Honda Africa Twin (Archivversion) Leidlose Leidenschaft

Africa Twin. Kaum ein japanisches Motorrad löst so viele Emotionen aus. Ausgerechnet wegen ihrer unerhörten Zuverlässigkeit. Eine perfekte Gebrauchtmaschine?

Der hat es verbockt.« Giovanni Marino ist sich ganz sicher. »Mann, der hätte die Maschine wenigstens voll tanken können, bevor er sie jahrelang abstellt.« Gemeint ist der Vorbesitzer der weiß-blau-roten Honda Africa Twin, die nun mit kleinen Rostblumen im Tank in Marinos Garage steht – zum Verkauf. Marino will sie nämlich wieder loswerden. Nach einem Vierteljahr und nur rund 2000 Kilometern. »Fehlkauf«, kommentiert er. Auch in dieser Hinsicht ist er sich ganz sicher. Fehlkauf, weil er eigentlich was Sportlicheres für die Straße haben wollte. Der Rallye-Look der Honda hatte ihn zwar schon immer gereizt, aber die große Reiseenduro war ihm dann doch zu schwerfällig. Und fürs Gelände nehme er die Husky, erklärt er und nickt in Richtung der ebenfalls in der Garage geparkten Husqvarna-Sportenduro. Fehlkauf also nicht etwa, weil die XRV 750, Baujahr 1995, technische Mängel aufweist. Versichert zumindest Marino und lobt die Twin für ihre Zuverlässigkeit. Der Rost im Tank lässt sich jedoch nicht wegreden. Ebenso wenig die Folgen eines Sturzes. Deutlich sichtbare Kratzer an den Verkleidungsteilen, der Fußraste und dem linken Lenkerende. Und der Tank weist eine Delle auf. Doch die Macken will der Verkäufer gar nicht vertuschen, die lange Standzeit hatte er schon in der Annonce im Anzeigenblatt aufgeführt und den genauen Zustand des Motorrads ausführlich am Telefon beschrieben. Laut Marino soll besagter Vor- und gleichzeitig Erstbesitzer der Maschine unter 1,70 Meter gemessen haben und sich nach einem harmlosen Rutscher bei Regen nicht mehr recht auf die große Honda getraut haben. Fakt ist auf jeden Fall, dass die Africa Twin nach vier Jahren und 18000 Kilometern auf der Uhr ab 1999 für vier Jahre stillgelegt in einer Garage stand. Der Erstbesitzer wollte sie zwar nicht mehr fahren, aber offenbar auch nicht verkaufen. Erst im Sommer 2003 setzte er sie in die Zeitung. Giovanni Marino bekam den Zuschlag und widmete sich zwei Wochen lang der Pflege seiner neuen Zweite-Hand-Maschine. Er verpasste ihr Heizgriffe und eine neue Batterie, besserte Lackstellen aus, klebte und verstärkte eingerissene Verkleidungsteile. Den in der Standzeit von innen korrodierten Tank versuchte Marino selbst zu entrosten. Dazu ließ er mit Druckluft kleine Eisenkugeln im Tankinneren herumwirbeln, um die Rostschicht abzuschmirgeln. Erfolglos, wie das Ergebnis bei der Besichtigung zeigt. Neue Rostblumen haben sich gebildet, und Kenner wissen, dass diese wie bestimmte Symptome einer chronischen Krankheit immer wieder auftauchen, wenn das Spritfass nicht aufwendig restauriert wird. Ein Profi nimmt dafür rund 200 bis 300 Euro, fast schon so viel wie für ein gebrauchtes Teil. Das dürfte allerdings schwer zu finden sein. Schade, denn der Rest des Motorrads lädt zum Kauf ein: Scheckheftgepflegt, Kunststoffe und Gummis sehen aus wie neu, der Motor springt gut an und läuft sehr rund. Das Federbein macht einen neuwertigen Eindruck, die Zweitbereifung, Metzeler Enduro 4, ist noch in Ordnung. Der Lack und die Farben wirken brillant, die Auspuffanlage präsentiert sich, gemessen an der Laufleistung, überdurchschnittlich gut erhalten. Ein original verpackter Kettensatz ist zudem mit dabei, das Topcase eine nette Dreingabe. Insgesamt kein schlechtes Angebot. Besonders für diejenigen, die ein gut erhaltenes, zuverlässiges Motorrad für alle Lebenslagen suchen. Mit den Kratzern vom Sturz kann man leben, bis man das Geld für neue Verkleidungsteile hat oder gebraucht Ersatz findet. Der Rost im Tank muss allerdings schleunigst raus oder ein neuer Tank her, um nicht die Vergaser mit Rostpartikeln zu verunreinigen. Statt der in der Anzeige geforderten 3850 Euro wären auf dem Privatmarkt 3200 Euro, maximal 3400 für dieses Motorrad realistisch. Unter 3600 Euro will Giovanni Marino jedoch nicht gehen. Denn diese Summe habe ihm sein Händler beim Kauf einer Neumaschine geboten. Im Frühjahr soll nämlich eine Ducati her. Ob er denn die Africa Twin nicht sofort los werden möchte? Nein, schließlich habe sie ja schon jahrelang drinnen gestanden, da könne sie es die nächsten Monate auch noch gut bei ihm aushalten, meint der Africa-Twin-Besitzer und schiebt die Honda zurück in die Garage.

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