Honda Gold Wing: Gebrauchtberatung (Archivversion)

G leich einem Paukenschlag stand sie da, die GL 1000, auf der Kölner Messe IFMA 1974. Honda, das war bislang die CB 750. Nun sollte es der volle Liter sein,
ein imposantes Motorrad, knapp
300 Kilogramm schwer. Die Gold Wing glänzte mit bis dahin
aus japanischer Großserie völlig
unbekannten Details: Kardanantrieb, wassergekühltem Viertakter, drei Scheibenbremsen, zahnriemengetriebenen Nockenwellen. Dass der Riesenboxer das Flaggschiff von Honda mit einer bis heute andauernden Modellpräsenz werden sollte, hätte anfangs allerdings kein Mensch geglaubt.
Mächtig erwachsen ist die Gold Wing seitdem geworden. Der nackte Muskelprotz der siebziger Jahre hat sich zu einer imposanten Skulptur gewandelt. In der seit 2001 erhältlichen GL 1800 kommt aller Luxus zusammen, den sich Motorradreisende mit heftigem Fernweh nur erdenken können. Tief im Innern des vollverschalten Trumms brummt der Sechszylinder-Boxermotor gelassen vor sich hin. Als Projektleiter Masanori Aoki aus der sportlichen CBR-Abteilung das Gold-Wing-Thema übernahm, standen zwei Punkte ganz oben in seinem Lastenheft: Mehr Spaß muss die neue Gold Wing bringen und – so sein praktisches Fazit aus einer Amerika-Rundreise – über 350 Kilometer mit einer Tankfüllung schaffen.
An Reichweite und Langstreckenkomfort kam denn auch keinerlei Kritik auf.
Doch überhitzte Motoren und Rahmenbrüche brachten Hondas Top-Modell in Misskredit bei der Kundschaft. Der Hersteller reagierte schließlich mit entsprechenden Maßnahmen (Austausch des Steuergeräts, Nachschweißungen am Rahmen), die hitzigen Diskussionen halten in Fach- und Fankreisen trotzdem bis heute an. Tobias Fuchs, Geschäftsführer von »Biker’s Point« aus Uslar, rät
zur Gelassenheit: »Natürlich hat auch Honda selbst durch laxe Handhabe und
zähe Rückrufaktionen die Problematik eher
verschleppt und damit verstärkt. In der Summe aber spiegelt die im Internet offen
ausgetragene Diskussion nicht die tatsächliche Repräsentanz innerhalb der Gold-
Wing-Familie wider.«
In der Regel, so der Gold-Wing-
Spezialist, sind die von den Rückrufen
betroffenen Motorräder tatsächlich umgerüstet worden. Und Gebrauchtkäufer von deutschen Maschinen können über die Honda-Händler in einer zentralen Datenbank anfragen, welche Arbeiten gemacht wurden oder noch ausstehen.
Ob die GL 1800 in der Beliebtheit an das Vorgängermodell heranreichen oder dieses gar toppen wird, bleibt fraglich. Schließlich hat gerade die GL 1500 den
eigentlichen Gold-Wing-Mythos zementiert. Über zwölf lange Jahre ist das
erste Sechszylinder-Modell der Reihe in der amerikanischen Honda-Fertigung in Marysville/Ohio vom Band gelaufen. Die offizielle Verkaufszahl für den deutschen Markt kann mit rund 3600 Einheiten nur eine grobe Richtung angeben. Zu groß ist die Zahl der Grau- oder Eigenimporte. Kenner munkeln von einer Verteilung von bis zu 75 Prozent zugunsten der Grauen. Gerade durch rigide TÜV-Vorschriften verlor der imposante Highway-Dampfer hierzulande mit gekürzter Frontscheibe und flachem Topcase vom Typ »Pizzakoffer« viel von seinem Charme. Erst im Jubiläumsjahr 1995 wurde auch der deutschen Gold Wing behördlicherseits die große Scheibe und das Fullsize-Topcase gestattet.
Rund 8700 Exemplare listet das Kraftfahrt-Bundesamt derzeit an zugelassenen Gold Wings ab Modelljahr 1975, dazu kommen die Grauimporte, die sich statistisch nicht aufschlüsseln lassen. Darunter sind top gepflegte Youngtimer genauso wie
modern ausgestattete Fulldresser. Da dürfte mit Sicherheit jeder Gold-Wing-Interessent das Passende finden.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel