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Honda NX 650 Café Racer Dominator-Umbau von Louis

Der Plan war simpel: MOTORRAD wollte sich in Hamburg mal richtig auspeitschen lassen. Die Domina, die sich dafür hergab, war früher mal eine Honda NX 650 Dominator. Es kam anders ...

Er guckt so komisch. So als würde man einem Hund den Knochen wegnehmen. Hoffentlich beißt er nicht. Doch dafür ist Detlef Stüdemann zu gut erzogen. Seit über 30 Jahren arbeitet er bei Louis in Hamburg als Mechaniker. Der Ü-50-Mann ist fürs Grobe wie Feine zuständig. Und natürlich für Spezial-Umbauten wie diesen hier: einen kecken Café Racer, der im ersten Leben mal eine Honda NX 650 Dominator war.

Wer’s nicht weiß, steht ratlos davor und rätselt über die Basis. Denn Detlef hat die ursprünglich übergewichtige Honda NX 650 Dominator um kernige Pfunde erleichtert: 139 Kilo wiegt die Kiste noch. Und sieht jetzt nicht mehr aus wie Cindy aus Marzahn, sondern eher wie Kate Moss. Hinter dem Projekt steckt Louis-Pressemann Kay Blanke. Der Domi-Café-Racer ist sein Baby. Für das Projekt reiste er wochenlang durch die Republik, um Teile zusammenzusuchen, und tüftelte nächtelang am Style und der technischen Umsetzung. Nach seinen Vorgaben legte Mechaniker Detlef Hand an, flexte ab, formte neu und schraubte um. Hey Mann, nun guck nicht so. Wir bringen dir das Schätzchen ja auch wieder zurück …

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Silhouette und Lenker dieses Bikes sind schmal

Na super. Wieder mal so ein Einzelstück unterm Arsch. Unbezahlbar, nicht schnell reproduzierbar, hochsensibel. Denn: Was, wenn die Knöpfe meiner Jeans zarte Spuren auf dem Sonderlack hinterlassen? Was, wenn im getunten Motor ein paar Kolbenringe oder Zahnräder zum Boykott aufrufen? Mir die Straße ausgeht, ich das Teil versenke? Oder zwei kopulierende Wespen bei einer Topspeed-Kollision eine Delle verursachen? Ich sag nur eins: gut versichert, hähähä! Damit kommste bei Detlef allerdings nicht aus dem Fettnapf.

Bis zur Speicherstadt am Hafen sind’s rund 20 Kilometer. Wollen doch mal sehen, wie schnell der rote Racer hier durch den Abendverkehr sticht. Sitzen fühlt sich zunächst mal gut an, denn die Maschine wirkt noch mal deutlich leichter als das, was die Waage sagt, und das Handling ist super. Allerdings: So richtig bequem ist der Café Racer nicht: die Sitzbank schmal und hart gepolstert, die Tankausbuchtungen selbst für zierliche Personen zu zierlich. Was soll’s: Eine Domina will ja auch bewusst Schmerzen zufügen. Lässig sticht die Rote um Blechpylonen, anecken kann man kaum, denn nicht nur die Silhouette dieses Bikes ist schmal, sondern auch der Lenker. Der winzige Spiegel sowieso.

Pole Position. Links zwei tiefergelegte Typen im Dreier-BMW, ebenfalls tiefergelegt. Aufforderndes Aufheulen eines Sechszylinders. Wir antworten durch den tiefen Bass des auf 675 cm³ aufgebohrten Triebwerks, der durch Eigenbau-Krümmer plus Vorschalldämpfer und Hurric-Schalldämpfer grollt. Selbst mit eingestecktem db-Killer klingt das nach mehr als den versprochenen 62 PS. Ist es aber nicht, leider. Bei Grün geht’s los. Die Tiefergelegten haben zwar nicht den Hauch einer Chance, doch die Arme­ reißt mir dieser Umbau nicht ab. ­Dafür ist stets mächtig Drehmoment vor­handen. Und das passt wunderbar zum Konzept. „Um die volle Leistung abzurufen, muss man den db-Killer entfernen“, wird Tuning-Master Ulf Penner ein paar Tage später am Telefon raten. Zu spät. Doch die Kiste klingt auch mit Killer selbstbewusst. Letztlich egal. Style zählt. Und Erlebnis.

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Jeder Ritt ist ein Zeitsprung zurück in die Jugend

Die Speicherstadt fliegt vorbei, und die Welt ist plötzlich rosa. Denn Detlef und Kay haben hier alles richtig gemacht: Das formschöne Heck im Flat Tracker-Style fügt sich genauso harmonisch ins Gesamtkonzept wie der handgefertigte Alutank. Auch die Geometrie stimmt. Vorn rotiert jetzt ein 19er-Rad statt des ursprünglichen 21ers, zusätzlich hat man die ehemalige Enduro tiefergelegt: Die Gabelstandrohre sind um 40 Millimeter gekürzt, hinten arbeitet ein kürzeres Bitubo-Federbein.

Es gibt Fahrzeuge, die beim Erstkontakt schon unsympathisch sind. Dieser Domi-Café-Racer schafft das Gegenteil. Er verzückt. Bereits nach 20 Kilometern will man die Kiste nicht mehr hergeben. Und weiß plötzlich, warum der Detlef so grimmig geschaut hat: Weil er’s nämlich auch weiß. Also Jungs, nur mal kurz unter Freunden: Diese Maschine ist viel zu geil, als dass sie den Rest ihrer Tage als Staubfänger auf irgendwelchen Messen oder Blickfang im Flur eures Geschäftshauses verbringt. Jeder Ritt ist plötzlich wieder ein Zeitsprung zurück in die Jugend. Damals, als es nur ums pure Fahren ging. Keine Verkleidung. Keine Griffheizung. Keine Kohle. Leider.

Knapp 15.000 Euro Gesamtkosten

Apropos: Was kostet es denn, aus der pummeligen Honda NX 650 Dominator eine coole, schlanke Domina zu machen? „2250 Euro für die Gebrauchte mit 8450 Kilometern auf dem Tacho, 1750 der Auspuff, 1100 für den Lammers-Tank, weitere 1500 Euro für die Lackierung“, wird Mastermind Kay Blanke später antworten. Und weiter: „Wenn du Kleinteile und Arbeitsaufwand mitrechnest, kommst du auf knapp 15.000 Euro Gesamtkosten.“

Da fühlt man sich sofort wichtig. Doch ursprünglich wollte ich mit dieser Honda NX 650 Dominator doch zu einer Domina. Plan verworfen. Fahren ist viel orgasmischer. 30 Minuten später ist die Kälte unter der Lederjacke. Auch die Sonnenbrille entpuppt sich als böser Fehler. Denn es ist fast dunkel, und wir cruisen durchs Outback im mächtigen Hamburger Speckgürtel. Satt rumpeln die Räder über vernarbte Wege. Die Federelemente sprechen gut an, bieten Komfort, ohne schlaff zu sein. So muss es sein. Wir biegen auf eine dieser Moorebenen, über die Straßen, die wie Silberschnüre ausgelegt sind und sich am Horizont verlieren. Sorry Detlef, aber heute bekommst du dein böses Mädchen doch nicht mehr zurück. Morgen vielleicht. Aber nur vielleicht.

Foto: Gargolov
Getunt: Ulf Penner entlockte dem 650er-Einzylinder satte 62 PS und 72 Nm. K & N-Filter und Bitubo-Federbein liegen frei.
Getunt: Ulf Penner entlockte dem 650er-Einzylinder satte 62 PS und 72 Nm. K & N-Filter und Bitubo-Federbein liegen frei.

Weitere Informationen zum Louis-Umbau

Technische Daten Honda NX 650 Café Racer

Basis: Honda NX 650 Dominator, Baujahr 1998; MOTOR: Einzylinder-Viertaktmotor, 62,5 PS bei
6760/min, 75 Nm bei 4660/min, 675 cm³, Bohrung x Hub: 102,4 x 82 mm, Mikuni-Flachschiebervergaser, K & N-Luftfilter, Krümmer und Vorschalldämpfer sind Eigenbau, Hurric-Schalldämpfer;

Fahrwerk: Serienrahmen gecleant und Heck gekürzt, Gabel: Serie, Standrohre 40 mm gekürzt, Wirth-Federn, Bitubo-Federbein, Räder: vorn D.I.D. 1,85 x 19 mit 100/90-19, hinten D.I.D. 2,5 x 17 mit 140/80-17, Bremsen: Brembo-Sättel (Serie) mit Lucas/TRW-Racing-Scheiben;

Umbauten: Lammers-Tank, Louis-Sitzbank, Kinzlin-Sitzbezug, Louis-Scheinwerfer, T&T-Instrumente, LSL- Lenker, Magazi- und Kellermann-Blinker, Lithium-Ferro-Mini-Batterie von modellbaufuchs.de, Motortuning: Ulf Penner, Lackierung: Schrammwerk; Trockengewicht: 139 kg;

Preis: wird nicht verkauft

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