Honda NTV 650: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Modellgeschichte
Ende der 80er Jahre demonstrierte Honda in
eindrucksvoller Manier, wie man gestärkt aus einer Krise hervorgeht. Zahlreiche Probleme mit den Vierzylinder-V-Motoren der ersten Generation hatten heftig am Image des Weltmarktführers gekratzt. Deshalb starteten die Japaner 1985
mit der Einführung der zweijährigen Garantie eine
beispielhafte Qualitätsoffensive, erteilten den Rotstiftakrobaten Hausverbot und fertigten in der Folge Motorräder, die in Sachen Verarbeitung und Dauerhaltbarkeit den Maßstab setzten.
Dazu zählt auch die NTV 650 Revere, der bis heute der Nimbus der Unzerstörbarkeit anhaftet. Dabei verlief der Start des V2-Tourers im Jahr 1988 zunächst alles andere als rosig. Der Grund waren vor allem zu weiche Federelemente. Heftig Schelte gab es außerdem für das Spiel im Antriebsstrang, den zu lang übersetzten ersten Gang sowie für die zu weich gepolsterte und sich rasch durchsitzende Sitzbank.
Honda reagierte prompt und präsentierte bereits im folgenden Jahr eine gründlich überarbeitete Revere (siehe Modellpflege), mit der alle wesent-
lichen Kritikpunkte beseitigt waren. Gebraucht-
käufer sollten ihre Auswahl deshalb auf Exemplare ab Modelljahr 1989 beschränken. Für Langbeinige taugt allerdings auch die verbesserte Version nur bedingt. Deren Sitzbank ist zwar höher aufgepolstert, der Schaumstoffkern indes immer noch zu weich, was in Kombination mit den zu hoch und weit hinten angebrachten Fußrasten einen sehr spitzen und auf Dauer unbequemen Kniewinkel zur Folge hat. Am besten passt die NTV Piloten mit einer Körpergröße bis zu 1,75 Metern.
Dennoch verkaufte sich der Mittelklasse-Tourer sehr ordentlich, insbesondere nach der kräftigen Preissenkung ab Modelljahr 1993, die mit einer abgespeckten Ausstattung und dem Verlust der Bezeichnung Revere einherging. Da sich bis zum Ende der Baureihe 1997 die Modellpflegemaß-
nahmen im Wesentlichen auf die Anpassung an
die immer restriktiveren Abgas- und Geräuschgrenzwerte beschränkten, können Gebraucht-
interessenten bei gepflegten älteren Exemplaren ebenfalls bedenkenlos zugreifen.

Die Chancen, mit der Honda einen dauerhaften Partner fürs Zweiradleben zu finden, stehen bei einer NTV höher als bei den meisten anderen Gebrauchtmotorrädern auf dem Markt. Voraus-gesetzt, man arrangiert sich mit dem etwas biederen Aussehen und den kleinen Macken
der 650er, insbesondere dem etwas kippeligen Einlenkverhalten und dem – je nach Bereifung – spürbaren Lenkerflattern.
Apropos bieder: Das rassigere Schwestermodell namens NT 650 Hawk GT mit Alu-Rahmen
und Kettenantrieb wurde hier zu Lande ab 1990
nur als Grauimport, vornehmlich aus den USA, angeboten. Wer sich für eine Hawk interessiert, muss derzeit nicht nur lange danach suchen, sondern auch mit vergleichsweise hohen Preisforderungen rechnen.

Marktsituation
Trotz der heftigen Kritik im ersten Modelljahr entwickelte sich die NTV 650 zu einem schönen Erfolg für Honda. Der deutsche Importeur brachte zwischen 1988 und 1997 fast 15500 Stück des Kardanmodells unters Volk, wovon der Löwenanteil auf die Leistungsvariante mit 50 PS entfällt. Insgesamt verzeichnet das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) noch einen erstaunlich hohen Bestand von rund 13000 NTV – ein weiterer Beleg für die herausragende Langlebigkeit.

Viele Besitzer sind anscheinend so zufrieden mit der Honda, dass sie sich nicht von ihr trennen wollen. Das Angebot an Gebrauchten ist daher nicht übermäßig groß und hält sich mit der
derzeit eher verhaltenen Nachfrage die Waage. Die meisten Exemplare finden ohnehin auf dem Privatmarkt einen neuen Besitzer, während die gezielte Suche nach einer NTV im Handel mittlerweile selten geworden ist.
Trotzdem wird eine NTV gerne in Zahlung ge-
nommen, weil ein gepflegtes und sturzfreies Exempar nie lange stehen bleibt. Als typische Käuferklientel gelten vor allem Wiedereinstei-
ger und Vielfahrer, die sich ein wartungsarmes
Gefährt wünschen. Das Preisniveau orientiert
sich bei jüngeren Exemplaren an den Schwacke-
Werten, ältere Revere-Modelle mit moderaten
Laufleistungen liegen jedoch zum Teil deutlich darüber. Hier zum Vergleich einige von Schwacke ermittelte Händlerverkaufspreise, deren Kilometerangaben allerdings unrealistisch erscheinen: 1550 Euro (Modell 1995 mit 82000 Kilometern); 2100 Euro (Modell 1997 mit 65000 Kilometern).

Besichtigung
Modellspezifische Schwächen kennt die NTV
650 nicht, weshalb man sich bei der Besichtigung
auf die üblichen Checks von Pflegezustand
(Wartungsheft!), Verschleißteilen und möglicherweise vorhandenen Sturzspuren beschränken kann. Dabei spielt die Leistungsvariante keine große Rolle, weil eine Änderung mit dem Austausch der beiden Ansaugstutzen (Kosten für Material und Einbau zirka 100 Euro) günstig zu bewerkstelligen ist.

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