Honda CBR 600 RR (VT: Masterbike) (Archivversion) Wo Kraft und herrlichkeit den ganzen Mann fordern

Ein Liter Hubraum, rund 170 PS – auf solch brachialen Boliden fühlt sich der spanische Testfahrer Oriol Fernández pudelwohl. Mit seinem unglaublichen Hauruck-Fahrstil stanzt er einen Rekordwert nach dem anderen in den andalusischen Asphalt. Und legt so die unglaubliche Bestzeit von 1.51,172 Minuten ausgerechnet mit einem Motorrad vor, mit dem
hier keiner gerechnet hatte. Die jüngste
Ausbaustufe der MV F4 1000 mit dem Zusatz R (ausführlicher Test in MOTORRAD 12/2006) fuhr beim Master Bike 2006 den vorläufigen Rundenrekord.
»Weil das Ding so wunderbar stabil in den schnellen Ecken liegt«, rapportierte er später zu seiner Fabelzeit. »Dieses Gerät ist einem reinrassigen Rennmotorrad
am nächsten«, bestätigt Jürgen. »Aber es braucht viel Einsatz, um damit schnell zu sein. Und für jemanden wie mich, der die Hinterradbremse nicht nutzt, ist die kaum vorhandene Motorbremse durch das spezielle Anti-Hopping-System sehr gewöhnungsbedürftig.« So gewöhnungsbedürftig, dass Renn-Profi Jürgen von fünf zur Verfügung stehenden Runden gleich zwei im Kiesbett beendet. Sieben andere Piloten fahren mit der MV nach einigen Ein-
gewöhnungsrunden ihre persönliche Bestzeit. Das ist insofern erstaunlich, als dass die MV bei der persönlichen Einschätzung der Fahrer mit der Durchschnittsnote 8,00 nur auf dem letzten Platz landet.
Favoritin der Herzen ist hingegen die Suzuki GSX-R 1000 mit einer Durchschnittsnote von 8,26. Und landet bei der Rundenzeit mit 1.54,516 nur um Haaresbreite hinter der MV und ebenso knapp vor der Yamaha R1. Dass es zeitenmäßig nicht weiter nach vorne reicht, liegt an einem gründlich missratenen Set-up. »Normalerweise liebe ich die GSX-R, diese allerdings fährt sich wie ein Chopper«, bemerkt
Jürgen nach seinem Turn ironisch. »Vorne brutal hoch, während sie hinten zusammensackt. Damit kann ich nur die ganz weiten Linien fahren. Aber irgendwann muss man ja ums Eck, drückt weiter –
und das Heck schmiert weg. Das mag für einen superaggressiven Fahrstil passen. Für meinen nicht.« Ein Urteil, das auch
andere Fahrer teilten. Doch die Suzuki-Truppe vor Ort ließ sich nicht umstimmen, noch mal Hand ans Fahrwerk zu legen. Und so blieb den Testern nur, vom tollen Motor mit seiner linearen Leistungsent-
faltung zu schwärmen, von der klasse Anti-Hopping-Kupplung, der guten Bremse.
Bei den sonst weniger aussichts-
reichen Mitbewerbern keimt dagegen Hoffung auf, für die frisch renovierte Fireblade hat es aber wieder nicht gereicht. Schlechteste durchschnittliche Rundenzeit, kein einziger Fahrer mit der persönlich besten Zeit und der vorletzte Platz in der Gunst der Piloten – die Fireblade kam beim Master Bike erneut nicht auf einen grünen Zweig. Die Gründe? Zwei sind seit Jahren bekannt und decken sich mit dem Malheur der kleinen Schwester CBR 600 RR. Die
zu lange Sekundärübersetzung schlägt in Jerez erbarmungslos durch, dazu kommt die harte Gasannahme. Neu hingegen ist die Kombination mit einem soft eingestellten Federbein und einer weit vorgespannten Gabel. In den drei Spitzkehren des Kurses ist das Gasanlegen am Scheitelpunkt jedes Mal mit einem deftigen Rutscher verbunden. »Durch die harte Gabel- und die softe Federbeinabstimmung ist das Motorrad nicht gut ausbalanciert. Das ist schade, denn normalerweise bietet die Fireblade ein feines Feedback für den Grenzbereich der Reifen. Mit einem besseren Set-up wäre trotz des im Vergleich nicht eben kräftigen Motors weitaus mehr drin, zumal die Bremse wie immer top ist und enge Linien selbst jetzt noch möglich sind.«
Yamaha zeigt, wie man es besser macht. Die feine Balance, mit der sich die Mutter aller aktuellen Sportboliden auch bei diesem Master Bike wieder präsentiert, wird von den Fahrern mit dem zweithöchsten Wohlfühlfaktor nach der GSX-R belohnt. Das beste Handling im Feld, die straffen und dennoch sensiblen Feder-
elemente, eine tadellose Ergonomie und nicht überragende, aber doch gute Bremsen: Eigentlich gibt es nichts, was die R1 an Bestzeiten hindert. Außer der Tatsache, dass ihr Motor im mittleren Drehzahl-
bereich nicht mithalten kann. »Ich musste auf der R1 teilweise mehr schalten als auf der Daytona. Es fehlt einfach Drehmoment und diese lineare Leistungsabgabe, wie
sie GSX-R und ZX-10R bieten. Dafür ist
die R1 im 600er-Fahrstil zu bewegen, der
mir ja sehr entgegenkommt.« Kein Wunder also, dass Jürgen mit der R1 seine schnellste Superbike-Runde dreht. Im Durchschnitt hingegen reicht es für die Yamaha mit hauchdünnem Abstand auf die Suzuki nur für Platz drei, auf dem sie
gemeinsam mit der GSX-R auch bei der Gesamtpunktzahl liegt.
Die Königin unter den Kraftmeiern hingegen ist auch beim diesjährigen Master Bike grün – und heißt ZX-10R. Als Einzige bleibt dieses rollende Energiepaket bei
der Durchschnittsgeschwindigkeit unter der 1.54er-Marke, vereint fünf Bestzeiten auf sich und liegt in der Sympathiewertung mit Platz drei im gesicherten Mittelfeld. Das reicht für den knappen, aber verdienten Einzug ins Finale.
Auch, weil die Kawasaki-Techniker der Versuchung widerstanden, dem Beispiel ihrer Suzuki-Kollegen zu folgen und die Gabel über Gebühr zuzudrehen. Im Gegenteil: Die Grünen schmusten sich mit einem ungewöhnlich weichen Set-up ins
Finale. »Eigentlich vorne und hinten ein wenig zu soft«, analysiert Jürgen. »Doch schön ausbalanciert, so dass man es besonders in den schnellen Ecken richtig laufen lassen kann. Schade, dass der Reifen im dritten Turn schon am Ende war. Denn der Motor geht wie Hulle, und dabei immer und überall kontrollierbar. Eine Schau.“

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