Historischer Preisvergleich (Archivversion)

Die Rechnung, bitte

Motorradfahren wird immer teurer. Maschine, Reifen, Benzin – kaum noch zu bezahlen. Weil auch sonst alles teurer wird. Pizza, Unterhosen, Tesa-Film. Das stimmt. Und es stimmt nicht.

Nie war Motorradfahren so günstig wie heute, in den Sechzigern nicht, in den Siebzigern nicht und in den Achtzigern ebenfalls nicht. 1982 kostete ein Einsteigermodell, wie zum Beispiel die Suzuki GS 450 E, umgerechnet 2641 Euro. Heute ist was Vergleichbares, die Suzuki GS 500, schon für 4575 Euro zu haben. 2000 Euro mehr, ist doch ein Schnäppchen. Denn während ein Arbeiter 1982 noch 331 Stunden und 22 Minuten malochen musste, um sich seine Suzuki zu verdienen, geht das bei einem Arbeiter 2002 eine ganze Woche schneller*. Er steht für die GS nur noch 292 Stunden und 19 Minuten am Band oder auf dem Bau. Insofern tatsächlich billiger. Und auch die GS 450 war 1982 schnell verdient, im Vergleich zu den im Schnitt 639 Stunden Arbeit, die den Lohnempfänger im produzierenden Gewerbe 1962 von einer Honda Dream 250 trennten. Die Zeit, sich sein Einsteigermotorrad zusammenzuschuften, ist 2002 also 2,2-mal kürzer als vor 40 Jahren, 347 Stunden weniger, gut 8,5 Wochen. Seitdem ist alles billiger geworden – relativ. Relativ zur Arbeitszeit. Versicherungstarife, Schnitzel, Schuhe, Bier, Benzin (siehe Tabelle Seite 108/109).Doch gibt es eine Ausnahme: BMW. »Der hohe konstruktive Aufwand und der dadurch bedingte Preis heben alle BMW-Modelle aus dem Rahmen des gesam-ten internationalen Motorradbaus heraus und grenzen den Kreis der BMW-Interessierten ab.« Das stand 1962 zur R 69 S in »Das MOTORRAD«. Stimmt bis heute, zumindest teilweise. Der Preis für das Topmodell im BMW-Angebot ist der einzige in dem – von uns exemplarisch zusammengestellten – Warenkorb, der stärker anzog als die Löhne. Die teuerste BMW kostet heute 9,2-mal so viel, der Arbeiter bekommt mit 15,65 Euro brutto pro Stunde 8,7-mal so viel wie 1962. Für die R 69 S, erwirtschaftet in 1144 Stunden, hätte man Anfang der Sechziger 574 Kilogramm Schweinefleisch oder 3219 Liter Bier bekommen. Heute könnte man eine fabrikneue K 1200 LT, in 1210 Stunden erarbeitet, eintauschen gegen: 2683 Kilo Schwein, 16055 Liter Bier, Prost, oder drei Tonnen Rinderkochfleisch, guten Appetit. Hochgerechnet auf ein Schlachtgewicht von etwa 400 Kilo beim Rind, heißt das: Eine K, selbst beinahe so schwer wie das Schlachtvieh, entspräche rund 7,5 Ochsen (die allerdings nur aus Kochfleisch bestehen dürften). Wer sich vor 40 Jahren für eine R 69 S entschied, hätte für seine 2060 Euro alternativ 0,79 Kadett kaufen können. Der Basis-Opel kostete 535 Euro mehr. Mittlerweile sieht die Sache anders aus. Die K 1200 LT kam 2002 1,36-mal teurer als ein Kadett, der längst Astra heißt. Allerdings mobilisiert dessen 1.2-16V-Variante auch nur 75 PS. Die BMW bringt es auf 98 PS. Kalkuliert man, was für ein PS zu berappen ist, ergibt sich folgendes Bild: Ein Auto-PS, auch in einem so profanen Fahrzeug wie dem Kadett oder Astra, war bis weit in die neunziger Jahre hinein deutlich teurer. Im wahrsten Sinn des Wortes hatte das Luxus-Motorrad bis dahin ein deutlich besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Erst in den letzten zehn Jahren hat die teuerste BMW den günstigen Opel überholt: Heute kostet ein PS in der K mit 193,32 knapp zehn Euro mehr als ein Astra-PS. Bei einer Suzuki GS 500 gibt’s die Pferdestärke schon für günstige 101,67 Euro. Jedoch erschöpft sich das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht allein im Preis-Leistungs-Verhältnis. Bevor man also losschimpft, dass sich BMW für ein PS heute fast viermal so viel überweisen lasse wie vor 40 Jahren, sollte man einen Moment innehalten. Wegen Stereoanlage, Navigationssystem, Sitzheizung, Rückwärtsgang, Vollverkleidung und Koffersystem, wegen Integral-ABS, Bremskraftverstärker, Telelever, Einspritzung, Katalysator, vier Zylinder, Wasserkühlung. Da kommt einem die freundliche Fleischereifachverkäuferin fast unverschämt vor, will sie doch fürs Kilo Siedfleisch glatt 2,33-mal mehr als Anfang der Sechziger, obwohl das Rind sich in den letzten 40 Jahren kein ABS, wohl aber BSE zugelegt hat. Nicht besser das Schwein. Kostet doppelt so viel, schrumpft aber in der Pfanne um die Hälfte. Anderes Beispiel: ein Hinterreifen. Was heute für einen Wechsel fällig ist, 160 Euro, hätte einst für deren acht gereicht, für eine wabbelige Gummihaut mit holzigem Blockprofil, Schmalspur ohne Nasshaftung. Die Ausgaben für das Verschleißteil Herrenschnürschuh stiegen zwar nur um das 4,27fache, doch bewegen sich die Innovationen in diesem Sektor auf Nullniveau. Wer allerdings auf Air, Gel oder Hydroflow steht, geht oder springt, hat dafür einen ähnlich hohen Preisanstieg wie für Reifen in Kauf zu nehmen.In dem hier betrachteten Warenkorb ziehen die Preise für Güter des allgemeinen Bedarfs im Schnitt um das 3,28fache an, bezogen auf 1962, fürs Motorrad um das 5,03fache. Eigentlich ein schlechtes Bild. Gerade die Produkte jedoch, die preislich besonders angezogen haben – Premium-Motorräder und Sportreifen – brachten und bringen wesentliche technische Fortschritte. Unter diesem Aspekt ein gar nicht so trübes Bild. Und bei Einbeziehung der bisherigen Lohnentwicklung sogar ein erfreuliches.Heute hat jede Einsteigermaschine mehr zu bieten als dereinst das bayrische Vorzeigeprodukt und ist viel schneller verdient. Zugegeben, das gilt für Computer, Unterhaltungselektronik und Kommunikationstechnik noch viel mehr. In diesen Sparten fand eine technische Revolution statt. Luxusware von einst wandelte sich zum Massenartikel. Telefone zum Beispiel fotografieren heute zum Dumpingpreis, ohne Kabel.Das Motorrad funktioniert nach wie vor nicht ohne Benzin. Und an der Zapfsäule knirscht wohl jeder mit den Zähnen. Dass der Sprit so unglaublich teuer geworden sei, speziell in den letzten paar Jahren. Von 1992 bis 2002, bevor die Ökosteuer in ihrer letzten Stufe zugeschlagen hat, um 50 Prozent. Für zehn Liter Normal arbeitete man 2002 gut 40 Minuten. Das waren zwar sechs Minuten mehr als Anfang der Neunziger, aber elf weniger als 1982, sechs weniger als 1972 und fast eine Stunde weniger als 1962. Außerdem kommt der Liter Sprit, der zwar 3,53-mal teurer wurde, immer noch 15 Cent günstiger als der Liter Flaschenbier, das nur 1,84-mal mehr kostet als vor 40 Jahren. Legt man bei Tempo 100 auf der Autobahn einen Durchschnittsverbrauch von sechs Litern (Benzin!) zugrunde, dann gilt: Der Treibstoff ist 2,53-mal schneller verdient als verfeuert. 1962, als der Liter für 29,1 Cent zu zapfen war, fiel die Kalkulation anders aus. Da hieß es, fast eine Stunde schuften für eine Stunde fahren. Angesichts dieser Zahlen könnte sich der Eindruck aufdrängen, als gäbe es gar kein Problem mit stets höheren Preisen, weil sie durchweg weniger stark angestiegen sind als die Löhne. Da könnte man meinen, der Mensch von heute stünde vor einer ganz anderen Frage: Wohin bloß mit der ganzen Asche? Doch gemach. Erstens verlor die Lohnkurve in den letzten zehn Jahren dramatisch an Progression, Inflation und Lohnerhöhung liegen immer enger beieinander. Zweitens fließt vom Bruttolohn ein immer geringerer Teil in die eigene Tasche. Und drittens können immer weniger über-haupt mit einem Bruttolohn rechnen. Obwohl ein neues Motorrad heute schneller verdient ist denn je, wollen sich viele Leute das trotzdem nicht leisten. Weil sie sich anderes leisten müssen: private Rentenversicherung, Zusatzkrankenversicherung, höherer Eigenanteil bei Zahnarzt und Optiker und und und. Alles Petitessen, Peanuts, in den Kreisen derer, die sich allein für das Haushaltsjahr 2004 mit 43,4 Milliarden Euro (43400000000) neu verschuldet haben. Das entspricht dem Gegenwert von 36779661017 Liter Flaschenbier. Da der Durchschnittskonsum an Bier pro Kopf bei 130 Litern im Jahr liegt, reichte das der deutschen Bevölkerung (rund 80 Millionen) für mehr als 3,5 Jahre. Man könnte für 43,4 Milliarden aber auch zwei Millionen zweihundertneunzigtausend und achthundertzweiundvierzig BMW K 1200 LT kaufen. Selbst wenn BMW so viele Motorräder auf die Schnelle produzieren würde, es bekäme trotzdem nur jeder zweite Arbeitslose eine ab.
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Preisvergleich, historischer, 1962 bis 2002: Motorräder, Lebensmittel, sonstige Produkte (Archivversion) - Was wann was kostete

Zeitangaben beziehen sich auf den Bruttolohn, da verlässliche Angaben über den Nettoverdienst nicht vorliegen. Lohnangaben und Preise im allgemeinen Warenkorb (Schweinefleisch bis Benzin) stammen vom Statistischen Bundesamt, die übrigen Preise aus unseren Archiven. Bei BMW handelt es sich stets um das teuerste Modell im Sortiment. Die versicherungstarife errechneten sich bis in die Siebziger nach Hubraum, angegeben ist der Preis in der Klasse über 475 cm3. Für die folgenden Jahre gelten die Tarife für die Kategorie zwischen 50 und 98 PS. Die Reifenpreise verstehen sich als Listenpreise für einen Oberklasse-Pneu. Im Falle von Opel handelt es sich um den Grundpreis des Basismodells.

Preisvergleich, historischer, 1962 bis 2002: Motorräder, Lebensmittel, sonstige Produkte (Archivversion) - Preis- und lohnprogression

Am preisstabilsten erweisen sich Lebensmittel. Die Artikel aus dem Motorrad-Warenkorb sind in Bezug auf die Lohnerhöhungen zumindest als wertstabil zu bezeichnen. Allein die teuerste Maschine der BMW-Palette überholt in ihrer Preisentwicklung Mitte der Neunziger den Lohnanstieg und etabliert sich als Premiumprodukt, mit einem durch die luxuriöse Ausstattung relativierten Preis. Den stärksten Schwankungen unterliegt neben den Benzinkosten der Heftpreis von MOTORRAD.

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