige Dreizylinder-Motorrad einen zahlungskräftigen Kunden: Das neuseeländische BSL-Team des Millionärs Bill Buckley hat seinen eigenen maroden Dreizylinder vorerst beerdigt und Fahrer Mark Willis bei Modenas untergebracht. »Wir wollen uns im Jahr 2000 mit einem funktionierenden Team und funktionierenden Motorrädern in der WM etablieren. Darüber, Vierzylindermaschinen leasen zu können, machen wir uns keine Illusionen. Doch die Modenas-Maschinen sind wenigstens erhältlich - und halten mittlerweile bis Rennende durch«, erklärte Teammanager Dave Stewart.

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