Hinter den Grand Prix-Kulissen (Archivversion) Umweltprobleme

Ralf Waldmanns Aprilia-Team kreist auch künftig als Satellit der italienischen Rennabteilung im Grand Prix-Zirkus mit. In der Gegenwart aber gibt es massive Probleme mit der Umgebung des empfindlichen Aprilia-V2-Motors.

In Assen lief Ralf Waldmann »wie ein Düsenjäger” auf die fünfköpfige Spitzengruppe auf, und wenn sich die Beläge seiner Hinterradbremse nicht an der Scheibe festgebacken und ein weiteres Vorankommen vereitelt hätten, wäre Deutschlands derzeit schnellster Motorradrennfahrer statt als Sechster womöglich als Sieger aus der Schlacht hervorgegangen.In England wurden schleunigst überarbeitete Bremszangen und Bremsbeläge geliefert, und wieder stieß Waldi mit vielversprechenden Rundenzeiten in die erste Startreihe vor. Doch die Hoffnung, ein kurzer erster Gang werde ihm das Losfahren im Rennen erleichtern, entpuppte sich als Trugschluß: Steckte er beim Start in Assen irgendwo im Mittelfeld, fiel er diesmal so dramatisch zurück, daß seine verzweifelte Aufholjagd von vornherein als vergebliche Liebesmüh feststand. Auch beim Neustart nach Unterbrechung wegen Regens kam Waldi schlecht vom Fleck, und als er als geschlagener Achter in sein Zelt zurückkehrte, stand ihm die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.»Beim Testen habe ich nie Probleme«, erklärte Ralf Waldmann, »denn da kann ich mich ganz auf den Drehzahlmesser konzentrieren. Doch beim Rennen muß ich halt auch die Gegend beobachten und deshalb nach Gehör losfahren. Und sobald ich den Motor auch nur geringfügig überdrehe, ist es vorbei - er überfettet und bleibt weg”, beschrieb der deutsche Aprilia-Pilot ein Umweltproblem, das Valentino Rossi nur in geringerem Maße hat. Denn während Rossi den Gasgriff relativ oft in Vollgasstellung dreht und sein Motor deshalb insgesamt etwas magerer abgestimmt ist, dosiert Waldi das Gas feinfühliger, bleibt öfter im Teillastbereich, und sein Motor braucht deshalb auch ein etwas fetteres Gemisch, wenn er nicht festgehen soll. »Was soll ich mich überhaupt noch anstrengen im Training - ich komme doch sowieso immer als Letzter weg”, zeterte er.Aber trotz der bislang verheerenden Saisonbilanz mit drei Ausfällen, gerade mal einem Podestplatz und dem achten Gesamtrang braucht sich sein Team um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Obwohl die meisten früheren Sponsoren abgesprungen sind und das Team zum Großteil vom Werk sowie den Aprilia-Sponsoren wie etwa Sony über Wasser gehalten wird, will Aprilia-Renndirektor Jan Witteveen auch im Jahr 2000 und womöglich darüber hinaus an der Zusammenarbeit festhalten. »Aprilia braucht einen Brückenkopf in Deutschland. Zu Beginn der Zusammenarbeit haben wir uns von vornherein auf ein längerfristiges Programm festgelegt”, erklärt Teammanager Dieter Stappert. Selbst ein zweiter Fahrer wie Klaus Nöhles oder Mike Baldinger ist nicht ausgeschlossen. »Wir müssen halt schauen, ob wir das finanzieren können”, schränkt Stappert ein.Weil die Zukunft des Teams diesmal nicht Ende Oktober, sondern bereits jetzt im Hochsommer feststeht, bleibt genügend Zeit zur Sponsorensuche. Ein spektakulärer Erfolg Ralf Waldmanns, etwa beim Grand Prix auf dem Sachsenring, wäre genau das richtige Argument in den anstehenden Verhandlungen.Deshalb wird auch intensiver denn je darüber nachgedacht, wie die Startprobleme gelöst werden könnten. Eine der möglichen Ideen stammt von Waldmann selbst: ein Drehzahlbegrenzer, den er nach erfolgreichem Start mit dem Daumen ausknipsen könnte.

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